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Ein Physiker schaut auf seine Weise zurück auf den Osten: Von Mauern geprägt

Ralf Julke
Von Mauern geprägt.
Von Mauern geprägt.
Foto: Ralf Julke
Den Herbst 1989 erlebte der Physiker Manfred Klose am Bildschirm. 1988 war ihm noch seine Ausreise aus der DDR genehmigt worden. In einer Zeit, als die DDR die anschwellende Flut von Ausreiseanträgen auch als Ventil betrachtete, dem Protestpotenzial im Land ein wenig die Kraft zu nehmen. Dabei war Manfred Klose nicht einmal ein Dissident.

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Im damaligen Hindenburg - das heute wieder Zabrze heißt - geboren, gehörte er zu jenen Kindern, die mit ihren Familien 1945 nach Ostdeutschland verschlagen wurden. In Thüringen fand seine Familie eine neue Heimat und Manfred Klose konnte - auch wenn er sich der Eingliederung in Pionierorganisation und später SED verweigerte - sowohl die Oberschule besuchen als auch sein Wunschstudium Physik studieren. Vielleicht eine Ausnahme: Sein Wechsel an die Oberschule war durchaus nicht sicher, auch wenn er der Beste seines Jahrgangs war. Auch in den 1950er Jahren wurde Kindern aus christlichen Elternhäusern der Weg zum Studium erschwert. Auch wenn Manfred Klose, wie er an einigen Stellen des Buches ausführt, die radikale Ausgrenzung, wie sie einige heutige Verantwortliche gern beschwören, so nicht erlebte. Auch das Leben in der DDR war komplexer und komplizierter, als es meistens dargestellt wird. Und auch wenn das Land schon in den 1950er Jahren begann, Spuren des Verfalls zu zeigen, heißt es nicht, dass die Menschen nicht fleißig waren.

Auch das ein Stereotyp, das die deutsch-deutschen Beziehungen bis heute belastet: Der sichtbare Verfall des Landes wird bis heute - ausgesprochen oder unterschwellig mitgedacht - auf die Bewohner des Ostens bezogen. Auch wenn über 3 Millionen von ihnen seit 20 Jahren dafür sorgen, dass im Westen der Republik die Wirtschaft brummt.

Am 13. August jährt sich zum 50. Mal der Tag des Mauerbaus. Das ist der Anlass, warum der Projekte-Verlag das Buch jetzt herausbrachte. Ein doppelter Bezug wird durch das ineinandergeblendete Bild der Berliner und der großen chinesischen Mauer auf dem Umschlag hergestellt. Letztere spielt in Kloses Leben eine wichtige Rolle: 2008, im Jahr der Olympischen Spiele in Peking, nahm er am Marathonlauf auf der Großen Mauer teil - und erreichte auch das Ziel. Damit erfüllte er sich einen ganz persönlichen Wunsch.

Eine ganz persönliche Rückschau: Von Mauern geprägt.
Eine ganz persönliche Rückschau: Von Mauern geprägt.
Foto: Ralf Julke

Ein versierter Belletristikautor hätte das Motiv des Laufens ganz bestimmt auch über die ganze persönliche Lebensgeschichte gelegt. Denn natürlich gleicht ein solches Leben, wie es Manfred Klose erlebte, auch in anderen Phasen einem Marathonlauf. Denn wie erlebt man das Leben in einem eingemauerten Land, wenn man vorher - als Jugendlicher - bei Familienbesuchen im Westen auch das Leben und die Entscheidungsfreiheit im anderen Teil Deutschlands kennengelernt hat?

Immerhin kehrte Klose nach einem dieser Ausflüge erst am 11. August 1961 in seine Thüringer Heimat zurück und ahnte wohl schon, dass das für lange Zeit der letzte Besuch im Westen gewesen sein würde. Er selbst war dann in der Akademie-Forschung zur Molekül- und Festkörperphysik tätig, erlebte das Institut für Kernforschung in Dubna, war für Leitungsfunktionen nicht einsetzbar, weil er einfach nicht in die Partei wollte. Und Republikflucht, wie es damals hieß, war trotzdem kein Thema. "Das Besondere an 'Von Mauern geprägt' ist das Unspektakuläre", schreibt der Verlag aufs Cover.

Und damit ist Kloses Schicksal auch wieder das von Millionen anderen, die in der DDR ihre Heimat, ihre Familie, ihre Arbeit hatten. Der Dissenz deutete sich für ihn auch erst in den 1970er, 1980er Jahren an, als sich im Land nicht mehr wirklich viel veränderte. Ein Moskau-Aufenthalt in der frühen Gorbatschow-Zeit machte ihm deutlich, wie erstarrt die Verhältnisse in der DDR tatsächlich waren. Er sah die Umweltverschmutzung, die Militanz, die Gesinnungsschnüffelei mit anderen Augen.

Das schildert er leider nicht mit konkreten Szenen und Erfahrungen. Was schade ist. Denn der Untergang der DDR ist genau von solchen Erfahrungen und einer zunehmenden Entfremdung der Bürger von diesem Land begründet. Hier sind die Wurzeln für die anschwellende Zahl von Ausreiseanträgen in den 1980er Jahren. Bei einem Verwandtenbesuch 1987 blieb Kloses Frau im Westen. Wenig später stellte er für sich und seine Tochter den Ausreiseantrag - und erfuhr, wie er sich ein Jahr später, nach Genehmigung des Antrags, auf einmal von einem von Misstrauen beäugten Untertanen in einen respektvoll behandelten Bürger verwandelte.

Es sind solche kleinen Szenen, die ahnen lassen, mit welcher amtlichen Ignoranz die DDR-Funktionäre das eingemauerte Volk zum Untertanen und Bittsteller machten, woher der gewaltige Vertrauensverlust rührt, der nach Gorbatschows Ankündigung von Glasnost und Perestroika über die Mächtigen des Landes hereinschwappte. Und warum nicht nur die Ausreisebewegung "die Massen ergriff", sondern im Herbst 1989 - nach Ungarn und Prag - Zehntausende auf die Straßen gingen, um mit zwei kurzen Sprüchen der Herrscherkaste ihre Legitimität zu nehmen: "Wir bleiben hier" hieß der eine, und er schloss schlichtweg ein, dass jetzt die Zeit der Flucht vorbei war - jetzt wollte man, dass sich im Land was änderte. Und der andere war "Wir sind das Volk". Was natürlich einschloss: Ihr nicht.

Manfred Klose: Von Mauern geprägt.
Manfred Klose: Von Mauern geprägt.
Foto: Ralf Julke
Manfred Klose erlebte diesen friedlichen Herbst aus der Ferne mit, hatte gerade im Süden der Bundesrepublik Tritt gefasst. Als Physiker würde er beim Zentrum für Luft- und Raumfahrt willkommen sein - einer von tausenden Wissenschaftlern aus der DDR, deren Qualifikation im Westen durchaus gefragt war. Er reflektiert in seinem Buch auch über ehemalige Arbeitskollegen, die sich dem System anpassten, in die Partei eintraten, um überhaupt Leitungsfunktionen übernehmen zu können. Manche davon schätzt er auch im Nachhinein hoch. Denn: Wie unerträglich wäre das Leben in der DDR eigentlich gewesen, wenn es solche Menschen nicht gegeben hätte, die auf ihre Weise für Rückhalt und eine menschliche Arbeitsatmosphäre sorgten?

Auch wenn Leipzig für ihn eher eine Durchreisestation war, wenn er zu Messen oder wissenschaftlichen Treffen hinfuhr, widmet Klose dem Leipziger Herbst und seinen Folgen erstaunlich viel Platz. Denn natürlich bündeln sich in diesem Herbst all die Entwicklungen, die zum Ende der DDR führten. Der 9. November mit der verhaspelten Erklärung von Günter Schabowski steht ja nur als Finale dieses Prozesses. Steht aber auch für die ganze Sprachlosigkeit der alten Männer, unter denen Egon Krenz noch der jüngste war - klüger aber auch nicht. Just die Pressekonferenz, auf der es um das Mega-Thema Reiseerleichterungen ging, schwänzte er. Genauso, wie er am 9. Oktober den Rückruf in Leipzig schwänzte - die Entscheidung über Handeln oder Nichthandeln überließ er den Funktionären vor Ort. Und die handelten dann lieber nicht.

Mit Manfred Klose schildert nun einer seine Sicht auf die Ereignisse, der noch vor dem Herbst '89 die DDR verließ. Einer, der seine eigenen Motive nicht vermengen muss mit der richtigen oder falschen Interpretation dieser friedlichen Revolution. Aber ohne die Flüchtlingsströme und die Bilder der Flucht gerade im Sommer 1989 ist auch die Wucht der Herbstdemonstrationen nicht zu verstehen: Hier zeigte ein gründlich enttäuschtes Volk seinen Dauersiegern die rote Karte.



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Von Mauern geprägt
Manfred Klose, Projekte-Verlag 2011, 12,50 Euro
Bei seinem Marathonlauf auf der Großen Mauer lässt Klose diese Vergangenheit noch einmal Revue passieren. Für ihn bündeln sich in diesem Lauf die Entwicklungen, die das 20. Jahrhundert und sein eigenes Leben prägten. Die große chinesische Mauer steht dabei auch als 2.000 Jahre altes Gegenstück zur Berliner Mauer, die nach 28 Jahren abgeräumt wurde, weil sie nicht gegen Feinde, sondern gegen das eigene Volk gerichtet war. Und da auch die Chinesen ein durchaus komplexes Verhältnis zu Frieden und Freiheit haben, steht auch der Mauerlauf für ein durchaus komplexes Zeitempfinden. Das 21. Jahrhundert wird keineswegs einfacher und märchenhafter als die Jahrhunderte davor. Und die Chinesen mischen nun kräftig mit. Auf ihre Weise. Die Zeit der Marathonläufe ist längst nicht vorbei.


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