Bilder im Kopf: Wer macht eigentlich aus Fotos erst Ikonen?
Ralf Julke
21.06.2011
Bilder im Kopf.
Foto: Ralf Julke
Am 16. Juni wurde im Zeitgeschichtlichen Forum die Wanderausstellung "Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte" eröffnet. Eine Ausstellung, die zeigt, wie Bilder zu Symbolen einer Zeitepoche werden. Oder werden sollen. Nicht jeder Versuch, ein Foto zur Ikone zu machen, funktioniert. Das Buch zur Ausstellung beleuchtet die Entstehungsprozesse.
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Es sind Sozial-, Politik- und Medienwissenschaftler und etliche versierte Historiker, die in 14 Kapiteln den Werdegang eines Fotos von seiner Entstehung (oder Inszenierung) bis hin zum tausendfach veröffentlichten Erkennungsbild für einen ganzen historischen Vorgang nachzeichnen. In drei dieser Kapitel beschäftigen sich die Autoren mit den Bilderwelten des Nationalsozialismus, der DDR und der Bundesrepublik. Jede dieser Gesellschaften hat ja ihren eigenen Bilderkanon. Auch die ältere der beiden deutschen Diktaturen ist ja nicht einfach in den Archiven verschwunden. Im Gegenteil. In den letzten Jahren hat man das latente Gefühl, dass einige große deutsche Medien sich regelrecht baden in den inszenierten Bilderfluten des Dritten Reiches.
Das war noch in den 1960er, 1970er Jahren nicht so. Auch wenn sich da die Auseinandersetzung mit dem NS-Regime auch unter Historikern so langsam wandelte. Doch mit dem Wandel kamen auch die lange Zeit verbannten Inszenierungen Hitlers, seiner Kumpane, der gewaltigen Aufmärsche und des Krieges wieder an die Oberfläche, tauchten ganze Dokumentarserien im TV auf, die sich eifrig des alten Propagandamaterials bedienten. Stets unter dem Mäntelchen der historischen Aufarbeitung. Aber so recht wirken diese Filmchen nicht wie Aufarbeitung, schon gar nicht wie eine kritische. Tatsächlich verdeutlichen sie nur, wie wenig Bildmaterial es über die andere Seite des Faschismus gibt - den Alltag, die Opfer, die Zerstörungen. Das kilometerlange Filmmaterial der Propagandamaschine beherrscht alles.
Wie Ikonen der Zeitgeschichte entstehen: Bilder im Kopf.
Foto: Ralf Julke
Und in einigen Magazinen hitlert es fast jeden Tag. Das überstrahlt längst auch alle Bilder aus der DDR. Bilder, die - so weit offiziell - natürlich genauso zensiert und inszeniert sind. Manche mit der klaren Absicht, eine Ikone zu schaffen. Im vollen Sinn des Wortes. Wie bei jenem Händedruck beim Vereinigungsparteitag von SPD und KPD von 1946 oder der Installierung Adolf Henneckes als "Prototyp des sozialistischen Helden", eine Geschichte, die Silke Satjukow erzählt. Eine Geschichte, die in den Märchenbüchern des Sozialismus stets mit Henneckes gewaltiger Normübererfüllung endet. Und dann? In DDR-Lesebüchern war nicht zu lesen, wie sehr sich Hennecke damit selbst seinen Kumpeln entfremdet hat und wie sein künftiger Lebensweg dem der blassen Funktionäre ähnelte, in deren Reihen er aufgenommen wurde.
Ob Fotos zu Ikonen werden, darüber bestimmen jene, die diese Fotos vervielfältigen. Redakteure in der Regel. In NS- und DDR-Zeit waren es meist die Funktionäre, die ihre Macht mit den "richtigen" Bildern untermauern und immer wieder neu inszenieren wollten. Auch das ein Grund dafür, warum solche Inszenierungen oft schon in ihrer Entstehungszeit wie potjemkinsche Dörfer wirken. Fremd und zuweilen beängstigend in ihrer Banalität. Wer braucht denn tatsächlich all die Tribünen und Fahnenaufmärsche?
Es ist kein Wunder, dass das Meiste, was zum Norm-Bilder-Repertoire der DDR gehörte, heute nur noch historische Reminiszenz ist. Manchmal sind die Bilder nur noch Beleg für das, was die einstigen Auftraggeber sehen wollten - die Mauer aus Kampfgruppenangehörigen etwa vorm Brandenburger Tor, das typische DDR-Bild vom "antifaschistischen Schutzwall", ein Wort, das ja selbst ein Bild ist, das seine Ursprünge im Sprachgebrauch der LTI - Lingua Tertii Imperii (die Sprache des Dritten Reichs) - nicht verleugnet.
In einem Land mit Pressefreiheit, wo tatsächlich Redakteure in wenigen Augenblicken entscheiden müssen, welches Bild eine Geschichte groß aufmacht, haben Regierende wenig Einfluss darauf, welches Foto zur Ikone, zum dauerhaften Sinnbild eines Ereignisses wird. Tausende Fotos sind von den "Rosinenbombern" gemacht worden, die Westberlin 1948 aus der Luft versorgten. Aber zum Sinnbild der Luftbrücke wurde das Foto von Henry Ries. Auch den Sprung des Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann haben mehrere Kameramänner abgelichtet. So dicht nebeneinander, dass um das am Ende "siegreiche" Motiv sogar ein Urheberstreit entbrannte. Aber es ist das Foto von Peter Leibing, das bis heute zum Symbol der einstigen Teilung und des Freiheitswillens der Ostdeutschen wurde. Genauso, wie nur ein einziges Foto zum Tod Benno Ohnesorgs am Ende die Redakteure überzeugte: Das isses.
Der Schriftsteller und Ohnesorg-Freund Uwe Timm war es, der darauf hinwies, dass gute Fotos tradierte Bilderzählungen aufnehmen - in diesem Fall das christliche Motiv der Pièta. Fotos, die solchen Bilderfahrungen der Betrachter entsprechen, haben gute Chancen, zur Ikone zu werden. Denn sie sprechen nicht nur Bekanntes an, sie ordnen das Geschehen auch in einen klaren Gefühlskanon ein. Das trifft auch auf Willy Brandts Kniefall 1970 am Ehrenmal des Warschauer Ghettos zu. Und selbst auf die Polaroid-Bilder der RAF vom entführten Hanns Martin Schleyer trifft es zu. Ungewollt. Die Kidnapper erwiesen sich als Dilettanten in Sachen PR: Zu sehr ähnelten die Bilder den stigmatisierenden Fotos der Nazis von "Volksfeinden", die sie mit umgehängtem Schild durch die Straßen trieben. Mit diesen Fotos verspielte sich die RAF selbst bei sympathisierenden Linken die letzte Akzeptanz.
Bilder im Kopf.
Foto: Ralf Julke
Aber nicht nur politische Dilettanten greifen zu falschen Mitteln. Auch Regierende tun es. Während es Al Quaida augenscheinlich gelungen ist, mit dem Anschlag auf die Twin Towers des World Trade Center Bilder in die Welt zu setzen, die bis heute wirken und Emotionen auslösen, war das Bild-Management der Bush-Regierung in den Folgejahren eher ein Versuch, mit hollywoodaffinen Inszenierungen das Bild der Zerstörung mitten in New York zu übertönen. Oft genug freilich geriet das zu neuen Bild-Desastern.
Das 20. Jahrhundert war eine Zeit der großen Bilder. Und die Gefahr wächst - darauf wies Jürgen Reiche am 16. Juni hin - dass Geschichte immer mehr nur noch über Bilder erzählt wird, Bilder, die die Ereignisse quasi auf den Punkt bringen. Und damit natürlich auch reduzieren. Die Beiträge in diesem Buch belegen es ja selbst: Den größeren Teil der Geschichte können auch die besten Schnappschüsse nicht zeigen. Sie werden zu Zeichen, die für etwas wesentlich Komplexeres stehen. "Höchste Zeit, dass sich die Historiker mit dem Thema beschäftigen", sagt Reiche.
Denn natürlich bedeutet die zunehmende Inszenierung der Bilder auch, dass schon die Gegenwart von ihnen beeinflusst wird. Schon die Tagespolitik wird über Bilder inszeniert. Und der Betrachter, der sich von der täglichen Flut der Bilder nicht mehr zu distanzieren vermag, ertrinkt darin, ist den Inszenierungen oft hilflos ausgeliefert.
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Denn natürlich greifen nicht nur Diktaturen zur Bildinszenierung (und Bildfälschung). Das tun auch andere Interessengruppen und Machtklüngel, die ein Interesse daran haben zu bestimmen, welches Bild von ihnen in die Öffentlichkeit gelangt. Politik und PR vermischen sich. Und die Gefahr, dass Journalisten den Betrug mitmachen - oft auch, weil sie ihn gar nicht mehr erkennen - verstärkt sich.
Es ist schon eine bedenkenswerte Ausstellung, die da bis zum 8. Januar im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen ist. Und es ist ein Buch zum Nachdenken über Bilder, ihre Absichten und ihre Macht.
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