Goðan Daginn oder der Versuch zu dichten in Zeiten des Verpackungsmülls
Ralf Julke
29.01.2011
Goðan Daginn.
Foto: Ralf Julke
Gelesen hat Jens Rosch, Jahrgang 1967, augenscheinlich eine Menge. Sein Verleger ist begeistert, hat 2003 auch schon den ersten Gedichtband "Jokhang-Kreisel" herausgebracht. Jetzt liegt der zweite vor, wieder ein bisschen exotisch betitelt "Goðan Daginn".
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Schamanen tanzen durch die Gedichte des Frankfurter Uni-Lehrers, Mandelstam trifft Nooteboom. Und ein ganz Teil Gedichte ist reine "Maskerade". So ist auch das Kapitel betitelt, in dem Rosch in die Haut anderer Dichter schlüpft, mal die von Ezra Pound, mal die von Gottfried Benn oder die von Friedrich Hölderlin. Daraus entstehen Gedichte, die sind beinahe wie von den Vorbildern. Das Spiel bleibt sichtbar. Rosch vermischt die Dichter, die er nachahmt, mit Künstlern, die ihm so begegnen - Arnold Schönberg etwa oder Beuys.
Sogar an Puschkin versucht er sich, an dessen kessen Tonfall. Heraus kommen witzige, fast schnippische Verse. Bei Jessenin gelingt ihm die Anverwandlung dafür gar nicht. Der Ton ist nicht leicht zu treffen. Das ist das eine. Das Schwierigere ist natürlich der Vorgang dahinter: das Schlüpfen in die fremde Weltsicht. Wo Pound und Benn vielleicht noch über ihre Art des Dichtens zu fassen sind, ist Jessenin erst durch seine herausfordernde Grundhaltung zu verstehen. Die sich - unübersehbar - mit der guten alten deutschen Naturlyrik nicht fassen lässt.
Die leider fortlebt auch in der gegenwärtigen Lyrik in Deutschland. Fügungen wie "goldenes Blätterkreiseln", "rosige Wasser" oder "Heuschoberlächeln" passen da hin.
Oder auch nicht. Es funktioniert eigentlich schon lange nicht mehr, kommt selbst bei Rilke so nicht mehr vor. Aber in deutschen Lesebüchern. Leider und immer wieder. Denn das Problem der deutschen Sprache ist nicht ihr Reichtum, sondern der Sinn ihrer Benutzer für die richtigen Worte, Bilder und Töne. Gedichte leben weniger vom Vers und vom Thema als von der Genauigkeit und Lebendigkeit ihrer Bilder. Auch Dichter sind - eigentlich - Arbeiter im Wortwerk. Und sie haben es schwer. Ständig werden sie gestört.
Zweiter Gedichtband von Jens Rosch: Goðan Daginn.
Foto: Ralf Julke
Immer neue Eindrücke und Informationen klingeln an der Tür, drängen sich auf, glitzern und wollen Eindruck schinden. - Das meiste davon ist Talmi.
Eigentlich kennt Rosch diesen Zustand der Zerrissenheit. In "Mandelstam empfängt Nooteboom in seiner Küche in Moskau" benennt er ihn sogar. "Warum / sind die Metaphern so krumm & Zeilen so gerade? - Liegt es daran, dass Worte ein Vogelschwarm sind / den das lautliche Denken doch nie einfängt, oder - ist der universelle Zusammenhang dieser Welt / nur ein hitziger Gast auf Schienen?"
Es ist ein uraltes Problem. Und es zwingt zur Entscheidung. Lässt der Autor all die Störungen, die zumeist schon im eigenen Kopf rumoren, herein in den Text und lässt es einfach fließen? Oder arbeitet er und schindet sich, um dem Text Tiefe und Leben zu verleihen? - Jens Rosch hat sich für den ersten Weg entschieden. Deswegen sind seine Gedichte eher eine große Reise - von André Breton zu Siegmund Freud, von Sloterdijk bis nach Island an den Fuß des Vulkans, wo "Goðan Daginn" ein Zwiegespräch am Lagerfeuer sein könnte. Aber nicht ganz ist.
Jens Rosch: Goðan Daginn.
Foto: Ralf Julke
Es sei denn, man lässt sich auf den Autor ein, der sich die Bilder nimmt, wo er sie findet. Das Ergebnis ist dann eher ein kubistisches Bild, ein Puzzle. Wahrscheinlich genau das, was viele Menschen des Informations(überflutungs)zeitalters so erleben, wenn sie Landschaft sehen oder Welt - die Dinge bilden keine Einheit mehr, das einstmals scheinbar Unversehrte sendet widersprüchliche Botschaften aus. Nicht tatsächlich, obwohl natürlich Plastikmüll in einer Schlucht genau so wirkt.
Aber da das alles in unseren Köpfen geschieht, ist auch ein eigentlich unvermüllter Ort auf Island nicht gefeit davor, von uns als Projektionsfläche für unsere mitgebrachten Vor-Urteile und Ab-Bilder dienen zu müssen. Abschalten scheint nicht mal mehr möglich. Umschalten auf ein Sehen ohne Raster auch nicht. Das Ergebnis: Die Bilder sind nicht mehr tief und auch nicht genau.
Das mag sogar Absicht sein: Mitten im Aufbau eines Verses wechselt das Bild, wechselt auch die Sprechhaltung. So dass der Leser eigentlich eher kein Gedicht bekommt, sondern eine Prozessbeschreibung. Eine Art Blaupause direkt aus der Kopffabrik. Oder wie es Rosch in "Wieso atmen, nicht zählen" nennt: "hyperventilierende Ideenfabriken".
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Goðan Daginn
Jens Rosch, Leipziger Literaturverlag 2010, 14,95 Euro
Verständlich, dass er Rat nicht nur bei chinesischen Dichtern sucht, sondern auch bei Sloterdijk, der ja zumindest zu erklären versucht, warum die Menschen immer rast- und ruheloser werden. Etwas Ähnliches treibt auch Rosch um, auch wenn er es nicht ganz so oft so deutlich zeigt wie in "Verwirrung der Substanzen": "kein Wald / bleibt verschont vom Verpackungs- / Krieg, dem Kampf um die Augen der / Käufer wird auch der entlegenste / Ort geweiht ..."
So isses. Kein leichtes Wandern für Dichter. Und 'ne Menge Arbeit am Wortwerk.
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