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Eine Anthologie der Sachsen-Klasse: Es gibt eine andere Welt

Ralf Julke
Es gibt eine andere Welt.
Es gibt eine andere Welt.
Foto: Ralf Julke
Es gibt Lesungen, die es in sich haben. Und man kann sich nur wünschen, dass die am Donnerstag, 2. Dezember, 20 Uhr im Haus des Buches genau so eine wird. Denn das Buch, das dabei präsentiert wird, ist es wert. Dabei haben es sich die beiden Herausgeber Andreas Altmann und Axel Helbig ganz, ganz einfach gemacht.

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Sie haben an alle wichtigen Dichter, die in Sachsen aufgewachsen sind oder hier leben, die schlichte Bitte gesandt, ihnen ein paar Gedichte zu schicken. Möglichst aus den letzten zehn Jahren. Für eine Anthologie der jüngsten Dichtung des Landes. Wobei das "jüngste" eingeschränkt werden muss. Sie haben sich auf die gestandenen Dichterinnen und Dichter konzentriert, die schon mit Veröffentlichungen überzeugt haben. Die ganz, ganz Jungen, bei denen man noch nicht weiß, ob das, was sie zu sagen haben, auch über Jahr und Tag trägt, die sind nicht drin.

Drin sind - so machen die Herausgeber ebenfalls deutlich - auch all jene nicht, die auf die Bitte nicht reagiert haben. Und trotzdem ist das Buch, das auf diese scheinbar unkonventionelle Art entstand, repräsentativ. Nicht nur im besten Sinne. Am Ende fragt sich der Leser sogar besorgt: Wenn die alle aus Sachsen kommen, gibt's denn dann in den anderen deutschsprachigen Regionen gar keine Dichter?

400 Seiten Gedichte aus Sachsen: Es gibt eine andere Welt.
400 Seiten Gedichte aus Sachsen: Es gibt eine andere Welt.
Foto: Ralf Julke

Das Buch ist eine Wucht geworden. Und im Nachwort analysiert der Germanist Peter Geist recht akribisch, woran es liegen könnte, dass ausgerechnet Dichter aus Sachsen so prägend wurden für die deutschsprachige Lyrik des späten 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Das Literaturinstitut in Leipzig lässt er dabei beiseite, auch wenn ein paar Namen im Band sich natürlich genau hier wieder verankern lassen. Im Positiven wie im Negativen.

Hier stehen Peter Gosse und Helmut Richter genauso wie Bernd Jentzsch und Hans-Ulrich Treichel, stellvertretend fürs alte Institut, das noch den Namen Johannes R. Becher trug, und das neue, das nun Deutsches Literaturinstitut Leipzig heißt. Etliche der mehr als 100 Dichterinnen und Dichter haben sich hier zeitweilig aufgehalten, auch wenn das nicht notwendig war, um in der DDR mit dem in Berührung zu kommen, was heute in der Literaturwissenschaft schon mal gern als "Sächsische Dichterschule" bezeichnet wird. Ein Begriff, den einmal Adolf Endler prägte, der auch am Literaturinstitut studierte und dabei natürlich mit einer Zentralgestalt der "Sächsischen Dichterschule" in Berührung kam: Georg Maurer.

Beide Dichter sind nicht im Band vertreten. Doch die großen Namen der (ersten) "Sächsischen Dichterschule" kommen trotzdem drin vor. Allesamt natürlich Vertreter der "hohen ästhetischen Standards der Lyrik aus der DDR", wie Geist schreibt. Volker Braun gehört dazu genauso wie Karl Mickel, Heinz Czechowski, Wulf Kirsten oder Reiner Kunze.

Die Standards beschreibt Geist an mehreren Stellen: "Sie verband in ihren poetologischen Maximen der enge Aufeinanderbezug von Leben und Schreiben, von geschichtlicher Vergewisserung, politischem Insistieren, erotischem Begehren, sinnlichem Lebensdetail und ästhetischer Reflexion".

Und er benennt einen Dichter als mögliche Quelle und klassischem Maßstab für Qualität und Fülle dessen, was Dichter aus Sachsen seit 50 Jahren schreiben: Paul Fleming, Ausnahmedichter des 17. Jahrhunderts. Der hat in Leipzig studiert und zu seinem 400. Geburtstag im Jahr 2009 auch etliche Neuauflagen seiner Gedichte bekommen. Die Wurzeln der sächsischen Dichtkunst reichen tief. Und die meisten, die sich in diesem Band zu Wort melden, kennen ihre Wurzeln, haben sich mit der Geschichte ihre Berufes beschäftigt. Jeder auf seine Weise.

Für viele Jüngere sind jetzt selbst schon die Vertreter der "Sächsischen Dichterschule" ein Vorbild. Exemplarisch für diese Vorbildrolle: der 2007 in Berlin verstorbene Wolfgang Hilbig, der nicht nur mit eigenen Texten im Band vertreten ist, sondern auch in etlichen Gedichten jünger Dichter gewürdigt wird. Manchmal sorgt der Tod eines Geachteten tatsächlich für Trauer und Betroffenheit.

Die Gemeinschaft der hier Vertretenen ist eng vernetzt, auch wenn es einige - wie Gabriele Eckart - bis in die USA verschlagen hat. Der Poetenladen selbst ist ein Ort dieser dichten Vernetzung. Man registriert, was die anderen tun. Und man zitiert gern. Gerade dann, wenn es Motive sind, die das eigene Welt- und Lebensgefühl begleiten. Fast unauffällig der immer wieder gern gewählte Bezug auf den berühmtesten aller sächsischen Philosophen - auf Leibniz und seinem Satz von der "besten aller möglichen Welten". Gern missverstanden - und trotzdem so treffend. Die Sachsen wissen diesen Philosophen mit seinen durchaus eigenen Ansichten zu schätzen, auch wenn ein Franzose - Voltaire - vorexerziert hat, welche Abgründe sich auftun, wenn man mit Leibniz philosophiert.

Es gibt eine andere Welt. Eine Anthologie aus Sachsen.
Es gibt eine andere Welt. Eine Anthologie aus Sachsen.
Foto: Ralf Julke
Das Ergebnis sieht nach mehr aus als nach einer ganz zufälligen Sammlung. Der Band hätte auch in ein sattes dunkles Grün gebunden werden können. Denn obwohl es kein ausgewähltes "Best of ..." ist sondern ein scheinbar zufälliger Querschnitt dessen, was die begnadeten Dichterinnen und Dichter aus Sachsen in den letzten zehn Jahren so trieben, ist es ein Band geworden, der über diesen Flecken Erde mehr verrät als alle Heimatgesänge aus der Staatskanzlei. Hier muss nichts künstlich gestiftet werden, hier darf, was an Talent gewachsen ist, zu Wort kommen. Und das Erstaunliche: Es "rumpelt" nicht. Auch jene, die in der DDR in die Mühlen der Staatsmacht gerieten, in Gefängnissen landeten oder das Land - freiwillig oder gezwungenermaßen - verließen, sind aufgehoben in diesem Chor. Gerade ihre bitteren Erfahrungen mit den Schergen der Macht bringen eine weitere, genauso klare Note in das Gesamtbild.

Entstanden ist ein Band, wie es ihn eigentlich seit Jahrzehnten nicht gab. Ein Buch, in das man sich vertiefen kann und das in seiner Fülle versammelt zeigt, wie bilderreich, genau und sinnlich Dichtung aus Sachsen ist und wie sehr sie das prägt, was an der aktuellen deutschen Lyrik tatsächlich wichtig ist. Über den Tag hinaus. Und zwar genau aus dem Grund, der zum Selbstverständnis der älteren und der neueren sächsischen Dichterschule gehört: Wichtig ist der Tag und der Augenblick. Das trug die Gedichte Paul Flemings über die Jahrhunderte - und das wird auch die Gedichte vieler der hier Versammelten über die Zeiten tragen.



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Es gibt eine andere Welt
Andreas Altmann, Axel Helbig (Hrsg.), Poetenladen Leipzig 2010, 24,80 Euro
Abgründe, die die Sachsen zur Genüge selbst erlebt haben, bis hin zum tatsächlichen Verlust ihrer Heimat. Auch das längst ein Ur-Motiv, von Wolfgang Hilbig in seinem Gedicht "Das Meer in Sachsen" exemplarisch durchexerziert. "furchtbare unglücke / katastrophen im tertiär preßten / das meer in die kohle in sachsen wüst und gottgewollt ..." - Das Motiv taucht bei den Dichtern aus der Lausitz logischerweise genauso eindrucksvoll auf wie bei denen aus dem Leipziger Raum - mal als verwüstete und geplünderte Landschaft, mal als rußige, rauchgeschwängerte Stadt.

Und da liegt wohl auch einer der Gründe dafür, warum die erlebte Landschaft bei fast allen Dichtern plastisch, anschaulich und lebendig im Gedicht erscheint. Wer Angst haben muss, dass einem diese durchaus eindrucksvolle Landschaft unterm Hintern weggebaggert wird, der weiß zu schätzen, was er sieht. Aber nicht nur die Landschaft - auch das eigene Erleben wird zum fassbaren und starken Bild, egal ob Liebe, das Erleben der Welt und ihrer Vergänglichkeit, ob Verlangen oder Trauer.

Altmann und Helbig haben die ausgewählten Texte (von jedem Dichter maximal vier) in mehrere Themenkomplexe gegliedert, so dass sich Gedichte auf einmal auf engstem Raum nebeneinander finden, die nie für den öffentlichen Dialog gedacht waren. Und auf einmal tun sich trotzdem die Verwandtschaften aus, spürt man einen gemeinsamen Ton, den ganz gleichen Anspruch, beim Arbeiten mit den Worten und Bildern genau und deutlich zu sein, so sehr sich auch der Stil der Autoren unterscheiden mag.

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Am Donnerstag, 2. Dezember, um 20 Uhr wird die Lyrikanthologie im Haus des Buches (Gerichtsweg 28) in Leipzig vorgestellt.

Es lesen die im Band vertretenen Dichter Róza Domascyna, Wulf Kirsten und André Rudolph. Außerdem der Schauspieler Tilo Esche. Das Gespräch mit den Herausgebern Andreas Altmann und Axel Helbig und dem Verleger Andreas Heidtmann moderiert der Dichter Richard Pietraß.

www.poetenladen-der-verlag.de


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