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Krimi aus dem grauen Schatten der DDR: Maren Schwarz' "Gesichtsverlust"

Ralf Julke
Gesichtsverlust.
Gesichtsverlust.
Foto: Ralf Julke
Der fhl Verlag hat Maren Schwarz' "Gesichtsverlust" als Krimi veröffentlicht. Eine fleißig gelesene Krimi-Autorin ist die Vogtländerin. Im Gmeiner Verlag sind schon drei spannende Krimis veröffentlicht worden, die in ihrer Heimat handeln. "Gesichtsverlust" fällt aus der Reihe - nicht weil es nicht spannend wäre bis zum Ende.

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Die Klammer der Erzählung ist tatsächlich ein Kriminalfall - die Verurteilung eines Mannes namens Pedro Ritter zu zehn Jahren Gefängnis aufgrund eines schlichten Indizienprozesses. Ihm wird der Mord an der jungen Buchautorin Swenja Jaris zur Last gelegt. Immerhin die Liebe seines Lebens. Doch die Verurteilung schafft ihm nicht nur Zeit zum Nachdenken. Sie zwingt ihn auch dazu. Denn Pedro Ritter heißt tatsächlich nicht Pedro Ritter.

Seine Vorgeschichte führt mitten hinein in die grauen Nebelwelten der DDR, in der der von Versagensängsten geplagte Sohn des Direktors eines Plauener Druckmaschinenunternehmens in die Fänge der Stasi gerät. Nicht ganz zufällig. Denn die Herren von Horch & Guck, die ihn nach der vermasselten Mathematikarbeit abfangen, wissen eine Menge über ihn und seine Not. Und der Leser darf früh schon stutzig werden: War dieser Apparat so allwissend?

Natürlich nicht. Er lebte von den Informationen all derer, die mit ihm kooperierten und auch bereit waren, für diese Kooperation ihre nächsten Mitmenschen ans Messer zu liefern. Wer das im Fall von Jan Winter war, erfährt der Leser auch am Ende der Geschichte, die die Geschichte eines jungen Mannes ist, der durchaus weiß, dass ihm nach dem Verlust der Mutter die familiäre Wärme und der nötige Rückhalt fehlten.

Mehr als nur ein Krimi: Gesichtsverlust.
Mehr als nur ein Krimi: Gesichtsverlust.
Foto: Ralf Julke

Er findet den in gewisser Weise bei seinem Freund Lorenz. Doch auch diese Freundschaft kann ihm das Rückgrat nicht geben, das man im Leben braucht. Nicht nur zum "Nein!"-Sagen, sondern auch für die Fähigkeit zu echtem Vertrauen, zu stabilen Partnerschaften. Das Erbe der DDR ist auch ein psychologisches. Und es gibt wenige Bücher - belletristische schon gar nicht - die diese Risse und Schattenseiten so klug und genau abbilden, wie es Karen Schwarz hier tut. Denn um Menschen zu Verrätern zu machen, müssen diese Menschen nicht nur mit Repressalien unter Druck gesetzt werden. Sie müssen auch erleben, dass die Welt, die eigentlich Vertrauen, Rückhalt und Verständnis bieten sollte, diesen Halt nicht bietet.

Was ganz sicher nicht nur auf manche Verwerfungen in der DDR zutrifft. Doch der von Mielke aufgebaute Apparat war darauf geeicht, diese Fehlstellen aufzuspüren und auszunutzen. Es sind immer die Schwächen der Menschen, die den Geheimdiensten Macht über sie geben.

Und so ist Jans Leben nicht nur eines, in dem er seinen besten Freund an die Stasi verrät, auch im eigenen Familienleben wird er zum Verräter und sein Leben schürzt sich, nachdem Lorenz sich im Knast von Bautzen auch noch das Leben nahm, zu einer seltsamen Flucht in den Wende-Wirren, als die Bürgerkomitees die Stasi-Zentralen stürmen und die Akten sicherstellen, die Einblick geben in das unheimliche Wirken des Geheimdienstapparates.

Wobei den Leser durchaus verblüffen darf, welchen Weg Jan da nimmt. Denn ein Verbrechen, das ihn dazu zwingt, auch noch sein Gesicht durch eine Operation in Kuba verändern zu lassen, hat er ja nicht wirklich begangen. Die Schuld gegenüber den Mitmenschen, die er verraten hat, hat er nur selbst zu tragen.

Und beinah würde auch seine spätere Rückkehr nach Deutschland gelingen, wenn ihn nicht alles in die alte Heimatstadt zurückziehen würde, wo er natürlich seiner Vergangenheit und seiner Schuld begegnen muss. Immer in der Gefahr, dass seine Maskerade auffliegt.

Maren Schwarz: Gesichtsverlust.
Maren Schwarz: Gesichtsverlust.
Foto: Ralf Julke
Dass er dabei nicht nur seine große Liebe findet, sondern auch zur Sühne und zur Auseinandersetzung mit sich und seiner Vergangenheit gezwungen wird, hat Maren Schwarz sehr genau erarbeitet. Was auch nicht wirklich oft zu finden ist im deutschen Krimi. Diese Geschichte, die sie hier erzählt, ist tatsächlich der Stoff, aus dem persönliche Dramen entstehen. Der Täter ist eben kein blutiges Monster, sondern ein Mensch im Korsett seiner eigenen Fehlstellen, Ängste und Feigheiten.

Dass Pedro alias Jan am Ende vor eine Entscheidung gestellt wird, die von ihm wirklich Mut verlangt, hebt das Buch endgültig aus der Kategorie Krimi heraus. Aber natürlich kann man das Buch trotzdem in das Regal stellen, auch wenn der übliche genervte Kriminalkommissar fehlt und der Täter, der die Geschichte trägt, selbst nicht weiß, was am Ende tatsächlich passiert ist. Was er findet bei seinem Nachdenken, ist seine eigene Geschichte mit all ihren dunklen Flecken und leeren Seiten. Und das ohne das ganze professorale Grübeln, das man sonst immer serviert bekommt, wenn deutsche Großautoren versuchen, Gefühle zu analysieren.



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Gesichtsverlust
Maren Schwarz, fhl Verlag Leipzig 2011, 12,00 Euro
Es sind lebendig und flott erzählte Szenen und Erinnerungen, aus denen sich das Leben des Jan Winter alias Pedro Ritter entwickelt. Kein wirklich ausgefallenes Leben bis zu dieser Flucht im Wende-Jahr. Doch eben auch eines, das ahnen lässt, was Menschen fehlt, wenn ihnen früh das Vertrauen entzogen wird und sie Erwartungen genügen sollen, die nichts mit ihnen selbst zu tun haben.


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