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Tierwelten: Neues Poesiealbum versammelt tierische Gedichte

Ralf Julke
Tierwelten.
Tierwelten.
Foto: Ralf Julke
Dichter beschäftigen sich durchaus mit den Dingen des Alltags. Sie laufen nicht nur auf Kothurnen durch die Gegend und malen die Welt rosa. Auch wenn das natürlich 99 Prozent der Leute tun, die sich in Deutschland für Dichter halten. Gute Lyrik ist und bleibt etwas Seltenes. Sie lebt von der Kunst, den Moment an seiner sensibelsten Stelle zu packen.

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Manchmal wirkt das wie hingetupft, manchmal bedeutungsvoll, manchmal sentimental. Das ist normal. Dichter sind auch nur Menschen. Und was sie beeindruckt, unterscheidet sich in nichts von dem, was auch auch ganz prosaische Menschen aus dem Häuschen bringt. Sie können, wenn sie gut sind, nur eines: neue Worte und Bilder finden für diese Momente. Dann werden diese kleinen Texte zu Diamanten, zu Dingen, die auf einmal in keinem Almanach und keinem Lehrbuch fehlen dürfen.

Ralph Grüneberger, der Herausgeber des neuen "Poesiealbums neu", das sich diesmal den "Tierwelten" widmet, benennt ein paar dieser Diamanten in seinem Editorial. Rilkes "Panther" gehört natürlich dazu, Poes "The Raven" und sogar Morgensterns "Fisches Nachtgesang". Wer die Lyrikbände der Weltliteratur durchblättert, wird Tiergedichte aller Art finden, jedes nicht nur ein Bild von unserer Sicht auf die Tiere - sondern über die Tiere auch wieder auf das Verhältnis der Menschen zur Welt. Von Wyssotzkis "Wolfsjagd" bis zu T. S. Eliots "Old Possums Katzenbuch".

Das neue "Poesiealbum neu": Tierwelten.
Das neue "Poesiealbum neu": Tierwelten.
Foto: Ralf Julke

Ganz so weit spannt diese Auswahl den Bogen nicht, auch wenn mit Jorge Luis Borges und seinem Gedicht "An die Nachtigall" die Weltliteratur einen Vertreter entsandt hat. Das Herausgebertrio ist wieder in jüngeren Gedichtbänden aus Deutschland auf die Suche gegangen. Stellvertretend. Denn der gewöhnliche Leser bekommt die meisten der hier im Anhang aufgelisteten Lyrikbände nie zu sehen, stolpert auch nirgendwo drüber, weil ihre Existenz im großen deutschen Feuilleton längst genauso ausgeblendet wird wie die von 90 Prozent dessen, was ernsthafte Autoren im Land jedes Jahr veröffentlichen.

Natürlich sind auch wieder einige der Leipziger Begabungen darunter. Aus gutem Grund: Sie schreiben unbeirrt immer weiter auf hohem literarischem Niveau. Sie sind eigenwillig und auf beeindruckende Art unmodern. Nicht weil sie den Ton der Zeit nicht treffen, sondern weil sie den Moden der Zeit nicht hinterherstöckeln. Das merkt auch der Leser, der sich nie mit der irrsinnigen Lehrerfrage auseinander gesetzt hat "Was wollte uns der Dichter damit sagen?" Denn so, wie Lehrpläne mit Gedichten umgehen, funktionieren sie nicht. Gedichte funktionieren wie all die Dinge, die Menschen manchmal zueinander sagen, wenn sie aufmerksam sind. Manche sind so kurz und deutlich wie ein "Schau mal!" - Mehr braucht es oft nicht.

Das neue "Poesiealbum neu": Tierwelten.
Das neue "Poesiealbum neu": Tierwelten.
Foto: Ralf Julke
Auch nicht bei Tieren. Und man staunt schon, wer uns da alles auch im 21. Jahrhundert begleitet. Neben Hunden und Katzen. Schnecken zum Beispiel, Regenwürmer und Schaben, Bienen, Schafe, Füchse, Kühe und Wale. Manche - wie der Leithammel - regen immer wieder an zum Wundern über das Handeln der Menschen. Hans Brinkmann hat sein Handy mit Vogelstimmen aufgeladen - und kriegt "'ne Meise", weil er sich durch das Zwitschern im Wald genötigt fühlt, sein Mobiltelefon aus der Tasche zu kramen. Gleich zwei Dichterinnen lassen sich von Schmetterlingen animieren, übers leichte Schweben nachzusinnen. Manches in diesem Band sind reineweg Nachsinn-Gedichte. Manches Tier fordert ja geradezu heraus dazu. Mal, weil es so traurig aussieht wie der Schwan bei Hans Christian Elze – mal, weil es so unbeeindruckt einfach da ist - wie die Krähen bei Erich Fried. Oder wie wäre es mit einer Herde schwarzer Schafe, die nun ein weißes Schaf nicht dulden mag - wie bei Gunter Preuß?

Manche Gedichte sind kleine Fabeln. Auch das hat Tradition in der deutschen Literatur. Die breiter ist, als man bei jedem frustrierenden Besuch in deutschen Buchhandlungen glauben mag. Es bleibt dabei: Das Meiste steht einfach nicht da. Der Leser muss es selbst suchen. Wie ein Trüffelschwein - nur kommt gerade das nicht vor in diesem Band. Dafür der genial gelungene Versuch von Ulrike Almut Sandig, sich ganz und gar in einen kleinen spielenden Hund zu verwandeln.

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Nicht das einzige Gedicht, in dem sich die hündische Lebensfreude umkrempelt in ein Gedicht voller dienstbarer Freude. Bären ist dieses Schicksal nicht mehr vergönnt. Ein medienwirksames Vorkommnis in bayerischen Landen hat Kerstin Hensel zu ihrem herrlichen Spottgedicht "Vergrätzung des Bären" animiert. Auch wenn sich die "Bürger von Ury, Tury und Schlury" ihres Bären keineswegs mit dem Schießgewehr entledigen. Aber erfolgreich sind sie trotzdem.

Denn Tier ist nicht gleich Tier. Und die Verhältnisse des Menschen zu seiner belebten Umwelt sind sehr oft recht seltsam. Vom Miezi-Versuch, in die Tiere die eigenen Bedürfnisse hineinzuprojizieren bis hin zum Liebesverlangen im Frühjahr, das just von der Amsel ausgelöst wird. Man lernt also mit diesen Dichterinnen und Dichtern da und dort selbst auch ein paar närrische Zeitgenossen kennen. Selbst lebenserfahrene Lyriker haben oft noch gar nicht gemerkt, dass Gedichte auch kleine Verräter sind: Sie verraten eine Menge über ihre Autoren. Auch Dinge, die diese niemals gesagt hätten - wär's nicht gerade in einem Gedicht passiert.

Edition kunst & dichtung "Poesiealbum neu. Tierwelten", Leipzig 2011, 4,80 Euro


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