Ein Roman mit Endzeit, Liebe und ganz unterschiedlichen Sichten: Patrick Zschochers "Mondfahrt"
Ralf Julke
29.09.2011
Mondfahrt.
Foto: Ralf Julke
Es war das erste Buch, das Patrick Zschocher 2009 in seinem Verlag veröffentlichte. Fast unbemerkt. Das ist das Problem junger Verlage: Sie haben kaum Chancen, vom deutschen Feuilleton auch nur für ein Momentchen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und für Patrick Zschocher der nächste Knackpunkt: Er ist selbst Autor des Buches.
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So weit, so einfach. Das ist so ungefähr die Daseinsbeschreibung von 90 Prozent dessen, was auf dem deutschen Belletristikmarkt geschieht. In der Fülle verliert sich dann auch oft genug Manches, was einen größeren Leserkreis verdient hätte. Auch Zschochers Roman gehört dazu. Er beginnt mit einem Knall: Auf einer Raststätte in der Lüneburger Heide fliegt ein Auto in die Luft. Auf dem Auto ist die Flugzeugkanzel eines alten englischen Düsenjägers montiert. Mit der Kapsel wollten die Protagonisten des Buches eigentlich zum Mond fliegen. Sie waren gerade auf dem Weg Richtung Kasachstan, um sich dort von den Russen in den Kosmos schießen zu lassen, hatten dazu extra Kontakt aufgenommen zu ein paar seltsamen ehemaligen russischen Offizieren. Die Mixtur für einen guten Thriller ist also da.
Und während einer der ambitionierten Mondfahrer mit Kapsel und Landrover augenscheinlich einfach in die Luft fliegt, flüchten seine drei jungen Begleiter zurück nach Hamburg, wo sich dann in einer stimmigen Rückblende die Vorgeschichte der Explosion aufdröselt. Sie hat mit Verletzungen zu tun und dem Gefühl, das den jungen Großstädter Jens am Einschlafen hindert, im Leben kein rechtes Ziel zu haben. Irgendetwas fehlt. Irgendetwas scheint ihn zu hindern, ein voll erfülltes Leben zu führen. Als er dann mitten in der Nacht durch diverse Selbstmörder-Sites im Internet stöbert, stößt er auf die Nachricht von Greg aus London, der Mitreisende für einen Flug zu Mond sucht.
Patrick Zschocher: Mondfahrt.
Foto: Ralf Julke
Dass die Antwort, die Jens ihm schickt, sein Leben schon in den nächsten Tagen gründlich auf den Kopf stellen würde, ahnt er da noch nicht. Er kann es sich auch noch nicht so recht ausmalen, als Greg tatsächlich mit Landrover und Flugzeugkapsel in Hamburg aufkreuzt. Wäre es nur das, die Geschichte könnte tatsächlich in eine recht seltsame Richtung abdriften. Aber manchmal - zumindest in aufregenden Geschichten ist das so - kreuzen sich gerade an solchen Wegmarken die Schicksale mehrerer Menschen ganz zufällig, sie werden einfach mit hineingesogen in die Geschichte, die sich da entspinnt, werden selbst zu wesentlichen Akteuren, wie Jens' alter Schulfreund Karlchen und die kesse rothaarige Verkäuferin aus dem nahen Supermarkt namens Marie, der Jens in seiner Schüchternheit immer nur zugelächelt hat.
Dass es trotzdem keine Liebesgeschichte im herkömmlichen Sinne wird, ist durchaus nicht selbstverständlich. Aber dem lässt Zschocher auch gar keinen Raum. Er versucht keine idealen Charaktere zu basteln und die Dinge entwickeln sich durchaus so chaotisch, ungeplant und diffus, wie das im richtigen Leben in der Regel auch der Fall ist. Was tatsächlich geschehen ist, kann man ja in der Regel tatsächlich erst ein Weilchen danach erzählen. Und dann müssen die Versionen der Geschichte noch lange nicht übereinstimmen. Was durchaus selten so auch in geschriebenen Geschichten wiederzufinden ist - Patrick Zschocher nutzt die Chance dennoch, und was sich aus der Perspektive des tief erschütterten Jens durchaus als logische Erzählung dartat, erfährt mit den Versionen, die Karl und Marie beisteuern, mehr als nur eine Korrektur.
Und weil der Leser auch noch die Version von Greg erfährt, hat man hier durchaus ein Stück Prosa vor sich, das sich auf recht unterhaltsame Weise mit dem großen Thema der objektiven Erzählweise beschäftigt. Und ihrer Unmöglichkeit.
Erst alle Sichtweisen zusammen zeigen, wie unlogisch so manche logische Erklärung ist. Und wie fragwürdig so manche Deutung, die der Mensch im Zentrum der Ereignisse so für sich trifft. Natürlich ist am Ende das Ganze ein ganzes Stück anders, als nach den ersten Seiten noch zu vermuten war. Und natürlich ist es eine Geschichte für alle, die manchmal am Sinn des irdischen Lebens verzweifeln wollen und davon träumen, mit einem wagemutigen Flug Richtung Mond dem Leben endlich den richtigen "Kick" zu geben.
Ob das tatsächlich nötig ist, um ein richtiges, vollwertiges Leben zu haben, darf bezweifelt werden. Aber man versteht schon, dass Jens hier einem Anspruch begegnet, der mittlerweile eine ganze westliche Zivilisation verrückt macht. Eine Zivilisation, die ihre Maßstäbe verliert, weil sie immer maßloser wird. Es ist ist das alte Midas-Problem in neuem Gewand. Und Greg spricht nicht ohne Grund von "Endzeit". Was nicht bedeutet, dass nun gerade Greg derjenige ist, der die richtige Version der Geschichte hat. Auch für forschende Soziologen gilt: Nur wer alle Seiten der Geschichte erzählen kann, erzählt die ganze Geschichte. Wer nur eine und seine erzählt, erzählt ein neues Märchen.
Patrick Zschocher "Mondfahrt", Einbuch Verlag, Leipzig 2009, 9,90 Euro.
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