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Eine Verlagsgeschichte wie ein nervenaufreibender Roman: 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage

Ralf Julke
100 Jahre Kiepenheuer-Verlage.
100 Jahre Kiepenheuer-Verlage.
Foto: Ralf Julke
Zur Feier des 100jährigen wurden in Berlin die Lichter ausgeknipst. Der Aufbau Verlag, in dessen Portfolio am Ende das Label Kiepenheuer gelandet war, stellte dessen Verlagstätigkeit unter dem alten, schönen Namen ein. Gleichzeitig erinnerte in Leipzig eine Ausstellung an den 100-jährigen Verlag. Und das hier ist das Buch dazu.

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Ein echtes Fleißwerk. Und ein Vorbild für das, was zu Verlagen zu erforschen wäre. Und nicht nur zu Verlagen. Denn auch wenn hier irgendwo auf den 420 Seiten der alte und nie wirklich gelungene Vergleich zwischen Buch- und Bierverlegern auftaucht und als Witz augenscheinlich in die Hose ging - die schlichte Wahrheit ist: Bei allem Engagement für Schöngeistiges sind auch Buchverlage zuallererst Wirtschaftsunternehmen. Mit allen Konsequenzen. Die Bilanzen müssen stimmen, die Ware muss verkäuflich sein, die Inhaber müssen überleben können und ihre Lieferanten, die Autoren, brauchen auch genug Geld zum Leben.

Doch all das steht natürlich in der Regel weder in den langen Buchbesprechungen der Zeitungen noch auf den Waschzetteln der Bücher. Wer die liest (und die meisten Buchrezensenten lesen auch nicht mehr, auch wenn sie so tun, als ob ...), hat meist den Eindruck, hier ein Erfolgsprodukt vor sich zu haben, das auf dem Markt seinesgleichen sucht. Bei mittlerweile über 90.000 deutschen Neuerscheinungen im Jahr fast ein Unding.

40 Autoren haben die 100jährige Verlagsgeschichte erkundet.
40 Autoren haben die 100jährige Verlagsgeschichte erkundet.
Foto: Ralf Julke

Zu der Zeit, als Gustav Kiepenheuer 1910 in Weimar seinen Verlag gründete, war das noch nicht ganz so viel, was da aus den Druckereien kam. Zumindest was die Titelzahl betraf. Aber im Grunde ist es egal, ob man einer Konkurrenz von 90.000 oder bloß 10.000 ausgesetzt ist. Das Buch muss seine Käufer finden. Und es muss einen Bedarf befriedigen - beim Leser nämlich. Deswegen sind Verleger auf der Suche und produzieren - wie auch Kiepenheuer - vieles, was schlicht für den Tag gedacht ist. Davon redet heute niemand mehr. In den alten Katalogen steht es noch. Und Kiepenheuer hat damit all das finanziert und vorfinanziert, was in den 1920er Jahren begann, den Ruf und den Ruhm seines Verlages auszumachen. Knapp ein Jahrzehnt lang war Kiepenheuer einer der Verlage, die in Deutschland das Diskutabelste verlegten, was deutsche Autoren so schrieben. Anna Seghers, Bertolt Brecht, Georg Kaiser, Joseph Roth oder Arnold Zweig hießen die Autoren.

Wäre es nur das, wäre das eine hübsche kleine Geschichte fürs Sonntagsblättchen. Doch in 100 Jahren verändert sich die Welt. Mehrmals. Es steht in den Geschichtsbüchern. Und es ließ auch Kiepenheuers Verlag, der in den 1920er Jahren nur ganz langsam aus seinen Finanzproblemen herauskam, nicht ungeschoren. Selbst bis dahin ist die Geschichte eine, die sich - von einem der Starautoren Kiepenheuers erzählt - bis heute aufregend lesen ließe. Hätte denn einer davon darüber geschrieben. Doch deutsche Autoren laufen, selbst wenn sie klug und hellwach sind, an den besten Geschichten meistens vorbei.

So dass dann - zum 100jährigen - 40 Nachgeborene anfangen, die Archive zu durchwühlen, mit Zeitzeugen zu sprechen oder sich selbst zu erinnern. Nicht nur an den frühen Verlag Gustav Kiepenheuers und seiner Frau Noa, die 1949 - nach Gustavs frühem Tod - die Geschäftsleitung übernahm und bis in die 1970er Jahre inne hatte. Der Leser staunt und lernt. Denn was sich in den ersten Geschichten wie eine der großen Verlegerlegenden zu lesen beginnt und in den "goldenen Zwanzigern" in Potsdam gipfelt, erweist sich, je weiter das Jahrhundert fortschreitet, als ein zähes und tapferes Ringen um den Erhalt des Verlages, um Buch- und Vertriebsrechte, um die Suche nach Nischen und Überlebensstrategien.

Was ja bekanntlich Ende der 1940er Jahre dazu führte, dass auch Kiepenheuer - wieder in Weimar gelandet - in den westlichen Besatzungszonen versuchte, ein Standbein aufzubauen. Nicht nur, weil seine Arbeitsmöglichkeiten in der SBZ drastisch beschnitten waren, sondern auch, weil die drei westlichen Besatzungszonen Importe aus dem Osten ebenso drastisch abblockten. Auch so ein Punkt, an dem man stutzt: Wirklich zärtlich umgegangen sind beide Seiten nicht miteinander.

Siegfried Lokatis / Ingrid Sommer (Hrsg.): 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage.
Siegfried Lokatis / Ingrid Sommer (Hrsg.): 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage.
Foto: Ralf Julke
Oder - um es einmal so zu formulieren, wie es meist vergessen wird: Der Kalte Krieg hatte zwei Seiten. Und beide haben sich wie kalte Krieger benommen. Von Anfang an. Mit allen obskuren Folgen bis hin in die deutsche Verlagslandschaft hinein. Bei Kiepenheuer war es der entstehende Ableger in Hagen und Köln, den der vormalige Weimarer Bibliothekar Joseph Caspar Witsch augenscheinlich noch in Absprache mit Gustav Kiepenheuer gründete. Doch durch Kiepenheuers frühen Tod hing diese Gründung 1949 auf einmal in der Luft. Witsch machte also - auch wieder recht folgerichtig - seinen eigenen Verlag daraus, Kiepenheuer & Witsch.

Und auch dieser Verlag profitierte - wie seinerzeit Gustav Kiepenheuer von seinen genialen Lektoren profitierte - von einem der umtriebigsten Lektoren der Zeit: Fritz H. Landshoff. Eine eigene Geschichte. Dem Leser bleibt kein Gänseschauer erspart. Denn auch solche Beziehungen sind meist von Tragik überschattet. Müh und Fleiß werden nicht immer belohnt. Was dann auch der ursprüngliche Kiepenheuer Verlag erfahren musste, der nach dem Tod Noa Kiepenheuers in eine Verlagsgruppe mit Insel, List und Dieterich zusammengeworfen wurde und damit in Leipzig landete, wo das Verlagskonglomerat 1990 in den Strudel der Privatisierung geriet und 1993 gar noch in einen waschechten Skandal, der das Ende von Kiepenheuer in Leipzig bedeutete. Ein paar Jahre lang existierte Kiepenheuer dann noch als Teil der Aufbau-Gruppe.



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100 Jahre Kiepenheuer-Verlage
Siegfried Lokatis; Ingrid Sonntag, Ch Links Verlag 2011, 29,90 Euro
Aber da sich diese 100 Jahre wie ein waschechter Roman lesen, ist der Leser am Ende sogar fast froh, dass es so nervenaufreibend nicht noch weiter geht. Für eine Verlagsgeschichte ist das, was die Leipziger Buchwissenschaftler hier zusammengetragen haben, mehr als spannend, vielschichtig und aufregend. Es gibt Interviews, in denen auch die persönlichen Sichtweisen der Akteure zu Wort kommen, es wird auch die ganz eigene Geschichte der Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH erzählt. Man erfährt eine Menge über die emsige Arbeit der Lektoren, die auch in Zeiten der politischen Gegenwinde Bücher entstehen ließen, die das Lesepublikum glücklich machten (und die Papierkontingente sprengten).

Wie selten ein Buch über eine Unternehmensgeschichte zeigt dieses, wie eng verflochten der Erfolg mit unternehmerischem Wagemut, der Nase fürs Machbare und dem Engagement vieler Persönlichkeiten zusammenhängt. Ohne diese Aufregungen hinter den Kulissen ist der schöne Name nur Schall und Rauch.


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