Mit hellwachen Sinnen durch das Berlin des Jahres 1929: Iris Berlina
Ralf Julke
07.03.2011
Iris Berlina.
Foto: Ralf Julke
Serbien ist Schwerpunktland zur Leipziger Buchmesse, die vom 17. bis 20. März stattfindet. Und kein Verlag hat so viele Neuerscheinungen serbischer Autoren im Programm wie der Leipziger Literaturverlag. Selbst ein Buch aus dem Jahr 1929 könnte bei Literaturfreunden für Furore sorgen: Milos Crnjanskis "Iris Berlina".
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Milos Crnjanski, 1893 geboren, gehört zu den avantgardistischen Dichtern - nicht nur Serbiens, sondern auch jener Vielvölkerstaaten, deren Teil Serbien im 20. Jahrhundert war. Angefangen mit dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dessen Kulturattaché Crnjanski in den Jahren 1928 / 1929 in Deutschland war. Es sind besondere Jahre. Es sind jene zwei Jahre vor dem 24. Oktober 1929, in denen das Deutschland der Weimarer Republik sich endlich stabilisiert hatte und sich eine Zukunft abzeichnete, die sich grundsätzlich von dem unterschied, was nach dem "Schwarzen Freitag" tatsächlich auf die Tagesordnung kam.
Wer nachlesen will, wie der Zusammenbruch der Weltwirtschaft 1929 / 1930 zustande kam, sollte es jetzt in den einschlägigen Grundlagenwerken tun. Es könnte helfen, in der Gegenwart Schlimmeres zu verhindern. Denn was bei allen Erklärungen zur großen Finanzkrise der Jahre 2008 ff. nicht stimmt, ist die Behauptung, sie hätte nicht dieselben Ursachen wie die von 1929.
Der kluge Blick des Besuchers: Berlin im Jahre 1929.
Foto: Ralf Julke
Sie hat dieselben. Genauso, wie der weltweite Wirtschaftsaufschwung dieselben Gründe hat wie der vor 1929. Es geht um Milliardenkredite und es geht um ein weitgehend unreguliertes Bankensystem. Und nicht ohne Grund erwähnt Crnjanski immer wieder das amerikanische Geld, das den deutschen Aufschwung der 1920er Jahre erst ermöglichte und - als schönen Nebeneffekt - die Amerikanisierung der deutschen Hauptstadt Berlin mit sich brachte. Ein Berlin, das auf einmal mit Neonglanz, Lichtermeeren, Automobilien und einer New York nachgelebten Schlaflosigkeit auf einmal zum funkelnden Zentrum Europas wurde.
Ein Berlin, in dem Milos Crnjanski nich nur arbeitete und lebte, sondern das er auch wachen Auges erkundete - mit all den modernen Verkehrsmitteln, die in der Hauptstadt für ein rasendes Tempo sorgten, das auch für die Zeitgenossen als Bruch mit der piefigen preußischen Vergangenheit der kaiserlichen Vorkriegsstadt empfunden wurde. Deutschland lebte - für Milos Crnjanski unübersehbar - in zwei verschiedenen Zeitzonen. Während gerade das Zentrum Berlins für das neue Nachkriegsdeutschland und seine rasende Amerikanisierung stand, waren schon am Rande Berlins die Ruinen der untergegangenen Gesellschaft unübersehbar. Und eine Reise in die deutsche Provinz machte endgültig deutlich, wie zäh das alte Vorkriegsdeutschland dort überlebte, wie finster und revanchionistisch ganz speziell der deutsche Süden war.
Dass genau aus diesem nationalistischen Provinz-Deutschland, in dem die Kriegsniederlage auch 1929 noch nicht akzeptiert oder begriffen worden wäre, zum Ausgangspunkt der finsteren Entwicklungen ab 1933 werden würde, sah der neugierige serbische Dichter wohl so deutlich wie wenige andere.
Was besonders verblüfft, ist sein Blick auf das arbeitsame Treiben der Deutschen, ihre verbissene Strenge, die Kriegsniederlage und ihre Folgen durch Fleiß und Arbeit schnellstmöglich zu überwinden. Milos Crnjanski hätte auch das um 20 Jahre versetzte "Wirtschaftswunder" schildern können - so ähneln sich die Bilder, so ähnelt sich die Flucht der Deutschen in eine Verdrängung der jüngsten Vergangenheit durch das Leistungsethos von Arbeit, Betriebsamkeit, wirtschaftlichem Erfolg. Es gibt kein anderes Buch, das so deutlich macht, wie sehr dieses Deutschland von 1929 der Bundesrepublik ab 1949 ähnelt.
Milos Crnjanski: Iris Berlina.
Foto: Ralf Julke
Mit dem Unterschied: Es ist unzerstört. Den deutschen Städten ist nicht anzusehen, dass dieses Land aus eigener Schuld einen Krieg angezettelt und verloren hatte. Im Gegenteil: Statt auf ein graues, farbloses Deutschland zu treffen, erlebt der junge Serbe ein Land aus kräftigen Farben, steht tatsächlich vorm noch fast neuen Leipziger Hauptbahnhof und ist vom Lichterspiel fasziniert. Er erlebt ein Land im Aufbruch in die Moderne - und er übersieht trotzdem nicht die gärende Unlust der Provinz, dem Berliner Tempo zu folgen. Er erkundet die Berliner Armenviertel - und sieht, wie alte historische Quartiere niedergebrochen werden, um "amerikanische Kreuzungen" zu schaffen. Er besucht die alten sorbischen Dörfer in der Umgebung von Berlin. Er besucht die Etablissements, in denen die Neureichen und die Herren und Damen der Halbwelt hofieren. Und er lässt sich von Offizieren die kommende Wehrpflicht erklären.
Im Rasen der Großstadt sind alle Menetekel der nahen Zukunft an die Wand gemalt. Doch als Crnjanskis Essay 1929 erscheint, ist die Zukunft dieses Landes noch offen.
Milos Crnjanski sollte später noch einmal nach Berlin zurückkehren - für drei Jahre ab 1935 als Korrespondent des Zentralen Pressebüros der jugoslawischen Regierung. Nach der Besetzung Jugoslawiens durch deutsche Truppen ging Milos Crnjanski ins Londoner Exil, wo er bis 1965 blieb - in seiner Heimat totgeschwiegen als "Rechtsabweichler".
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Iris Berlina
Miloš Crnjanski, Leipziger Literaturverlag 2011, 16,96 Euro
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