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Kurzprosa, die zum Innehalten einlädt: Fang das Licht

Ralf Julke
Fang das Licht!
Fang das Licht!
Foto: Ralf Julke
Manchmal hat man so das Gefühl, irgendetwas fehlt in den Buchläden mittlerweile, hier eine Kategorie, dort eine ganze Sparte. Auch in der Buchproduktion sorgt der Schnelldurchlauf der Tonnagen dafür, dass es von wenigen einprägsamen Standards immer mehr gibt - die Vielfalt aber verloren geht.

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So ein Buch, wie es Christian Scheinhardt hier vorgelegt hat, hätten auch berühmte Verlage vor 100 Jahren sauber in Saffian oder Leinen gebunden und verkauft. In guten Stückzahlen. An ein Publikum, das noch wusste, was Zeit war und Muße. Es ist erstaunlich, dass dieses Wort überhaupt noch in Wörterbüchern steht und nicht schon als ausgestorben gilt. Denn wo hat das wollige Tierchen noch Platz in einer Welt, in der mittlerweile jeder als faul und römisch-dekadent gilt, der nicht 14 Stunden im gebügelten Anzug auf Hochtouren läuft und danach seine Fitness im Studio aufmotzt, bis er mit seinen fünf bunten Pillchen in den Hochleistungsschlaf übergeht?

Scheinhardt hat mit diesen Sklaven des Leistungsgebots nichts zu tun. Fast könnte man ihn sich noch im geschneiderten Anzug vorstellen, den Strohhut im Nacken, das Stöckchen in der Hand - auf gefegten Wegen in Baumalleen beim Schlendern. Einer, der Zeit wahrnimmt, wenn sie da ist. Und meistens ist sie da. Als Jahreszeit, als Morgenstunden, als gelebtes Leben. Das vergisst man so schnell: Was das für ein Geschenk ist, dieses Leben. Das Buch gehört trotzdem nicht ins Esoterik-Regal, auch wenn Scheinhardt alles tut, den Leser auf die falsche Fährte zu setzen - mit der Titelwahl, dem Untertitel "Wegstücke selbstwärts", dem Titelfoto und den ersten Stücken. Aha, denkt man sich da, hier schreibt einer lyrische Sentenzen über das Leben, das Licht und die Freude am Dasein. Ein Brevier also zum Abtauchen und Nachsinnen.

Nicht wirklich.

Christian Scheinhardt: Fang das Licht!
Christian Scheinhardt: Fang das Licht!
Foto: Ralf Julke
"Fang das Licht!" heißt der erste Text, bei dem Scheinhardt keine drei Schritte weit gehen muss, und schon ist er mittendrin in einer anderen Prosa - voller Erinnerungen, voller Poesie, traumwandlerisch fast und voller Licht. Auch wenn das Licht, das hier im Titel so eifrig gefangen werden soll, "nur" das Licht ist, dass sich auf der blankgeputzten Glocke auf der Rennbahn spiegelt. Kindertage mit Bockwurst und Fassbrause auf der Rennbahn, die wohl nicht die Leipziger ist, denn aufgewachsen ist der Autor in Magdeburg. Seit 2001 lebt er in Leipzig, hat schon zwei weitere Bücher bei epubli veröffentlicht - "Frei-Sprüche" und "Dem Schweigen abgelauscht".

epubli ist ein Verlag aus der Holtzbrink-Gruppe, der Autoren den niedrigschwelligen Einstieg in die Buchpublikation ermöglicht - mit verschiedenen Varianten, die Kosten niedrig zu halten und das Buch auch in papierloser Form zur Verfügung zu stellen. Wahlweise.

Es soll immer mehr Leser geben, die Bücher in dieser Form zu sich nehmen und auf eine ansehnliche Regalwand im Wohnzimmer verzichten.

Scheinhardts Kurzprosa aber liest sich eigentlich so, dass sie auf schönem dicken Papier gedruckt werden sollte, mit breitem Rand und hübschen Versalien am Kapitelanfang. Denn Scheinhardts Episoden sind nicht nur voller Licht, sie haben auch Atmosphäre. Er schafft, was selbst gute Familienfotos selten schaffen: Er öffnet seinen Lesern die Erinnerungsräume seines Lebens, nimmt sie mit in die Welten, die er als Kind erlebte - und später als Erwachsener. Er lässt ihn miterleben, was er erlebt hat und was ihm wichtig erscheint. Nichts Großes, Weltbewegendes - wenn man die beiden Kurzgeschichten ausklammert, die den Leser einmal nach Fernost und einmal nach Afrika entführen und Scheinhardt als talentierte Kurzgeschichten-Autor ausweisen.

Doch die meisten Prosastücke sind "Wegstücke", wie er es nennt - Szenen und Ereignisse, die ihm wichtig erscheinen. Und die nicht nur dicht und stimmungsvoll sind, wenn er in die eigene Kindheit zurückblendet. Auch das Aufwachsen seiner eigenen Kinder erlebt er mit demselben intensiven Blick - staunend und hingerissen. Weil er aber keinen Lebensroman schreibt, erfährt man nicht, wie es ausgeht. Vielleicht weiß er es auch selbst noch nicht. Mit 45 Jahren weiß man das ja wirklich noch nicht, ahnt nur, wie endlich dieser Zauber ist und wie kostbar all diese Momente mit den Menschen, die man liebt.

"Wordaholic" nennt sich Scheinhardt selbst. Schreiben ist für ihn ein Teil seines Lebens, gehört dazu und eröffnet die Möglichkeit, die Dinge noch einmal zu erzählen und zu erleben. Miniaturen nannte man das einmal. Hier sind die Erinnerungen an den älteren Bruder aufbewahrt, die an den betrunkenen Hund und an ein Aha-Erlebnis, das nicht viele Eltern haben: Kinder leben in einer anderen Zeit als ihre Eltern. "Sie leben im Jetzt. Und das ist nicht immer in jedem Fall gleich oder sofort. Aber Jetzt, das ist immer."

Man vergisst es nur so schnell beim Älterwerden. Und macht dann all die ungeduldigen Fehler als Vater oder Mutter. Und mit sich selbst. Und mit der Zeit. Vielleicht sind wir deshalb alle so rasend und immer gehetzt. Von Fahrplänen und Sendezeiten. Als verginge das Leben ohne uns, wenn wir nicht rechtzeitig da sind - oder woanders.



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Fang das Licht!
Christian Scheinhardt, epubli GmbH 2011, 12,95 Euro
Ein Buch also für Leute, die einen sonnigen Nachmittag auf einer Bank im Park interessanter finden als einen im Stau auf der Autobahn oder beim Warten im Flughafenterminal. Für Leute, die noch Freude daran haben, ihre Nase ins Licht zu halten, wenn die Sonnenstrahlen wieder durchkommen. Und die auch keinen Fernseher brauchen, um die Faszination von Prosa zu erleben, die solche Szenen eingefangen hat. Man braucht einen Nerv für diese Lichtfunken. Und die Geduld, sie einzufangen. Was dann eine kleine Prosasammlung für Leute ergibt, die gern mal den Fuß vom Gaspedal nehmen und gern geduldige Prosa lesen. Prosa, in der Bäume rauschen, Krähen knarren und Kinder kichern. Das ist was selten Gewordenes heutzutage.

Christian Scheinhardt "Fang das Licht", epubli, Berlin 2011, 12,95 Euro

www.ch-scheinhardt.de

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