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Lose Worte: Einmal so abgeklärt sein wie der alte Mann mit dem Hund

Ralf Julke
Lose Worte.
Lose Worte.
Foto: Ralf Julke
Fünf Bände mit Gedichten hat Manfred Peringer im Engelsdorfer Verlag schon veröffentlicht. Mit "Lose Worte" legt er seinen sechsten vor in der 2009 neu geschaffenen Lyrikbibliothek des Verlages. Der Band kommt in dunklem Olivgrün daher, der Titel sehr zurückhaltend: "Lose Worte".

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Das klingt nach Wortspielen. Doch damit hat nicht einmal der erste Teil "Es blaut so grün" zu tun. Denn Peringer, der einst bei einem großen deutschen Kommunikationsdienstleiter tätig war, lebt seit ein paar Jahren als freier Lyriker und Romanautor in Bayern und ist das, was man einen guten Gelegenheitsdichter nennen darf. Nicht, weil er gelegentlich was schreibt, sondern weil er die Gelegenheiten nutzt, die sich für ihn als Keim für ein Gedicht anbieten.

Das ist eine Kunst. Und die beherrscht nicht jeder. Schon gar nicht unter jenen, die glauben, sie beherrschten es. Denn das Störendste bei dieser Arbeitsweise sind - man glaubt es kaum - die Worte. Wer nur mit ihnen spielt, hat schon verloren. In der Regel werden das dann entweder Kalauer oder die tausendsten Aufgüsse von Uhland, Eichendorff oder Mörike. Wenn sie überhaupt je diese Qualitäten erreichen.

Der sechste Gedichtband von Manfred Peringer.
Der sechste Gedichtband von Manfred Peringer.
Foto: Ralf Julke

Peringer beherrscht noch die alte Spaziergängerkunst, die Momente auf sich wirken zu lassen und in sie einzutauchen. Egal, ob es ein Ausflug in eine von der Jahreszeit gefärbte Landschaft ist, eine Reise auf eine Urlaubsinsel, ein unverhofft nebelhafter Morgen. Das, was anderen auch so zustößt. Nur nimmt sich nicht jeder die Zeit, die Stimmung in sich aufzunehmen, das, was ihn beeindruckt, in Worte zu fassen - so genau wie möglich, so farbig wie möglich. Das müssen nicht immer große Gedichte werden oder gar Hymnen. Kleine tun's auch. Manchmal ist es nur eine in Verse gefasste Selbstvergewisserung, wie schön dieser Tag, dieser Ort, dieser Moment sind.

Manchmal bahnt sich auch die Trauer des Lebens in diese Gedichte. Der zweite Teil des Bandes "Das Meer ist gleich vor dem Fenster" ist - auch hier trügt der Titel - keine Sammlung von Reisegedichten. Es ist ein eindrucksvoller Zyklus von Gedichten, in denen einer Abschied nimmt von der großen Liebe seines Lebens. Und das in scheinbar simplen, alltäglichen Szenerien. Es ist ein Thema, von dem man annimmt, es sei eigentlich schon ausgeschrieben, dazu ließe sich nichts Neues mehr sagen.

Doch es ist wie in jenem Gedicht von Heine: Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu ... - Auch diese. Denn jeder erlebt sie auf seine Art. Nichtsahnend zu Anfang, noch voller Zuversicht. Dann kommen die ersten Enttäuschungen, die kleinen, jähen Ernüchterungen, bei denen man noch glaubt, jetzt habe einem der eigene Kopf einen Streich gespielt. Dann verdichten sich die Gewissheiten und den Abschieden folgt das endgültige Verlassensein ...

Alles große, emotionale Themen, die schon Generationen von Künstlern zu ergreifenden Werken aller Art animiert haben. Aber was hilft einem das, wenn es einem just selbst passiert? Wie geht man damit um? - Bei Peringer werden sehr nachdenkliche, manchmal traurige, manchmal sehr melancholische Texte daraus. Jeder wie eine kleine Miniatur, in der sich das Erlebte verdichtet. Peringers Gedichte sind manchmal kleine Stücke Lebenshilfe. Vielleicht Selbsthilfe und Selbstermunterungen. Verzagt man jetzt oder nimmt man das Leben an, wie es einem dennoch geschenkt ist?

"Was können wir anderes tun, / als unsere Schuhe zu putzen / für einen weiteren Inseltag. / A Whiter Shade of Pale."

Peringer gehört zu denen, die wissen, dass man gar nicht viele Worte braucht für ein stimmiges Gedicht. Dass man auch keine besonders auserwählten Worte braucht, dass die scheinbar so gewöhnlichen völlig ausreichen, wenn man weiß, wo sie hingehören und was sie an möglichen Bedeutungen in sich tragen, welche Anklänge sie bieten. Ein Inseltag kann etwas ganz Banales sein - oder das Bild für eine große Einsamkeit.

Manfred Peringer: Lose Worte.
Manfred Peringer: Lose Worte.
Foto: Ralf Julke
Und dass er die großen Songs der modernen Rock- und Popmusik liebt, gibt er in seiner Biographie selber zu.

Teil 3 - "Stille über den Dächern" - liest sich dann schon wie das langsame Wieder-Tritt-Fassen im Leben. Hier sucht einer die neuen Verlässlichkeiten im Leben. Hier versucht einer, die schmerzhafte Leere nach dem Verlust mit neuen Bildern und Ermutigungen zu füllen. Gedanken an das Hinübergehen begleiten ihn nun - doch der da am Ufer des Flusses steht, der will Hoffnung haben, der will sich ganz wörtlich nicht gehen lassen.

Und er zürnt noch, wenn er die täglichen Nachrichten hört, sieht oder liest. Damit hat Peringer Teil 4 gefüllt. "Haldenromantik" heißt der. Das titelgebende Gedicht ist ein echt peringscher Umgang mit dem Thema Wegwerfgesellschaft. Aber dieser vierte Teil wirkt nicht als Bruch. Was eine ganz eigene Kunst ist: Über das Alltägliche und Getriebene so zu schreiben, als sei man Teil dessen. Man wirbelt ja mittendrin. Auch das ist unser Leben am Anfang des 21. Jahrhunderts, auch wenn "sich sicher kaum jemand an uns, / die wir in dieser Zeit lebten und litten", erinnert. Es werden wohl wieder die gnadenlosen Generäle und unbarmherzigen Männer sein, die sich in die Geschichtsbücher kartätschen. Wie immer.

Aber so lange es Dichter wie Manfred Peringer aufregt, ist das ja durchaus noch nicht entschieden. Werfen wir tatsächlich "zuwenig Schatten im Licht / einer unbarmherzig brennenden Sonne"? - Ist das moderne Leben eine Müllhalde? - Oder liegt es nicht doch in unserer Hand, es bescheidener anzunehmen als all diese Kandidaten für die Geschichtsbücher?



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Lose Worte. Gedichte
Manfred Peringer, Engelsdorfer Verlag 2009, 9,95 Euro

Eigentlich beantwortet sich Peringer diese Frage immer wieder selbst. Und immer wieder auch auf wohltuende Art. Nur manchmal, da möchte man schon aus der Haut fahren. Auch da ist Peringer einem doch sehr vertraut. Man möchte so gern abgeklärt sein. Aber wirklich abgeklärt ist wohl nur der alte Mann, der jeden Tag mit seinem Hund in das kleine Café spaziert, um dort - den Hut auf dem Kopf - seinen Cappuccino zu trinken. Oder?

www.perrys-schreibstube.de


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