Ein außergewöhnliches Buch vom Unterwegssein: Rom - New York - Markkleeberg
Ralf Julke
18.04.2011
Rom - New York - Markkleeberg.
Foto: Ralf Julke
Wie erlebt man die große weite Welt, wenn man in einem Land aufgewachsen ist, in dem das Reisen in die Welt den meisten ihrer Einwohner verwehrt war? In dem das ferne New York nur ein Traum ist oder die Kulisse in importierten Kinofilmen? Paris ein Märchen? Rom eine betrauerte Fußnote in einem Buch von Ingeborg Bachmann.
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Kathrin Aehnlich, die 2007 mit "Alle sterben, auch die Löffelstöre" ein beachtenswertes Debüt hinlegte, erging es nach dem, was die einen beharrlich immer noch "Wende" nennen, die anderen ebenso beharrlich und falsch "Wiedervereinigung", genau so. Als die Mauer fiel, war sie knapp über 30. Als sie gebaut wurde, gerade vier Jahre alt. Da hat man das zugemauerte Land DDR als Schicksal erlebt, das Nicht-Reisen-Können als Lebenszustand. Die große weite Welt kam manchmal mit Filmen hereingeschwappt. Und sie wirkte um so größer und faszinierender, je länger die DDR ihr eigenes, eingeschlossenes Flair entwickelte.
Vor den großen Schlachtrufen von "Wir sind ein Volk" tauchten auf den Leipziger Montagsdemonstrationen ganz andere Sprüche auf, die von wesentlich authentischeren Sehnsüchten sprachen. "Visafrei nach Hawaii" war einer davon. Sehnsüchte, die man sich im eingemauerten Land ersatzweise erfüllen musste. Durch regelmäßige Besuche im "Internationalen Buch" etwa, wo Kathrin Aehnlich sich den Band von Ingeborg Bachmann griff wie eine Flaschenpost aus einer exotischen Welt. Einmal nur wie Ingeborg Bachmann in Rom sitzen in einem Café ...
Wahrscheinlich ist es so: Wer nicht in der DDR aufgewachsen ist, der kann sich das Märchenhafte so eines Traumes nicht wirklich ausmalen. Der wird auch nicht unbedingt verstehen, warum eine junge Frau dann im Sommer 1990 nicht gleich den Koffer packt und losfährt, so, wie es viele nunmehrige Ex-DDR-Bürger ja in Massen taten.
Kathrin Aehnlich: Rom - New York - Markkleeberg.
Foto: Ralf Julke
Doch was tun, wenn man sich fürchtet, dass die Idealvorstellungen vor der Wirklichkeit nicht bestehen? Wenn die Träume beim Anblick der realen Orte sich tatsächlich als Träume entpuppen? So bricht die Leipziger Rundfunkjournalistin spät auf in die Städte ihrer Träume. Das macht das Besondere und das Faszinierende dieses Buches aus. Sie fährt mit Skepsis los und erlebt ihr geliebtes Rom im April 2005. Das Ticket und die Unterkunft hat sie im allerletzten Moment gebucht. Der Zeitpunkt selbst ist ungewöhnlich: Soeben ist jener Papst gestorben, der einen Großteil ihres Lebens stets medial präsent war und dessen Ostergrüße 25 Jahre lang weltweit übertragen wurden.
Verständlich, dass dieser Rom-Besuch auf vielfache Weise außergewöhnlich ist. Bis hin zu dem Moment unter den internationalen Reporterteams am Rande des Petersplatzes, die die Trauerfeier für Johannes Paul II. übertragen - und Kathrin Aehnlich sitzt mit ihrem Mikrofon an der Balustrade und fängt die Geräusche dieses Tages ein. Ihr Buch, ihre Erzählweise leben von der jahrelangen Arbeit beim Rundfunk. Sie weiß, wie Bilder im Kopf entstehen. Und deswegen sieht sie auch, was die anderen nur filmen: Wie der Wind das Evangeliar auf dem Sarg des gestorbenen Papstes Seite für Seite umblättert. Bis es zuklappt.
Und weil man auch im Radio-Feature so schön zurückblenden kann in die Vorgeschichte, tut sie es auch während ihrer Reiseschilderung - sie blendet zurück in ihre einstigen Reisen aus der DDR nach Polen, die ja selbst wieder ganz eigene Begegnungen verschiedener Welten waren. Welten, die ab 1980 gründlich auseinander drifteten.
Ganz ähnlich das Abenteuer ihres ersten New-York-Aufenthaltes, zustande gekommen durch eine Einladung zur Lesung aus ihrem Erfolgsbuch "Alle sterben, auch die Löffelstöre". Und weil sie das Buch gern auf Englisch und möglichst auch richtig vorlesen möchte, entsteht schnell ein Beziehungsgeflecht, das aus dem Abenteuer tatsächlich eine Begegnung mit einigen New Yorkern und ihren Lebenswelten macht. Und natürlich wird ihr Besuch am Ground Zero auch eine Begegnung mit ihrem eigenen 11. September 2001.
In der dritten Stadt in diesem Buch, in Markkleeberg, da lebt die Autorin. Doch auch hier geht es weniger um die Stadt als um ihre Bewohner und um einen jener ganz gewöhnlichen deutschen Momente, als die Polizei in einer Nachtaktion in das Leben einer Familie aus dem Kosovo einbricht, die in Markkleeberg eine neue Heimat gefunden hat und nun - weil deutsche Bürokratie solche Gesetze eben stur einhält - abgeschoben werden soll ins Kosovo. Ein Ereignis, das viele Markkeeberger solididarisiert. Was nicht verhindern kann, dass die beiden heranwachsenden Söhne der Familie trotzdem in ein Land abgeschoben werden, das sie gar nicht kennen, in dem sie nicht einmal Hoffnung auf eine Ausbildung und eine Arbeit haben.
Wenn deutsche Politiker über Einwanderung sprechen, klingt das fast immer wie eine Anmaßung. Selten tauchen die Ursachen für die Not der um Asyl Bittenden auf. - Für die Abgeschobenen, die die Autorin dann in einer abenteuerlichen Busreise ins Kosovo besucht - ist Markkleeberg die Traumstadt. Und der Leser kann sich einen Moment in eine völlig neue Rolle versetzen: Wie erginge es unsereinem an der Stelle dieser Menschen, deren Wunsch, in Sachsen eine neue Heimat zu finden, mit einer Abschiebung ins Nirgendwo bestraft wird?
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Und noch ein Traumland taucht auf in diesem Buch. Eines, in das nun tatsächlich niemand mehr reisen kann. Und das können jetzt wohl tatsächlich nur all jene nachempfinden, die in der DDR aufgewachsen sind mit all ihrem Grenzen, unerfüllten Ansprüchen, unvollkommenen Lösungen und Reiseverboten: "In gewisser Weise war auch ich ausgewandert. Mit jeder Montagsdemonstration, mit jeder Runde um den Leipziger Ring hatten wir uns weiter von unserem Land entfernt. Visafrei bis Shanghai. Am Tag, als die Mauer fiel, verschwand das Land, in dem wir bisher gelebt hatten, auf Nimmerwiedersehen und ließ uns zurück."
Kathrin Aehnlich "Rom - New York - Markkleeberg. Vom Unterwegssein", Arche Literatur Verlag, Zürich/Hamburg 2011, 18 Euro.
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