Zwei Jahre einer Leipziger Kontroverse: Plädoyer für ein "Denk-Mal"
Ralf Julke
14.07.2011
Plädoyer für ein "Denk-Mal".
Foto: Ralf Julke
Die Diskussion um das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal ist in den letzten Wochen noch einmal ein wenig aufgeflackert. Im Herbst soll der künstlerische Wettbewerb starten. 2014 soll es auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz eingeweiht werden. Vielleicht wird auch Julius Fleischhauer im Publikum stehen und seinen Kopf schütteln.
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Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er nicht der einzige sein wird. Denn auch nach der verschämten Standortsuche, der Expertenwerkstatt und dem Workshop mit Jugendlichen ist zumindest eines klar: dass im Zusammenhang mit diesem Denkmal niemand weiß, wohin die Reise eigentlich geht.
Die Idee: eine hübsche. Ausgedacht haben sich das Ganze die Herren Florian Mausbach, Günther Nooke, Jürgen Engert und Lothar de Maizière. Alle vier Mitglied der Deutschen Gesellschaft e.V., die sich 1990 gründete, um "das Verständnis zwischen den Deutschen in Ost und West (zu) vertiefen und deren Gemeinsamkeiten als Nation fördern". Aber das ist ja bis heute problematisch geblieben, das eine wie das andere, die Sache mit der Nation genauso wie das Verständnis zwischen Ost und West.
Vielleicht, so dachten sie sich wohl, hilft ein schönes großes Denkmal in Berlin, das den inwendig zerstrittenen Deutschen die Erinnerung daran wieder weckt, dass im Herbst 1989 mit der Freiheit (der Ostdeutschen) auch die deutsche Einheit errungen wurde. Waren zwar zwei völlig unterschiedliche Kapitel des Herbstes. Und das Beispiel Berlin zeigt, dass so ein Spagat in keinem Denkmalentwurf sinnvoll umgesetzt werden kann.
Aber die Deutsche Gesellschaft trommelte zehn Jahre lang für ihre Idee. Und erreichte 2007 etwas ganz Seltsames: Der Bundestag beschloss, ihr gewünschtes Denkmal auf der Berliner Schlossfreiheit zu errichten.
Zwei Jahre Denkmalsdiskussion in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Der 9. November 2007 ist das erste Datum, das Julius Fleischhauer in seinem kleinen Büchlein verzeichnet hat. Anhand von Presseveröffentlichungen vollzieht er hier für jeden interessierten Leser nach, wie diese Denkmalsidee heranreifte, auf Leipzig überschwappte und seitdem einen erstaunlich geradlinigen Weg durch den Acker der Jahre pflügt.
Das Seltsame am Bundestagsbeschluss wurde am 18. März 2008 erhellt. Da gab die Deutsche Nationalstiftung bekannt, dass die vier geduldigen Herren für ihre Initiative den mit 50.000 Euro dotierten Nationalpreis bekamen. Ein Preis für eine Initiative, die 14 Millionen Euro kostet - Steuergelder. Ist ja nicht die Deutsche Gesellschaft, die das Denkmal baut.
Ein Punkt, der einem Leipziger wie Julius Fleischhauer natürlich sauer aufstößt. Er kämpft ja seit Jahren dafür, das Leipziger Völkerschlachtdenkmal endlich auch als Befreiungsdenkmal zu begreifen und die Intention seiner Erbauer zu würdigen, die mit Kaiser, König und Siegesgedöns nichts am Hut hatten, die nur - zur Erinnerung an die größte Massenschlacht des Jahrhunderts und alle ihre Toten - ein Mal des Gedenkens errichten wollten, einen Ort des Nachdenkens.
Das haben ja bekanntlich Kaiser, Könige, Marschälle und Führer aller Art immer vermieden. Aber zur Einweihung kamen ja die Herren Potentaten, um sich feiern zu lassen. So sind sie halt. Erbaut wurde das Denkmal aber durch Bürgerspenden. Es ist ein Bürgerdenkmal. Und seine Initiatoren vom Deutschen Patrioten-Bund hofierten nicht zehn Jahre lang Kaiser, König oder gar Reichstag. Sie taten nicht so, als ob - sie sammelten selbst das Geld ein, trommelten deutschlandweit für ihre Idee - und fanden, weil sie überzeugen konnten, tausende Spender.
Jetzt die Zwischenfrage: Hätte das die Deutsche Gesellschaft nicht auch gekonnt?
Wäre das nicht der Weg gewesen, dieser Denkmalsidee Kontur zu geben und Anhänger zu gewinnen? Aus diesem Denkmal also ebenfalls ein Nationaldenkmal zu machen, wenn man denn schon die Nation in der Präambel führt? Wie heißt es doch so schön: Der Weg ist das Ziel. Wer den Weg nicht gehen will, wird auch das Ziel nicht erreichen.
Auch nicht, wenn seit Dezember 2008 auch der zweite Beschluss des Bundestages steht, nun auch Leipzig in diese Denkmals-Geschichte einzubeziehen als Stadt der Friedlichen Revolution. Mit Recht hatten die Leipziger zuvor kritisiert, dass man bei einem "Freiheits- und Einheitsdenkmal" den eigentlichen Auslöser der Friedlichen Revolution nicht ausblenden darf.
Nun hat Leipzig die selben Debatten wie Berlin, versucht zwar, die Berliner Fehler zu vermeiden. Kann aber nicht vermeiden, dass das Unausgegorene in der Ursprungsidee der Grundfehler bleibt. Man bestellt nicht einfach beim Staat ein Denkmal mit einer verwaschenen Idee und lässt dann andere darüber nachdenken, was das Ganze dann eigentlich zeigen soll.
Und entsprechend sind nun alle Diskussionen, die in Leipzig seit 2009 über dieses Denkmal geführt werden, oft genug reduziert auf ein billiges Pro oder Kontra. Fleischhauer hat einen Großteil der medialen Berichterstattung in seinem Buch gesammelt, schön mit Datum versehen, so dass der Leser auch sieht, wie die Debatte immer dann, wenn sie von der offiziellen Linie abzuweichen drohte, auf die ursprüngliche Schiene zurückgeführt wurde. Selbst bei den unterschiedlichen Ansätzen zur Bürgerbeteiligung ist der Wille sichtbar, sie nur so weit auszureizen, wie sie nicht die amtlichen Vorgaben gefährdeten.
Julius Fleischhauer: Plädoyer für ein "Denk-Mal".
Foto: Ralf Julke
Fleischhauer verbindet die Debatte natürlich mit seinem ureigensten Kampf zur Rehabilitierung und Aufwertung des Völkerschlachtdenkmals. Mehrfach betont er, die Stadt solle 2013 zur 100-Jahr-Feier des Denkmals tunlichst alle Nationen einladen, die 1813 auf Leipzigs Schlachtfeldern kämpften. Denn das Denkmal ist in seiner Grundidee ein Denkmal der Versöhnung. Auch wenn selbst Leipzigs ehemaliger OBM Wolfgang Tiefensee anderes gehört haben will.
Und es ist ein von Bürgern gestiftetes Denkmal, zehn Meter höher als alle anderen Denkmale des wilhelminischen Deutschland. Von Bürgern gestiftet und initiiert, die nicht einmal auf die Idee kamen, den Reichstag zu bitten, Geld bereitzustellen, um so ein Denkmal gebaut zu bekommen. Das haben Bürger damals noch selbst auf die Beine gestellt.
Natürlich ist die Debatte um das Leipziger Denkmal nicht zu Ende, auch wenn alle Messen gesungen scheinen. Man hat einen Standort erkoren, man hat sich ein bisschen für die Freiheit im Titel entschieden. Und es soll nicht einfach nur ein Bronzedenkmal werden, wie OBM Burkhard Jung betont.
Das Fazit, das Julius Fleischhauer am Ende seines Buches zieht, ist ein langes geworden, denn nicht ohne Grund zieren Details des Völkerschlachtdenkmals den Umschlag: Er hat über dieses Denkmal, seinen Sinn und seine Wirkungen nachgedacht - und über die Rolle, die dieser Trumm von Denkmal 2013 und danach spielen könnte in der Gedächtniskultur Leipzigs. Er hätte tatsächlich gern gesehen, wenn die Stadt diesen Koloss zu ihrem ureigensten Freiheitsdenkmal gemacht hätte und dabei gründlicher über die Frage nachgedacht würde "Was ist Freiheit?" - Eine Frage, die durchaus kontrovers diskutiert werden könnte in Zeiten zunehmender Armut und wild gewordener Finanzmärkte. Freiheit ist immer auch die Freiheit derer, die gar nicht die Gelegenheit haben, in diversen deutschen Nationalgesellschaften zu sitzen und sich gegenseitig mit Preisen zu behängen.
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Aber vielleicht findet sich ja ein mutiger Künstler, der einen 90 Meter hohen Stachel entwirft, der sich dann ab 2014 in das Pflaster des Leuschner-Platzes bohrt: Freiheit ist auch unbequem, manchmal schmerzhaft und immer kontrovers. Ein großes Wort, das auch eine echte Bürgerbeteiligung in Leipzig begründet hätte.
In Fleischhauers Büchlein kann man in großen Zügen die Diskussionen der letzten zwei Jahre nachlesen, trocken kommentiert vom Autor. Und natürlich erweiterbar um all jene Kontroversen, die es in den nächsten drei Jahren geben wird. Bis dann das Ergebnis auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz eingeweiht wird.
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