Kapitulationen: 21 kurze Geschichten mit einem gar nicht so guten Ende
Ralf Julke
12.09.2011
Kapitulationen.
Foto: Ralf Julke
Weiter geht's mit der Entdeckungstour des fhl Verlages bei der Publizierung junger, ernsthafter Autoren. Man darf so langsam staunen, was der im Haus des Buches heimische Verlag da mittlerweile alles in Buchform gebracht hat. Leipzig hat da tatsächlich einen echten Verlag für neue Talente. Das jüngste, das sich hier zeigt, ist Thomas Josef Wehlim. Er liebt die ganz kurze Erzählkunst.
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21 Kurzgeschichten vereint sein Debütband. Wenn man das so nennen kann, denn in der Edition Rugerup ist parallel ein zweiter Erstling erschienen: "Die Tage des Kalifats".
In "Kapitulationen" widmet sich der 1966 in Witten Geborene, der seit 1996 in Leipzig lebt, 21 Situationen, in denen die Dinge nicht auf ein Happy End zulaufen, sondern auf das, was wohl bei vielen Ereignissen im Leben eher das Normale ist - den Verzicht, die Niederlage, das Einsehen, dass es diesmal schief gegangen ist.
Das Ganze in einer nüchternen, knappen Erzählweise. Das betont das Dokumentarische. Was in deutschen Sprachlandschaften durchaus etwas Beruhigendes ist. Hier wird nicht überhöht, glorifiziert oder mit seelischen Tiefentauchen versucht, die Dinge großartiger zu machen, als sie sind. Natürlich werden sie auf diese Weise sogar plastischer, menschlicher und irdischer sowieso. Etwa die bekannteste Kapitulation der neueren deutschen Geschichte - die Unterschrift Generalfeldmarschall Wilhelm Keitels unter die deutsche Kapitulation am 8. Mai 1945 in Karlshorst. "Erdbeeren" nennt Wehlim diese Geschichte, in der er den 63-Jährigen in den Stunden vor und während der Unterschriftsleistung zeigt. Immerhin ein vom Krieg gezeichneter alter Mann, der hier in eine Rolle rutscht, auf die er nicht vorbereitet ist.
21 kurze Geschichten übers Kapitulieren.
Foto: Ralf Julke
Genauso wenig, wie Armeegeneral Jeremenko es ist, als ihn Stalin im Sommer 1941 an die Westfront beordert, weil die eben noch von Stalins Schergen "gesäuberte" Armee von der Kriegswalze der Deutschen einfach überrollt wird. Auch wenn Jeremenkos Kapitulation eher jener Moment ist, in dem er erfährt, dass nun auch sein Adjutant Lasarew von den taffen und geschniegelten Schergen des NKWD verhaftet wird.
Es gibt sie eigentlich in allen Lebensläufen der Berühmten und Heldenhaften, diese Momente der Niederlage. Manchmal auch stellvertretend für ganze Weltreiche - wie bei Germanicus im Jahr 15, als er die Reste der drei Legionen des Varus findet. Oder - in ganz anderer Form - bei George W. Bush nach dem Anschlag aufs World Trade Center 2001, als er einige der Überlebenden in der Klinik besucht und nicht in der Lage ist, Mitgefühl zu empfinden. Auch die Geschichte des Offiziers, der sich an seine Alpträume aus Vietnam erinnert fühlt, interessiert ihn nicht - er verspricht nur Rache und Vergeltung. Vielleicht war so tatsächlich der Moment, als der US-amerikanische Präsident vor der Herausforderung kapitulierte, die ihm ein Häuflein Terroristen gestellt hatte. Unfähig, auch nur die nächsten Folgen seiner Vergeltung zu begreifen.
Doch es sind nicht nur die Berühmten der Geschichte, die Wehlim in Momenten ihrer Kapitulation zeigt. Er nimmt sich auch ganz fiktive Zeitgenossen vor, die stellvertretend stehen für all jene Kapitulationen, ohne die die Welt heute nicht so beklemmend wäre. Den Abmahnanwalt etwa gleich in der ersten Geschichte "Cyber Advocate", der selbst seine Familie so behandelt, als würde er sie für alles abmahnen, was sie in seinen Augen falsch macht. Oder die namenlosen Bürokraten, die wie in "Einbahnstraßen" Gesetze erlassen, die mit dem realen Leben nichts zu tun haben - was ja passieren kann. Doch haargenau trifft Wehlim auch hier den Ton der blasierten Begründungen, die das Gesetz über die Freiheit der Bürger stellen.
Im Kapitel "Große enge Welt" sind vier Geschichten versammelt, die sich mit aktuellsten Ereignissen aus der medialen Gegenwart beschäftigen - dem Reaktorunglück von Fukushima zum Beispiel oder den Piratenattacken vor der Küste Somalias. Hier wird Wehlim ein klein wenig moralisch. Was sich vielleicht nicht ganz vermeiden lässt, wenn man sich in jene Menschen hineinzuversetzen sucht, die an den Ereignissen direkt beteiligt sind. Natürlich steht auch da jedes Mal die Frage nach dem Standhalten - oder dem Versagen.
Dasselbe gilt für die Geschichten im letzten Kapitel "Die Minderheit des Ichs", in denen Wehlim die Erzählformen des Krimis und der SF ausprobiert und ebenfalls wieder kleine Laborsituationen schafft, in denen das Schicksal Einzelner die Frage aufwirft nach den Handlungsmöglichkeiten der Umstehenden. Denn natürlich leben die meisten menschlichen Schweineren davon, dass die Umwelt wegsieht, stille hält, nichts tut.
Thomas Josef Wehlim: Kapitulationen.
Foto: Ralf Julke
Das sind dann die Geschichten, in denen man ahnt, dass Thomas Josef Wehlim eben doch ein großer Grübler ist. Und natürlich kann es gewaltig frustrieren, wenn man sieht, dass viel zu viele Menschen viel zu gern kapitulieren - und damit all jenen Durchgeknallten freie Bahn verschaffen, die überhaupt nicht begreifen, wann es angebracht ist, auch mal zurückzustecken.
Aber gerade die Geschichte "Cyber Advocate" zeigt ja die fast zwangsläufige Fortsetzung: Auch die Fitten und Immerforschen erleben irgendwann die Momente, in denen das Pferd zu Tode geritten ist. Nur ist dann eben schon eine Menge Land verbrannt, viel Unheil angerichtet, eine Menge neue Saat der Angst, des Hasses gesät - wie in "Srebrenica", wo der Held und damit der Leser einem scheinbar freundlichen und verständnisvollen Polizeigeneral begegnet, dessen Charakter sich erst entpuppt, nachdem er auf seinem stolzen Pferd davongeritten ist. Denn die meisten Nie-Kapitulierer lassen ihre Verbrechen ja von Subalternen verrichten.
Und vor Gericht sagen sie dann großkotzig, sie hätten von all dem nichts gewusst. Womit sich ein wichtiger Aspekt in all dem Kapitulieren und Kapitulieren-Lassen auftut: der der Berichterstattung darüber. Denn wenn alles menschliche Handeln immer wieder von Kapitulation verzerrt wird - wo sind dann noch die Guten? Wer ist der Böse? Wo verlaufen denn eigentlich die versprochenen klaren Fronten dazwischen?
Will der brave Erdenbürger nicht lauter klare, heile und fast heilige und unzerstörte Helden? Solche, die gar eine Lösung für alle Probleme versprechen? An die man den ganzen Wirrwarr also einfach delegieren kann - die machen das dann schon?
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Kapitulationen
Thomas Josef Wehlim, fhl Verlag Leipzig 2011, 11,95 Euro
Der Glaube ist wohl der trügerischste von allen. Er lebt ja von der eigenen Kapitulation. Ein kleines Päckchen Geschichten also, das auch zum Nachdenken anregt. Nicht über die Fehler der Welt. Sondern über die gar nicht leichte Kunst des Rückzugs und der Kompromisse. Kapitulieren muss man erst in Sackgassen. Aber irgendwie werden die Helden der Menschheit ja meistens nach der stupiden Fähigkeit auserkoren, mit Hurra-Gebrüll in Sackgassen führen zu können. Auch darüber könnte man nachdenken bei Gelegenheit.
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