Ayurveda im Alltag: Gesund leben auf die alte indische Weise
Ralf Julke
12.06.2011
Ayurveda im Alltag.
Foto: Ralf Julke
Alles ganz einfach und doch kompliziert? - Ayurveda erfreut die Europäer schon seit ein paar Jahren als exotische Möglichkeit, etwas für die eigene Gesundheit und das körperliche wie seelische Gleichgewicht zu tun. Je bekloppter die offizielle Jagd nach Glück und Perfektion ist, um so schmerzlicher das Bedürfnis nach Gesundung. Warum nicht mit einer 5.000 Jahre alten indischen Lebensphilosophie?
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Dazu muss man schon längst nicht mehr nach Indien fahren. Auch in Deutschland sind entsprechende Angebote in letzter Zeit zahlreich entstanden. Man sollte, bevor man sie nutzt, freilich bei den seriösen Anbieterverbänden nachfragen, rät Carola Ruff, die sich in ihren jüngeren Büchern schon recht ausgiebig mit gesunder Küche und vor allem der direkten Beziehung zum Kochen, Backen, Zubereiten beschäftigt hat. Auch die Küche des (europäischen) Mittelalters hat sie erkundet. Was sie da tut, mutet immer mehr wie ein groß angelegtes Forschungsprojekt an: Zurück zu den Wurzeln.
Das muss nicht immer gesund und sinnvoll sein - davon kann sie in ihrem Mittelalterbüchlein einiges erzählen. Denn vergangene Zeiten waren oft auch arme und darbende Zeiten. Aber andererseits sind die zurückliegenden Jahrtausende natürlich auch Schatzkammern des Wissens. Auch von Wissen, dass im modernen Alltag verschüttet oder verschwunden ist.
Wer nimmt sich denn überhaupt noch die Zeit, über das eigene innere Gleichgewicht nachzudenken und vor allem - danach zu suchen? Trotz aller Modewellen. Mancher springt ja von Welle zu Welle und wird trotzdem nicht weise.
Eine Erkenntnis aber bahnt sich gerade bei den etwas aufmerksameren Zeitgenossen wieder Bahn ins Bewusstsein: Gesundheit ist nicht das Produktionsergebnis eines von Haifischen und Bürokraten aufgeblähten Gesundheitssystems. Gesundheit ist ein dynamischer Zustand, den man sich bewahren kann, indem man ein sich selbst gemäßeres Leben führt. Darüber haben die Inder vor 5.000 Jahren wohl nachgedacht. Bestimmt haben das auch andere Völker getan. Nur hat mit der Ayurveda ein philosophisches System bis heute überlebt, mit dem das alte Wissen der Inder über sich selbst auch heute noch nacherlebbar und nachahmbar ist.
Gesund leben - vor allem durch das richtige Essen: Ayurveda im Alltag.
Foto: Ralf Julke
Das Grundprinzip ist eingängig. Es steht als Spruch gleich vor dem Titelblatt: "Wer richtig isst, braucht keine Medizin. Wer falsch isst, dem nützt keine Medizin." Carola Ruff versucht recht einfach darzustellen, wie man dazu kommen kann, das richtige Essen für sich zu finden. Der erste Schritt ist das Ausloten, zu welchem Dosha man gehört - oder besser: Welches Dosha für einen überwiegt. Dosha sind die drei Grund-Energien des Menschen. Die drei Doshas heißen Vata, Pitta und Kapha. Sie sind nicht nur den unterschiedlichen Konstitutionen des Menschen zugeordnet, sondern auch den Tages- und Jahreszeiten, dem Lebensalter und den Körperregionen. Sie können sich verändern und man kann selbst auch was dafür tun, sie zu verändern, sie in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen.
Und das beginnt damit, das man seine Ernährung umstellt und das isst, was dem eigenen Dosha entspricht. Das ist schon eine kleine Wissenschaft für sich. Und ganz gewiss wird sich mancher mit etlichen Zutaten der ayurvedischen Küche schwer tun. Auch wenn Carola Ruff da und dort einen europäischen Ersatz für die indischen Zutaten empfiehlt. Denn in vielen Belangen ist die ayurvedische Küche etwas für Menschen, die auf Kaffee und Tee verzichten können, auf Alkohol sowieso. Dafür gibt's morgens heißes Wasser zu trinken, dann wird Öl gekaut und die Nase wird mit Salzwasser gespült.
So hart ist das Leben als Ayurveda-Künstler nicht immer. Aber den Büro-Kaffee durch Ingwerwasser zu ersetzen, ist ganz sicher etwas für Menschen mit einem eisernen Willen. - Was steckt eigentlich dahinter, fragt sich der geborene Europäer? Geht es nicht vielmehr darum, so gelöst und mit sich im Reinen wie möglich in den Tag zu kommen? Die Lebensgeister also möglichst ohne Holzhammer zu wecken?
Immerhin sind die Heilkünste der alten Inder ja auch in Europa nie ganz unbekannt gewesen. Auch bei Hildegard von Bingen findet man diese Prinzipien eines mit sich selbst ins Gleichgewicht gebrachten Menschen. Und Dinge wie Ingwer, Kreuzkümmel, Kurkuma oder Schwarzer Pfeffer gehören nicht unbedingt zu dem, was sie empfiehlt. Aus gutem Grund: Sie waren nicht nur teurer Import. Sie gehörten auch nicht zur heimischen Küche.
Und wenn Carola Ruff heimische Kräuter, Obst und Gemüse für ihre Ayurveda-Rezepte empfiehlt, hat es genau damit zu tun: Gesund isst man, wenn man seinen Speiseplan auf die Früchte der Jahreszeiten daheim einstellt und vor allem regional angebaute Produkte bevorzugt. Und vor allem solche, von denen man weiß, wo sie herkommen. Dass Obst, Gemüse und diverse Milchprodukte per se gesünder sind als Fleisch, muss auch nicht wirklich mehr erklärt werden.
Carola Ruff: Ayurweda im Alltag.
Foto: Ralf Julke
Die Rezepte sind vielfältig. Langweilig wird so ein Leben nicht. Auch wenn sich mancher schwer tun wird damit, die frischen Erdbeeren nicht in Milch und Müsli zu stecken. Oder gar auf Kuchen und Torten zu verzichten. Aber wer es noch nicht aus der heimischen Küche kennt, lernt es hier, wie reich eine Küche mit Gemüse, Reis, Nudeln, Kartoffeln sein kann. Vor allem, wenn man auch noch lernt, die eigene Magengröße als Maßstab zu nehmen: Schluss mit Essen ist nicht, wenn nichts mehr reingeht, sondern schon bei einer Zwei-Drittel-Füllung des Magens. Danach braucht der Magen seine vier Stunden zum Verdauen. Erst dann gibt es Nachschub. Denn auch das gehört zur Gesundheit: Eine komplette Verdauung.
Die Essenempfehlungen werden noch um einige Yoga-Übungen ergänzt, deren Sinn immer wieder ist: sich seiner selbst bewusst zu werden. Denn der Normalzustand des modernen Europäers ist leider: Er ist außer sich.
Dazu hat Carola Ruff einen Spruch aus dem "Talmud" gestellt, der es in sich hat: "Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Deine Worte. - Achte auf Deine Worte, denn sie werden Deine Handlungen. - Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Deine Gewohnheiten. - Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. - Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal!"
Das wäre ein Spruch, den könnte man an alle deutschen Schulen schreiben: So formt sich der Mensch. Oder lässt er sich formen.
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Dem ein oder anderen wird das sicherlich helfen, die hilfreichen Wirkungen der Ayurveda für sich zu entdecken. Oder eines der professionellen Angebote dazu zu nutzen. Aber auch Teile aus dieser großen alten Lebensphilosophie laden zum Ausprobieren ein. Sollte ja nicht so schwer sein, den Tagesrhythmus ein klein wenig zu ändern, den Speiseplan aufzumöbeln und ab und an ein bisschen Yoga zu machen, da freuen sich Körper und Seele.
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