Gedichte aus dem nun wieder stillen Land: Bunte Pleite. Nachrichten aus der Provinz
Ralf Julke
24.07.2011
Bunte Pleite.
Foto: Ralf Julke
Sie werden noch immer hergestellt, diese gut gemachten, erstaunlich handlichen, mit Liebe gestalteten Bücher aus Deutschland. Man findet sie nur in Buchläden nicht mehr, es sei denn, man hat es mit einem dieser eigenwilligen wagemutigen Kleinbuchhändler zu tun, die auch beim Wort "Gedichte" nicht zusammenzucken, sondern aufblühen. Und dann höchstens fragen: Welche Handelsklasse soll's denn sein?
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Was natürlich Kenntnis voraussetzt und Belesenheit und den Draht zu den engagierten Büchermachern im Land, die das Buch eben noch immer nicht als Fließbandware begreifen wollen, als Stapeltitel oder Verschleißgut. Jens-Fietje Dwars ist so einer. Im quartus-Verlag gibt er die Reihe "Edition Ornament" heraus. Und er hält mit seinem Anspruch nicht hinter dem Berg: Vorbild ist ihm die Reihe "Der jüngste Tag", die einst im Leipziger Kurt-Wolff-Verlag erschien. Vorher hieß der Verlag Rowohlt Verlag - bis Ernst Rowohlt 1912 wegen persönlicher Differenzen mit Kurt Wolff ausstieg und Wolff seinen eigenen Weg ging. Und "Der jüngste Tag" war die renommierteste Buchreihe aus seinem Verlag. Hier erschienen die Großen ihrer Zeit: Fritz von Unruh, Carl Sternheim, Kasimir Edschmid, Arnold Zweig, René Schickele und Heinrich Mann.
Aber nicht nur der Inhalt spielte bei Wolff eine Rolle, sondern genauso die Gestaltung der Bücher. Sie sollten dem Leser auch das Gefühl geben, hier ein kostbares, auserlesenes Gut in Händen zu halten.
Gedichte aus 25 Jahren: Bunte Pleite. Nachrichten aus der Provinz.
Foto: Ralf Julke
So fühlen sich auch die Bücher aus der "Edition Ornamente" an. Die Titel erscheinen hier in (einmaligen) Auflagen in 500 bis 750 nummerierten Exemplaren - mit schwarzem Pappeinband, Fadenheftung, handmontierten Etiketten, Lesefädchen und farbigen Vor- und Nachsatzpapieren. 50 Exemplare sind Vorzugsausgaben, handgebunden vom Jenaer Buchbinder Ludwig Vater und mit einer beigelegten Originalgrafik.
Das ist auch bei den 50 Gedichten so, die Jens-Fietje Dwars für diesen Band des Leipziger Lyrikers Ralph Grüneberger ausgewählt hat. Es ist der siebente Band in der "Edition Ornamente". Und er präsentiert Gedichte aus den Jahren 1986 bis 2010. Reisegedichte oder Dableibe-Gedichte, je nachdem, wie man sie liest. Denn Grüneberger ist unterwegs in dieser Landschaft, auf der bis 1990 noch das Etikett DDR klebte, und die seitdem von ihren guten Geistern und aller Zukunft verlassen scheint.
Ralph Grüneberger: Bunte Pleite.
Foto: Ralf Julke
Jenseits der regierungsamtlichen Plattitüden aus den Kanzleien in Dresden, Potsdam, Magdeburg oder Erfurt ist das Land eher selten ein blühendes. Die jahrelange Abwanderung der Jugend wird als Verlassenheit sichtbar. Ob Grimma, Podelwitz oder Kochberg - Grüneberger erlebt ein stilles Land. Seine Gedichte wären genauso gut mit Fotos von Roger Melis aus den tristen Jahrzehnten der DDR-Zeit zu bebildern. Mit Gegenwartsfotografen wird's schwieriger, denn die farbige Digitalfotografie verleitet zur Inszenierung. Die Sensation der Farben überblendet das, was der lange Blick des Dichters noch wahrnimmt. "Der Bahndamm verkrautet. / Die Schalterfenster vermauert. Kein Signal geht mehr hoch." (Espenhain)
Wo die Menschen fortgewandert sind, verwaisen nicht nur die Bahnhöfe und Dörfer, da kehrt auch eine neue Trostlosigkeit ein. Und mitten in den verlassenen Landschaften laden die neuen Straßen zu allem Möglichen ein, nur nicht zum Dableiben. "Kinder schlagen mit Stöcken / Nach Kastanien. / Die Straße wird befestigt / als rollte darauf / Bald ein Heer." (Fiener Bruch)
Der viel beschworene Investor wohl eher nicht. "Die Dorfkneipe ist in der Hand / Junger Männer, die sonst nichts / Haben / Als die Furcht / Die sie verbreiten." (Straßendorf in Sachsen). - Grüneberger beherrscht die Brüche - im Gedicht, in seiner Sprache. Brüche, die die Brüche in der Landschaft und im Leben der hier noch Wohnenden sichtbar machen. Manchmal wie ein dürerscher Holzschnitt, manchmal wie eine Zeichnung von Rembrandt: Bilder voller Stille, Tiefe und Größe. Es ist ja kein verwüstetes Land, kein unfruchtbares. Hier könnte man leben, hier könnte sich Leben lohnen.
Doch das bestimmen, wie es aussieht, die hier Lebenden nicht. "Vor Stappenbeck, im nördlichen Osten / Seht die Autohausruine. Gras wächst / Mit den Zinsen. Verkauft / Haben sich die Verkäufer. (...) Archäologen der Gegenwart / Sichern die bunte Pleite." (Bunte Pleite)
Ein treffender Titel für eine treffende Auswahl. Vielleicht ist das sogar der sinnlichste Gedicht-Reiseband, der bisher über den deutschen Osten erschien, nicht erfunden, nicht geschönt, in erdigen Bildern gemalt. Der Reisende ist hier zu Haus. Er muss das Land nicht als Standort anpreisen und ihm Katalog-Qualitäten zuschreiben. Und fast wundert man sich, dass er noch Menschen antrifft, die hier bleiben, auch wenn sie die Rollläden herunterrasseln lassen, wenn ein Fremder ins Dorf kommt. "Hunde verbellen den Nachmittag. / Die Sonne steht zu mir." (Wiepers Dorf) - Ohne großes Brimborium fasst er, was er sieht, in stimmige Bilder.
Der Leipziger Grafiker Karl-Georg Hirsch, der im Juni den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig erhielt, hat fünf der Gedichte auf seine "kraftvoll groteske" Art illustriert. Eine eindrucksvolle Reise durch die ostdeutsche Provinz - mal nicht mit dem Cabrio, sondern aus der Perspektive des Fußgängers, der Zeit genug hat, mehr zu sehen als das vorüberhuschende Ortsausgangsschild.
Ralph Grüneberger "Bunte Pleite. Nachrichten aus der Provinz", Edition Ornament im quartus-Verlag, Jena 2011, 14,90 Euro (Vorzugsausgabe: 49,90 Euro)
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