Wenn die Idole das Leben erdrücken: Ein Stück über Mutter und Vaterland
Ralf Julke
21.01.2011
Ein Stück über Mutter und Vaterland.
Foto: Ralf Julke
Wenn es um die liebe gute Heimat geht, dann haben unsere Nachbarn, die Polen, augenscheinlich ein genauso kompliziertes Verhältnis wie die Deutschen. So jedenfalls kann man "Ein Stück über Mutter und Vaterland" der Warschauer Dichterin und Dozentin für Gender Studies, Bozena Keff auch interpretieren. Und erschrecken.
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Denn dann erübrigt sich ja der Selbstbetrug, nur die eigenen Nationalnarren wären schlimm, es wäre nur ein deutsches Problem. Aber irgendetwas ist da im 20. Jahrhundert so gründlich schief gelaufen mit den Nationen und ihren Bewohnern, dass kaum noch ein Land nicht mit den heftigen Verwerfungen zu kämpfen hat, die ein nationalistischer Populismus so mit sich bringt. Auch in Polen trägt er chauvinistische und antisemitische Züge. Das ist die Begleitmusik in Bozena Keffs Stück, das in weiten Strecken wie ein Rückgriff auf antike Dramen-Traditionen wirkt.
Ein Chor spielt eine wesentliche Rolle - er spielt die Rollen, die das Volk so gespielt hat in der jüngeren polnischen Geschichte, mal als duldsames Lamm, mal als wartende Patientenschar, mal als Demonstrationschor der Solidarnosc. Denn das Leben der beiden Hauptfiguren - Ohrinchens und ihrer Mutter - spielt sich vor dem Tableau der Geschichte der letzten 70 Jahre ab, beginnt mit der Ermordung der Familie der Mutter und ihrer Flucht - und führt bald hinein in die schwierige Symbiose der Mutter, die von ihrer Tochter mehr als nur Dankbarkeit und Wiedergutmachung für das eigene Schicksal verlangt.
Beide kommen zu Wort. Ihre Stimmen wechseln sich ab mit den Kommentaren der Erzählerin. Erinnerungen an vergangene Erlebnisse wechseln sich ab mit Klagen und Vorwürfen. Und darüber - in immer neuen Versionen eingeblendet: das idealisierte Bild der verehrten Mutter, die mal die Ur-Mutter aus der Vorgeschichte ist, öfter die Mater Dolorosa. Doch die Rollen passen nicht. Sie verdecken nur die nie aufgearbeitete Tragik des Krieges, des Holocausts und der Vertreibung aus Lemberg, die das Leben der Mutter dominieren - und damit auch ihre besitzergreifende Beziehung zur Tochter, die sich heftig wehrt gegen die Umschlingung - und dabei selbst leidet.
Bozena Keff: Ein Stück über Mutter und Vaterland.
Foto: Ralf Julke
Es ist unübersehbar ein Drama, das von den lang anhaltenden Folgen erzählt, die die Traumata des Krieges und des Völkermordes hervorgebracht haben - und die sich in immer neuen Generationen manifestieren, weil sie nicht aufgearbeitet, nicht geheilt wurden. Wenn dann gar das Schweigen über die tiefen Verletzungen zugetüncht wird mit den falschen Bildern von unbedingter Vaterlands- und Mutterliebe, dann entstehen fast alptraumhafte Dialoge oder - eigentlich in der Mehrzahl: Monologe. Die Beschwörungen der Tochter erreichen keine Reaktion in den anklagenden Reden der Mutter.
In Polen wurde Keffs Stück augenscheinlich als wichtige und notwendige Beschäftigung mit den beiden großen Tabus Vaterland (Väter sucht man in ihrem Stück vergebens) und Mutter betrachtet.
Und so fremd ist das alles nicht aus deutscher Perspektive. Auch wenn hier das Verhältnis zum Vaterland deutlich gebrochener ist und die katholische Überhöhung der Mutterrolle nur von wenigen politischen Fraktionen noch als Grundmuster bedient wird.
Aber die grundlegenden Konflikte haben genauso tiefe Generationenkonflikte ausgelöst, die Traumata eines verschuldeten Völkermordens mit all seinen Folgen sind noch lange nicht ausgeheilt, auch wenn jetzt schon die zweite Generation daran arbeitet, die Verwundungen zu begreifen.
Bozena Keff: Ein Stück über Mutter und Vaterland.
Foto: Ralf Julke
Wie schwer es für die Kinder ist, das Schweigen und die Anklagen der Eltern zu ertragen, wird hier spürbar. Und auch, welche neuen tiefen Frustrationen es auslöst, wenn die Älteren erwarten, die Jüngeren würden nun das einlösen, was ihnen im Leben nicht vergönnt gewesen war. Und so delegieren die einen ihr Leben - und die anderen können in der Umklammerung nicht frei atmen.
Was schon bedrückend genug ist. Die antisemitischen Prahlereien des Volkes im Wartezimmer geben dem Ganzen dann noch den leisen Brandgeruch, der immer mitschwelt, wenn mal wieder Nation und Mutterrolle besungen werden. Und das müssen gar nicht die Muskelprotze vom rechten Rand sein. Das kann auch ein kleiner arroganter Bürokrat sein, der ein knallrotes Buch in die Welt lanciert mit dem bärbeißigen Titel "Deutschland schafft sich ab".
Die Zündler der modernen Nationen sind sich alle sehr ähnlich. Und es sind immer große Worte und Idole, die sie auf den Altar heben. Sie lieben den Klamauk mit Fahnen, Denkmale, Tribünen und Eliten. Und es ist egal, welche Sprache sie sprechen. Sie kennen nur das Absolute, weil sie sich vor dem konkreten Menschlichen und den Sorgen und Nöten der Anderen fürchten. Sie haben kein Mitleid. Und die Folgen ihres Tuns sind ihnen herzlich egal.
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So betrachtet, wird auch die Dimension der griechischen Tragödie mit ihren selbstgerechten Göttern und ihrer schwarzen, undurchschaubaren Pädagogik verständlich, die Bozena Keff ihrem Stück gegeben hat. Die Tochter Ohrinchen verwandelt sich immer wieder, ist mal Kora, mal Persephone. Und damit ähnelt sie all den tapferen griechischen Königstöchtern, die versuchen, dem waltenden Verhängnis ihre Liebe und ihre Aufopferung entgegen zu setzen. Was ja meistens ganz tragisch scheitern musste.
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