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Harald Beers Erinnerungen an Sachsenhausen und seine Haft in Thüringen: Schreien hilft Dir nicht ...

Ralf Julke
Schreien hilft Dir nicht ...
Schreien hilft Dir nicht ...
Foto: Ralf Julke
Es gibt Kapitel in der jüngeren deutschen Geschichte, die sind kaum präsent im Bewusstsein. Das betrifft auch die Nachkriegszeit in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und die Weiternutzung der einstigen KZ als Straflager der Besatzungsmacht. Das trifft auch auf das Speziallager Sachsenhausen zu, in das der 17-jährige Harald Beer 1946 eingeliefert wurde.

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Es gibt zwar schon einige wissenschaftliche Arbeiten über das Lager, wie es von 1946 bis 1950 weitergenutzt wurde - mit entsprechenden Zahlen und Hochrechnungen über die wahrscheinliche Zahl der Inhaftierten und die vermutete Zahl der Toten. Aber echte Augenzeugenberichte sind rar. Aus verständlichen Gründen: Für die Betroffenen war es ein traumatisches Erlebnis.

Am Ende seines Augenzeugenberichtes entschuldigt sich der 1928 in Berlin geborene Autor sogar dafür, dass er sich dieser Erinnerungsarbeit erst so spät gestellt hat. Was er tatsächlich nicht nötig hat. Denn was er erlebt hat, ist nicht wirklich ein leicht zu erzählender Stoff. Hier reißt einer seine Wunden auf und erzählt von Dingen, die in DDR-Geschichtsbüchern ganz gewiss nicht vorkommen durften. Und auch die Geschichtsbetrachtung der Gegenwart kolportiert zwar gern die finsteren Schatten der "zweiten deutschen Diktatur". Aber konkreter erzählen auch die großen Medien lieber die 1001. Kamelle über Hitlers Büchsenöffner und seine kleine Schuhputzerdiktatur.

Augenzeugenbericht von zwei Haftaufenthalten im Osten Deutschlands.
Augenzeugenbericht von zwei Haftaufenthalten im Osten Deutschlands.
Foto: Ralf Julke

Dass für zehntausende Deutsche 1945 das Grauen weiterging, weiß kaum jemand. Es waren nicht nur die Handlanger des NS-Regimes, die von der sowjetischen Besatzungsmacht einkassiert und eingesperrt wurden. Harald Beer wird nicht der Einzige gewesen sein, der für ein Bagatelldelikt zu fünf Jahren Straflager verurteilt wurde. Seine "Schuld": Er hatte einer Frau den Weg über die Grenze in den englischen Sektor gezeigt. Immerhin ein Unterfangen, bei dem 1946 weder Stacheldraht noch Mauern zu überwinden waren. Für Viele war es ein täglicher Weg, um zur Arbeit zu kommen oder lebenswichtige Dinge zu schmuggeln.

Die Strafmaße, mit denen die sowjetische Militärjustiz arbeitete, stammten aus den finstersten "Anti-Terror"-Gesetzen der Stalin-Zeit. Und wahrscheinlich wurden sie oft nur angewandt, um genau jene Atmosphäre der Angst zu erzeugen, die für Stalins Russland so typisch war. Umso erstaunlicher ist freilich, wie detailreich und ohne Zorn Beer seine Geschichte erzählt. Er hat die Archive durchforstet, um seine eigenen Erinnerungen abzugleichen. Er hat sich mit den einschlägigen Arbeiten über das Lager beschäftigt, um seine eigene Geschichte zu verorten.

Schwieriger noch als die Spurensuche in Sachen Sachsenhausen ist Beers Erkundung der Tage vorher, als er von einem Gefangenenkeller des sowjetischen Geheimdienstes in den nächsten verschleppt wurde und die Welt der Verurteilten aus der Perspektive von ganz unten kennen lernte. Wo befanden sich diese Keller damals in Wismar, Schwerin, Magdeburg? Welche Spuren gibt es davon noch? - Schon hier erzählt Beer von Dingen, die mit dem Leben draußen nicht viel zu tun hatten. Noch nicht einmal ahnend, dass er im ehemaligen KZ Sachsenhausen das Grauen und das Sterben in ganz anderer Dimension kennen lernen würde.

Über 20.000 Insassen dieses Speziallagers starben gerade in den ersten beiden Jahren 1946/1947, bis überhaupt erste rudimentäre Standards für die Gesundheitsversorgung geschaffen wurden. Vielleicht hat Beer Recht, wenn er der These einiger Historiker zustimmt, dass es in dieser Zeit tatsächlich Absicht der Lagerbetreiber war, so viele Menschen wie möglich in diesem Lager sterben zu lassen.

Eine These, über die sich die Historiker streiten, denn auch außerhalb der Lager kämpfte das Land mit Hunger und Mangelkrankheiten.

Harald Beer: Schreien hilft Dir nicht ...
Harald Beer: Schreien hilft Dir nicht ...
Foto: Ralf Julke
Doch die Perspektive ist natürlich eine andere, wenn ein junger Mensch von diesem Leben in überbelegten Baracken mit schlechter Ernährung, fehlender medizinischer Betreuung und dem allgegenwärtigen Hunger erzählt. Dass die Gefangenen trotzdem ein kulturelles Leben und ein erstaunlich vielfältiges Handwerk entwickelten, verblüfft ihn auch 60 Jahre später noch - obwohl er weiß, dass gerade das wichtig war, um die Zeit überhaupt zu überstehen. Er schildert die Verblüffung, als sich seine Haftbedingungen nach und nach besserten - ein größerer Hof, Fenster ohne Verdunkelung, Einzelliegeplätze statt der dreistöckigen Gestelle, in denen hunderte Gefangene dicht an dicht schlafen mussten, kamen ihm wie reiner Luxus vor.

Am Ende atmet man mit ihm auf, als er endlich - neu eingekleidet - den Bus nach Oranienburg besteigen durfte und in die Freiheit fuhr. In den Westen logischerweise. Vom Osten hat er natürlich die Nase voll, versucht sein Studium nachzuholen, baut sich eine Existenz in Nürnberg auf - und 1961, kurz nach dem Mauerbau, passiert das Unfassbare: Beim Transit von Westberlin nach Bayern nimmt er eine junge Frau mit und wird an der Grenze erwischt. Wieder lernt er für zwei Jahre die Gefängnisse im Osten kennen - diesmal in Zwickau und Untermaßfeld. Keine Strafgefangenenlager mehr - aber das Urteil gegen ihn wegen "Verleitung zum Verlassen der DDR" ist so willkürlich wie das Urteil des sowjetischen Militärgerichts von 1946. Kurz vor Verbüßung der gegen ihn verhängten Haft wird er sogar noch medienwirksam an der deutsch-deutschen Grenze ausgetauscht.

In der Gedenkstätte Sachsenhausen werden zwar seit Jahren die Erinnerungen der ehemaligen Häftlinge gesammelt. Aber bislang hat keiner eine so umfassende und detaillierte Darstellung geschrieben wie Harald Beer, stellt der Gedenkstättenleiter Prof. Dr. Günter Morsch in seinem Vorwort fest. Auch deshalb sind Harald Beers Erinnerungen jetzt zu einem Buch geworden, einem Buch, das dem Leser auch sehr anschaulich zeigt, wie Strafregimes funktionieren, wie gesichtslos sie für die Betroffenen bleiben und welche Wirkungen sie in einer Gesellschaft haben. Und das sind keine zufälligen, sondern beabsichtigte Wirkungen.



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Schreien hilft Dir nicht ...
Harald Beer, fLeipziger Universitätsverlag 2011, 24,00 Euro
Da reicht es nicht, über Diktaturen zu reden. Man muss ihre Instrumente benennen und deren Wirkungsweisen. Man weiß nicht, wie Diktaturen funktionieren, wenn man immer nur mit dem Finger auf die Führer zeigt. Diktaturen kündigen sich mit jenen Instrumenten an, die die Freiheit der Bürger einschränken - erst ganz sanft, fast spielerisch, und irgendwann sind auf einmal diese Lager da, mit nach innen gekehrtem Stacheldraht, geharkten Sandflächen und freien Schussfeldern.

Ist das nun Geschichte? Oder bleibt die Gefahr latent? - Wenn uns Autoren wie Harald Beer nicht beim Erinnern helfen, bleibt sie das.


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