Alexandra Pessoas Geschichten von der unperfekten Liebe: Busenneid
Ralf Julke
14.10.2011
Busenneid.
Foto: Ralf Julke
Im Mai und Juni schlugen die medialen Wellen hoch um die seltsame Begegnung des damaligen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn mit einer Hotelangestellten in einem New Yorker Hotel. Die L-IZ veröffentlichte damals ein Kapitel aus einem Buch, das gerade in Vorbereitung war. Am Ende war "Der verführte Verführer" fast prophetisch.
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Strauss-Kahn wurde freigesprochen. Vorhergegangen war eine mediale Schlacht, die auch den Deutschen nicht so ganz unbekannt vorkam, denn Ähnliches passierte parallel gerade mit dem Wettermoderator Jörg Kachelmann. Und dass sich gerade die Frontfrau des (west-)deutschen Feminismus dafür hergab, die Gerichtsverhandlung für Deutschlands großes Revolverblatt aufzukochen, sagt zumindest eine Menge über die journalistischen Standards von Alice Schwarzer aus - und über ihren Hang zur öffentlichen Präsenz. Aber freilich wenig über das, was Jörg Kachelmann tatsächlich getan hat.
Es sagt auch einiges darüber, wie medienwirksam solche Konfliktfälle zwischen den Geschlechtern sind. Sie eignen sich augenscheinlich gut, gesellschaftliche Ressentiments zu bedienen und alte Geschlechter-Stereotype neu aufzubrühen. Die Empörung ist dann allgemein - die der Frauen über den gewalttätigen Macho, die der Männer über die mediale Jagd, die der Anstandswahrer über den Abgrund, der sich da auftut, usw.
Die Dialektik der Körbchengröße: Busenneid.
Foto: Ralf Julke
Dabei machte sich Alexandra Pessoa, Publizistin, Hörbuchsprecherin, Ghostwriterin mit karibischem Hintergrund, nur so ihre Gedanken über das, was da am frühen Morgen in der Hotelsuite von Strauss-Kahn tatsächlich geschehen sein könnte. Oder besser: Sie lässt ihre Chantal darüber nachdenken. Ihre 17 Geschichten in diesem Buch scheinen teilweise selbst erlebt, teilweise von anderen Frauen erzählt zu sein. Ist es ein Spiel mit Fiktionen? - Auf jeden Fall ist es ein parteiisches Buch, eines, das für die Liebe, den Sex und die Lust von Frauen und Männern plädiert.
Es ist auch ein Buch gegen die heuchlerische Moral, die in solchen Schauanklagen wie bei Strauss-Kahn & Co. ihre Auftritte feiert, vorverurteilt und richtet, ohne dass überhaupt klar wird, worum es eigentlich ging. Wenn man die Beziehungen zwischen Männern und Frauen politisiert, wird alles falsch. Und wenn man Beziehungen auch noch zum Leistungssport macht, braucht man sich über das emotionale Veröden der Gesellschaft nicht zu wundern. Pessoa zitiert einen ihrer Freunde, der sich durch die Dauerpräsenz nackter Haut an öffentlichen Werbeflächen sexuell belästigt fühlt. Recht hat er. Es ist ein Spiel mit Gefühlen. Mit falschen Gefühlen. Was versprochen wird, wird gar nicht angeboten.
In ihren Geschichten plädiert Pessoa auf das Recht zu Liebe und Sex. Auch für Männer. Sie erzählt erotische Abenteuer verschiedener Frauen, die natürlich alle toll aussehen und sexy. Nicht unbedingt, weil sie gerade aus einem billigen Porno-Clip herübergeschneit kämen, sondern weil Pessoa allen ihren Figuren zugesteht, sexy zu sein. Egal, wie sie aussehen. Denn auch das geglättete Bild der Laufstegschönheiten ist ja eine Lüge. Weder sind sie das Schönheitsideal aller Männer, noch ist auch nur eine einzige ihrer Posen ehrlich. Trotzdem glotzen sie von jeder Werbesäule, als wollten sie jeden Kerl, der vorbeiläuft, vernaschen. Oder verprügeln. Pose ist alles.
Erstaunlich, dass diese Leuchtsäulen nicht jeden Tag in Trümmern liegen - zertrümmert von Frauen, die diese inszenierte Lüge leid sind. Und von Männern, die sich nur noch billig angemacht fühlen. Was tatsächlich verloren geht - und davon erzählen etliche der von Pessoa geschilderten Frauen ihr Leid - ist das unverkrampfte Verhältnis zur eigenen Liebe und Lebenslust. Manche ihrer Heldinnen erfüllen sich ihre Träume. Viele denken ganz so wie die Autorin, dass auch die dritte große Heuchelei für sie keinen Sinn macht: der Traum von der perfekten Karrierefrau, der zusammengehört mit dem Glauben an den perfekten Mann, an dem Partnerschaften gleich reihenweise scheitern.
Alexandra Pessoa: Busen(n)eid. Die Dialektik der Körbchengröße.
Foto: Ralf Julke
Pessoa bekennt sich zu ihrer Unvollkommenheit als Frau. Und zu Männern, die auch mal unvollkommen und kindisch sein dürfen. Oder es einfach sind, weil bei allem Nachdenken ja immer auch die Antwort bleibt: Es sind immer Frauen, die diese Männer so erzogen haben. Ihre Warnung könnte Mancher und Manchem helfen, die große Liebe nicht so absolut und so tragisch zu nehmen: "Mädels Vorsicht! Wenn wir die bärtigen Schmuckstücke für all unsere Miseren verantwortlich machen, geben wir einen Bonus aus der Hand."
Die Vermutung ist ja nicht abwegig, dass die Welt ein wenig anders wäre, wenn Frauen nicht versuchen würden, wie Männer zu sein. "Wir Frauen verhalten uns, als würden Männer als Erwachsene auf die Welt kommen, à la Adam und Eva. Hallo hier bin ich! Einfach von Gott gemeißelt mit allem Dazugehörigen. Ohne Blatt und ohne Lust auf Apfel ..." Ist natürlich die Frage: Sind tatsächlich nur Frauen schuld an der Erziehung des Mannes zu dem, was andere Frauen dann in die Hand bekommen?
Der Fall Strauss-Kahn erzählt ja auch noch eine andere Geschichte: Dass Männer auch verführbar sind. Und dass Frauen eine ganze Menge Macht über Männer haben. Manchmal nutzen sie das auch aus. Und wenn sie es nicht tun, wenn sie in der Frustration der Verweigerung landen, dann wird das oft zur Dauerschleife: Der Mann ist schuld.
Auch wenn in diesen Geschichten ständig vom "perfekten Busen" die Rede ist, sind es eigentlich lauter Geschichten über das Unperfektsein - vielleicht sogar noch gar nicht deutlich genug. Denn es ist ja auch der geschminkte und zusammengehungerte Perfektionismus, der Frau wie Mann in der modernen Welt zu Narren und Ewig-Gejagten macht. Er erzeugt falsche Bilder und falsche Erwartungen. Erwartungen, denen Männer wie Frauen wie besessen nachjagen, weil irgendein besoffener Werbetexter ihnen suggerieren will, dass nur im perfekten Konsum das Heil zu finden ist.
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Busen(n)eid
Alexandra Pessoa, Patchworldverlag 2011, 14,90 Euro
Deswegen passt auch dieses Buch mal wieder in keines der üblichen Regale. Erotik? Klar, das auch. Lebenshilfe? Nicht zu knapp. Beziehungen? Eine Menge. Politik? - Seit Alice Schwarzer natürlich. Es gibt genug Schurken, die die Welt zum Tollhaus der Eitelkeiten und falschen Maßstäbe machen, die nicht nur Frau und Mann zur Rekordjagd antreiben, sondern auch Mann gegen Mann und Frau gegen Frau. So alt ist das Wort "Zickenkrieg" nämlich noch nicht. Es ist Teil einer modernen Wirtschaftswelt, in der ein paar lüsterne alte Säcke eine Menge Freude daran haben, wenn sich die jungen, lebenshungrigen Menschen alle gegenseitig zerfleischen auf der Jagd nach unerreichbaren Idealen.
Doch was sie dabei schneller verlieren als sie denken, ist tatsächlich die Freude am Leben und die Liebe zu sich selbst. Auch darum geht es ein wenig in diesem Buch, das so sich so hübsch zerstreut liest mit allerlei Stellen, an denen man merkt, dass hier eine erzählt, deren Muttersprache eher Spanisch ist. Aber das stört ja nicht wirklich bei einem Leben mitten auf einer Insel in Europa.
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