Eine Liebe in Briefen des Jahres 1972 oder Wie schreibt man denn eigentlich an Juliane?
Ralf Julke
03.07.2011
Du mußt immer gleich wieder schreiben ...
Foto: Ralf Julke
Schon mal im Keller nachgeschaut? Oder auf dem Boden? Steht da vielleicht noch ein alter Karton mit Briefen? - Ist natürlich nur eine hypothetische Frage. So durchsaniert, wie Leipzig mittlerweile ist, dürften solche Funde kaum noch zu erwarten sein. Solche, wie sie Stefan Franks Buch-Ich findet in seiner Not. Er hat einer Dame namens Juliane versprochen, ihr einen Brief zu schreiben. Über sich selbst.
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Was - zugegeben - nicht nur eine hohe Kunst ist, sondern auch viel Ehrlichkeit verlangt. Und natürlich anstrengender ist, als ein paar flockige Worte zu twittern, zu posten oder in eine Mail zu schreiben. Briefe zwingen zum Innehalten, zum Sichkonzentrieren. Und zum Nachdenken darüber: Hab ich wirklich was zu sagen?
Das ist auch das Problem des Buchhelden, der kein Held ist, sondern ein verschüchterter Zeitgenosse, der zwar eine schnelle Meinung hat über das, was er in einer Galerie in der Leipziger Südvorstadt zu sehen bekommt - aber beim ernsthaften Nachfragen einer durchaus eindrucksvollen Besucherin der Ausstellung ins Drucksen kommt. Juliane heißt die Dame, von der der Leser bis zum Schluss nicht erfährt, was sie tatsächlich so ist und tut im Leben. Fordernd scheint sie zu sein, selbstbewusst und anspruchsvoll. Bekanntschaften lässt sie, wie es aussieht, nur zu, wenn sich die Herren der Rotweintafel tatsächlich Mühe geben und auch brieflich zu klären vermögen, warum sie nun ausgerechnet die Person Juliane kennen lernen möchten.
Eine Liebe in den 1970ern: Du mußt immer gleich wieder schreiben ...
Foto: Ralf Julke
Steckt ein Stück des Autors in diesem verschüchterten Galeriebesucher? - Stefan Frank, 1972 geboren, hat seine Karriere in Leipzig als Maler und Zeichner gestartet. Das Buch ist sein Debüt als Autor. Vielleicht auch mehr. Denn die Briefe, die sein verzweifelter Held da aus dem Keller holt, scheinen zwar von ganz fremden Leuten zu stammen, führen den Leser aber just in die Jahre 1971 und 1972 und in eine aufkeimende Liebe mitten im Alltag der DDR. Die Liebenden heißen Robert und Karin. Karin ist angehende Grundschullehrerin, Robert arbeitet in einer Leipziger Chemiebude. Karin lebt in Wusterhausen, muss aber immer wieder nach Potsdam. Robert arbeitet im Drei-Schicht-System. Und es ist die Reichsbahn, die ihre Lebenswelten verbindet. Und es ist die Deutsche Post.
So tauschen sie sich brieflich nicht nur über ihre gegenseitigen Besuche aus, sondern auch über ihre täglichen Erlebnisse, ihre Träume, Wünsche und Vorlieben. Schon da kommt der späte Leser, der eigentlich nur ein nachahmenswertes Vorbild für seinen eigenen Brief suchte, ins Staunen. Immerhin formuliert die ferne Karin früh schon Forderungen, nimmt ihren Robbie beim Schlafittchen, schreibt ihm, was ihr nicht gefällt und was sie mehr von ihm wissen will. Sie ist eine emanzipierte Frau und ihr Robbie vielleicht ein kleiner Schwerenöter - aber er strengt sich an, rafft sich auf und versucht sich zu ändern. Wozu er schon sehr bald sogar außerordentlich gezwungen ist, denn Karin ist schwanger und die Folgen sind zwangsläufig: Nur wenige Tage, nachdem sie ihren fernen Robbie darauf gestoßen hat, sind beide heftigst mit dem Organisieren der Konsequenzen und der Hochzeit beschäftigt.
Stefan Frank: Du mußt immer gleich wieder schreiben ...
Foto: Ralf Julke
Und jetzt kann man natürlich fragen, woher der 1972 geborene Autor das alles hat. Denn anlesen kann man sich das zwar alles mit der Wohnraumsituation in der DDR, den Ehekrediten und der Lehrervermittlung. Aber fürs bloße Anlesen ist das alles zu konkret, zu detailreich. Man möchte fast wetten, dass es noch Leute gibt, die sich daran erinnern, wie kompliziert es war, mit den Zügen der Reichsbahn nach Potsdam und Wusterhausen zu fahren, wieviel Zeit man auf Umsteigebahnhöfen vertrödelte und zu welchen unsinnigen Zeiten die Züge abfuhren und ankamen. Die gegenseitigen Besuche der beiden sind richtige Abenteuer - und verlangen natürlich Karin so einiges ab.
Schon bald kann der verhinderte Briefschreiber dem Briefwechsel nur noch gespannt folgen, fasziniert von der Ernsthaftigkeit, mit der die beiden sich da 1972 austauschten und ihr Leben in Briefen planten und organisierten. Schon bald schreibt er Juliane den ersten Brief, der eigentlich - wenn man Karins und Roberts Briefe zum Maßstab nimmt - keiner ist. Er ist ein Philosophieren über die Unmöglichkeit, sich in Briefen zu öffnen. Die weiteren Schreiben des Fremde-Briefe-Lesers werden nicht besser, auch wenn er jedesmal darunter schreibt, Juliane möge ihm (noch) nicht antworten.
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Während der Leser des Buches sehr genau erfährt, wie Karin und Robert 1972 ihr Leben organisierten, erfährt man über den Leser ihrer Briefe tatsächlich nichts - außer dass er über sich selbst, sein Leben und seine Erwartungen nicht schreiben kann. Während die Briefe des Liebespaars Karin / Robert anmuten, als seien sie alle tatsächlich geschrieben und dereinst mit der durchaus flotten Post der DDR auf Reisen gegangen, bleibt der späte Leser konturlos. Was schade ist. Denn so besteht wohl die Gefahr, dass Juliane ihm auch auf sein letztes Schreiben nicht antworten wird. Er hat ja nichts gucken lassen von sich. Und so bleibt uns die nähere Bekanntschaft mit Juliane verwehrt. Auch wenn wir jetzt sehr gut nachempfinden können, warum sie drucksenden jungen Herren derartige Aufgaben stellt.
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