Kumpane, Räuber & Genossin: Ein turbulenter Roman über einen turbulenten Herbst
Ralf Julke
15.08.2011
Kumpane, Räuber & Genossin.
Foto: Ralf Julke
Die Mauer mal beiseite. Trotz aller Jubiläums-Titelblatt-Serien dieser Tage. Auch wenn noch Reste des Ungetüms da und dort herumstehen - die politische Teilung Deutschlands ist seit 21 Jahren Geschichte. Und zwar tiefste Geschichte. Man wird sich dessen erst wirklich bewusst, wenn man so ein Buch liest, wie es Norbert F. Schaaf geschrieben hat - über die Kumpane, Räuber & Genossen anno 1989.
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Eigentlich hätte er's nicht schreiben dürfen. Das verbietet der neudeutsche Anstand. Jedenfalls nicht so, nicht wie üblich von oben herab, wie man das eigentlich erwartet von einem "Wessi". Um einmal diese Formulierung aus dem Hinterzimmer des Boulevards zu verwenden (die vor 1989 eigentlich niemand verwendet hat - da hatte man noch Achtung voreinander - oder Mitleid für die "Brüder und Schwestern"). Dann kam der Rausch auf der Mauer. Und dann kamen die Brüder und Schwestern und wollten auf einmal die gleichen Rechte und Freiheiten. Das ist bis heute nicht verwunden. Wie denn auch? Man war ja nur in Schwaben fleißig und gescheit. In Preußen hat man sich die Mauer andrehen lassen. Das gehört bis in alle Ewigkeit mit Verachtung gestraft.
Zumindest wird man das Gefühl nicht los, wenn den in Uckermark, Altmark und Lausitz Lebenden 20 Jahre lang in immer neuer Litanei erzählt wird, wie die Sicht auf die Dinge richtig ist.
Man kann's nicht mehr lesen.
Und ist erstaunt, dass ein alter Bundeswehrsoldat es schafft, in eine Rolle zu schlüpfen, die man ihm nicht zutraut. Norbert F. Schaaf wurde in Bad Neuenahr geboren. Das ist im Rheinland, südlich von Bonn. Bei der Bundeswehr war er Soldat mit "NATO-Certificate", war also bei mindestens einem Auslandseinsatz dabei, wenn man das so recht versteht als Zivilist. Dann war er EDV-Operator, Bankkassierer und Zugführer - ein ziviler wahrscheinlich. Er macht seine Biographie ein wenig zum Kreuzworträtsel. Heute lebt er in Koblenz. Also immer noch am Rhein.
"Die Räuber" im turbulenten Herbst '89: Kumpane, Räuber & Genossin.
Foto: Ralf Julke
Bei epubli hat er kürzlich ein weiteres Buch herausgebracht: "Afghanistan Horsegirl". Das hier ist sein erstes. Der Leipziger Einbuch-Verlag hat es staunend übernommen, denn darin schreibt Schaaf nicht über Afghanistan und auch nicht über das Rheinland, sondern über die DDR. Über deren letztes Stündchen. Er schlüpft in fremde Rollen: in die von ein paar Ost-Berlinern, die den Herbst 1989 erleben am eigenen Leib.
Natürlich stimmt es da und dort nicht ganz. Das kann auch einem Ostberliner Autoren so gehen. Wie war denn das Wetter genau am 9. Oktober und am 9. November? War's kalt, hat's geregnet? Auch bei anderen Details kann man sich irren: Wurde Margot Honeckers Geburtstag in Berliner Schulen mitten in den Ferien mit einer FDJ-Feierstunde begangen? Wahrscheinlich nicht. Aber es passt so schön. Wie soll man sonst diesen ganzen FDJ-Kostüm-Karneval szenisch ins Bild setzen? Vor allem, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat?
Aber Schaaf hat sich beschäftigt mit dem Thema. Man merkt, dass es ihn fasziniert hat. Gerade, weil es längst Geschichte ist. Da darf man anfangen, die Vorgänge und ihre stupiden Helden mal nicht mehr so ernst zu nehmen. Sondern anzuverwandeln. Auch den "Ossi" als fremdes Wesen, das er nicht ist. Was zumindest die Eingereisten wissen, die sich nicht an Bayern- und Schwabenstammtischen einigeln, sondern raus trauen. Unter das Volk, das unleidige. Das, das schon bei Schiller vorkommt. Im Wilhelm Tell zum Beispiel. Selbst der Spruch ist bei den Klassikern geklaut: "Wir sind ein Volk." Nämlich ein einig' Volk von Brüdern. Die Schweizer haben das längst begriffen. Die Deutschen noch lange nicht.
Den Satz "Wir sind das Volk" findet man bei Schiller noch nicht. Nur so was Ähnliches in seinem rebellischen Jugenddrama "Die Räuber". Deswegen ist dieses Stück seit 230 Jahren so beliebt: Es changiert zwischen der Verzweiflung des Vogelfreien und der Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Die der Moor natürlich nicht wiederherstellen kann, nachdem er seine Geliebte umgebracht wird.
Norbert F. Schaaf: Kumpane, Räuber & Genossin.
Foto: Ralf Julke
Schaaf lässt seine Buchhelden "Die Räuber" spielen - mitten in diesem Herbst 1989 in Ost-Berlin. Damit beginnt das Buch: Mit einer bejubelten Premiere in einem alten Saal. Solche Stücke gab es im Herbst 1989: Man mischte die laufenden Ereignisse munter in die gespielten Klassiker - und brachte ein begeistertes Publikum zu stehenden Ovationen. In Leipzig genauso erlebt wie am Deutschen Theater in Berlin. Eine Zeit, in der alles möglich schien. In der sich die alten Dunkelmänner aber auch noch herumtrieben. So recht klar war ja anfangs nicht, ob die Alten das Machtruder nicht doch wieder an sich reißen würden. Leute, die dafür agitierten und weiterhin auf ihren Posten waren, gab es genug. Einige von denen sind heute noch und wieder in Amt und Unwürden. Aber darüber will Schaaf in einem weiteren Buch schreiben.
In diesem hier endet alles, wie es 1989 auch endete: Das sozialistische Damenkränzchen, das in Vandalitz seinen esoterischen Spielzirkel betrieben hatte (und das den Mord an einer bizarren jungen Schönen auf dem Gewissen hat), zählt seine Devisen und wartet auf den besten aller Rechtsanwälte und Oberst a.D., um die weitere Geldanlage zu klären, in Michaelas Leben ist eine irdischere Liebe eingekehrt, nachdem sie fast dem kriminellen Herrn Klozcowski in die Fänge geraten war (den die Ermittlungsbehörden - es gab auch damals zwei - als Herrn Poniatowski kennen - die Namen, die Schaaf sich ausgesucht hat, sind sprechend). Und die drei Jungen, die ganz unverhofft den Klassiker ihres Lebens spielten, sehen völlig neue Möglichkeiten vor sich ... Die Welt ist offen. Was macht man draus?
Dabei hat Schaaf ein Händchen bewiesen für die Vielzahl von Verkettungen und Verbandelungen, die zwischen seinen Helden bestehen - die Guten sind mit den Bösen auf diffizilste Weise verwandt, der tägliche Alltag (vom "Hamwanich" bis zum Wäschewaschen und Zimmeruntervermieten) ist eng verwoben mit dem, was man so politisches Leben nennen kann. Noch sitzen Geheimdienstler, Polizisten und Funktionäre auf ihren Posten - aber natürlich wird trotzdem demonstriert und diskutiert und gelebt.
Schaaf baut keine stringente Handlung, sondern blendet vom Spätherbst zurück auf die Ereignisse davor, schaut seinen Figuren über die Schulter bei dem, was sie tun. Das Kränzchen der abenteuersüchtigen Genossinnen könnte beinah aus einer Geschichte von Ilf und Petrow stammen. Der raubeinige Erdmann Jansen ist eher ein Held aus dem Brecht-Opus. Auch das passt. Denn über diesen Osten und sein herbstliches Ende gibt es viele Geschichten, nicht nur eine. Viele Sichtweisen. Die euphorischen und die pompösen, die trockenen und die aufgeschäumten. Alle sind gültig. Alle zusammen ergeben erst das, was man Geschichte nennen kann. Und es darf sich durchaus gestritten werden über das Genre dieses Herbstes: Tragödie? Komödie? Farce? - Das beliebteste Stück dieses Herbstes war Christoph Heins "Die Ritter der Tafelrunde". Das zitiert Schaaf. Genauso wie er einen deutlichen Hinweis auf seinen geliebten Brecht gibt. Und bei Schiller bedankt er sich herzlich für "Die Räuber".
Es ist trotzdem kein leichtes Lesen, denn Schaaf will viel und dicht erzählen. Er hat auch seinen Thomas Mann auswendigst gelesen. Bis in die überbordenden Sätze hinein. Das schafft Spielraum. Die Bilder und Vergleiche purzeln nur so. Sein Deutschlehrer wird seine Freude haben. Nur: Zum Schnelllesen eignet sich das nicht. Eher zum Vorlesen. Da haben die Zuhörer ihren Spaß an den Worten, die Schaaf in die Sätze packt. Worte aus so ungefähr 300 Jahren deutscher Erzähltradition, von Schiller bis Brecht. Mit Satzkonstruktionen, bei denen noch heute Deutschlehrer sanftest erröten: "Es hatten sich noch über Erdmann Jansens Erwartungen hinaus nicht nur die Seelen der jungen Menschen an Schiller Pathos entzündet."
Jeder Satz ein Juchzer. Etwas mehr Brecht, etwas weniger Mann wäre vielleicht nicht schlecht. Denn eigentlich ist die Handlung eine flotte. Der Leser fällt nur immer wieder in Verwirrung, weil ganz ohne Vorwarnung die Szenerien wechseln und die Zeiten. Das sortiert sich nicht leicht. Auch wenn man sich darüber freut, wie hier einer in Rollen schlüpft, die ihm geografisch eigentlich fern sind. Er schafft es besser als so mancher, der in den letzten Jahren das Volk mit einem "Wende-Roman" erschlug. Und er gibt diesem auswirbelnden Land eine Farbe, die passt. Eben nicht: Knast. Nicht Mauer. Es ist ein bisschen wie das NÖP-Russland von Ilf und Petrow, ein bisschen Bauernroman, ein bisschen Operette, auch ein bisschen Courths-Mahler, denn das war die DDR in ihrer Biederkeit ja auch.
Die Mischung macht's, darf man als Bilanz feststellen. Deswegen hieß die beliebteste Kaffeesorte der DDR auch "Melange". Und die beliebteste Pralinenauswahl: "Bunte Mischung". Wer an den Bewohnern dieses Landes hinter der Mauer immer nur eine Farbe (am beliebtesten: Grau) finden will, der findet nichts. Der findet auch nicht das Land und das Völkchen, das seine alten Besserwisser 1989 aus den Ämtern demonstrierte.
Schaaf hat es geschafft, die Farbpalette auszureizen. Manchmal geradezu überschwänglich. Ein paar Kapitelunterteilungen wären wirklich nicht schlecht - mit Datum, Ort und Uhrzeit. Würde passen zu diesem unübersichtlichem Herbst, nach dem auf einmal alle Sieger waren. Nur wo die Genossin und ihre Kumpane geblieben sind, will keiner gesehen haben.
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