Die grotesken Geschichten eines Amerikaners aus Leipzig: Meinwahnstraße
Ralf Julke
31.07.2011
Meinwahnstraße.
Foto: Ralf Julke
"Der Ort Meinwahnstraße ist unbekannt", sagt Google. Man kann also nicht hinfahren und nachschauen, ob Paul-Henri Campbell Recht hat. Ob seine Geschichten stimmen. Geschichten über das, was man so Liebe nennen könnte hierzulande. Es sind sehr deutsche Geschichten. Da staunt man schon. Dabei ist Campbell 1982 in Boston geboren, Massachusetts, USA. Heute lebt er in Leipzig.
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Vorher hat er Klassische Philologie studiert. Man muss sich also nicht wundern, wenn immer mal wieder Bezug auf ein paar alte griechische Dramen genommen wird. Daneben katholische Theologie, beides an der National University in Irland. Doch wer jetzt Priester und Nonnen und heilige Trinker erwartet, wird sie zumindest in diesem Erzählungsband nicht finden. In Frankfurt am Main hat er sein Studium fortgesetzt, ist trotzdem nicht Priester geworden, sondern Lyriker.
2010 erschien im Athena-Verlag der erste Band seiner Gedicht-Trilogie "Sounding out Today" (Die Gegenwart ausloten) mit dem Titel "Duktus operandi". Er schreibt in zwei Sprachen. Seine ersten Erzählungen legt er auf deutsch vor. Sein Verlag deutet an, es könnte in den acht Erzählungen um Liebe gehen. Geht es vielleicht auch. Es sind Geschichten zwischen den Welten. In mehrfacher Hinsicht.
Paul-Henri Campbell: Meinwahnstraße.
Foto: Ralf Julke
Die erste Zwischenwelt ist jene, in denen gar nicht klar ist, ob das, was einer da erlebt, nun mit Liebe zu tun hat. Oder ob es eine Obsession ist, eine Fehlschaltung der Gefühle, ein Trug gar. Große Liebe? - Nein. Nicht wirklich. Von der thematischen Anlage her könnte so manches, was Campbell hier erzählt, auch bei Raymond Carver zu finden sein. Auch wenn es bei Carver diese Konsequenzen nicht hätte. Denn Campbells Geschichten haben Konsequenzen. Es sind nicht nur alles Beziehungen, die allesamt sehr labil sind, voller Abgründe, Unsicherheiten, doppelter Böden - sie haben auch allesamt einen starken Hang zur Vollendung der Katastrophe. Das ist der Unterschied zu Carver, der nirgendwo die Lebensangst der US-amerikanischen Mittelklasse besser beschreibt als in diesem Ausbleiben der Katastrophen - man hält das dann doch aus, egal, wie quälend diese Art Lebensfiktion ist.
Campbell hat, deutlich zu lesen, auch deutsche Autoren verschlungen in großen Zentnerportionen - Romantiker, Naturalisten, all die Sezierer der deutschen Beziehungskisten, die das Allzumenschliche mit großen Worten auf die Theaterbühne der Worte gehoben haben. Dieser Sprachschatz fällt auf bei Campbell und man staunt, wie es ein US-Amerikaner schafft, damit umzugehen. Aber vielleicht - Campbell ist ja Deutsch-Amerikaner - hat er die Schmöker schon in seiner frühen Jugend verschlungen, wild durcheinander alle Manns, die Seghers, Roth, Thoma und Anzengruber. Kann ja sein. Nicht zu vergessen: Tieck und die Arnims. Denn da ist die zweite Zwischenwelt, die sich auftut: Es sind Geschichten am Rande der üblichen Realität, Geschichten mit doppeltem Boden.
Das könnte auch aus der Geschichtenwelt der Slesar und Dahl stammen. Der Ausflug der beiden zerstrittenen Brüder in die Wildnis Nordamerikas endet nicht mit der Aussöhnung, auch wenn der Leser lange in die Irre geführt wird und erst spät erfährt, was da in der Wildnis geschah. Ein Erzählmuster, das Campbell auch in seinen anderen Geschichten verwendet - er liebt dieses Spiel mit dem Unausgesprochenen, zeigt gern erst fast zum Schluss seiner Geschichten, was tatsächlich geschah.
Da erlebt der Held in "Browsergames", wie schnell sich eine heile Welt in etwas verwandelt, in dem nichts mehr verlässlich erscheint. In "Auf zwei Beinen" findet der Erzähler heraus, dass auch sein Leben vor der Katastrophe durchaus einen Abgrund barg. Und gerade weil der Erzähler hier lange allein ist mit seinem Kummer und seinen Gedanken, ist es für Campbell eine richtige Spielwiese in Sachen deutscher Tiefenseelenanalyse: "Die Bilder jener Monate blitzen vor ihm auf. Szene um Szene dufteten sie in seiner Seele wie kostbare, von dichten Nebeln lang verstellte Epiphanien."
Der Leser schwebt also auch noch zwischen den stilistischen Epochen. Mitten im deutschen Novellenstil des 19. Jahrhunderts tauchen iPods, Computer und E-Mails auf. Und hätte man so etwas nicht auch zu Hauf in deutscher Gegenwartsprosa gelesen, man könnte seinen Spaß haben an dieser Parodie auf deutsche Seelenerzählerei.
Dabei schreibt Campbell tatsächlich über Menschen am Abgrund ihres Lebens - mal ist es ein Unfall, mal eine durchzechte Nacht, die den Helden in neue Situationen stürzen, in denen die verlässlichen Parameter ihres Lebens nicht mehr stimmen. Dabei gibt es - wie in "Die Prozedur" - auch satirische Seitenhiebe auf die kafkasken Errungenschaften der modernen Gesellschaft, in diesem Fall ein amerikanisches Krankenhaus. Eine Situation, in der der Protagonist durchaus im Zwiespalt ist, wer hier nun irre ist - er oder das Personal im Krankenhaus.
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meinwahnstraße
Paul-Henri Campbell,fhl Verlag Leipzig 2011, 13,95 Euro
Und so ist jede Geschichte ein Spiel mit der eben noch scheinbar verlässlichen Realität. Aber was taucht dahinter auf? Der Titel "Meinwahnstraße" deutet zumindest an, dass sich der Leser hier keinesfalls auf geradlinige und einfach gestrickte Erzählungen einstellen darf. Es sind sehr novellistische Erzählungen über die Abgründe, die das menschliche Leben aufreißen können. Mal große, mal nicht ganz so große Abgründe. Das Ergebnis führt nicht wirklich immer in die Meinwahnstraße. Manchmal zeigt es die geschilderten Zeitgenossen, wie sich so mancher wiederfindet in seinem Leben: völlig ratlos.
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