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Die kessen Geschichten von Kirsten Fuchs: Eine Frau spürt so was nicht

Ralf Julke
Eine Frau spürt so was nicht.
Eine Frau spürt so was nicht.
Foto: Ralf Julke
Den Lesern der L-IZ ist die junge Dame mit den roten Haaren und der kessen Nase schon begegnet, als ihr Autorenkollege Volker Strübing mit ihr gemeinsam in den kalten Norden Europas aufbrach - eine Expedition, die als "Nicht der Süden" auch im TV zu sehen war. Beide verwandelten die Tour auch in eigene phantasievolle Reiseberichte.

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Ein bisschen hielten sie sich dabei an Marco Polo, schmückten hier und da ein wenig aus. Wer ohne Phantasie auf Reisen geht, sieht nichts von der Welt. Was schon ein gewisser Tucholsky wusste, Kurt mit Vornahmen. Seine beiden Reisegeschichten "Rheinsberg" und "Schloss Gripsholm" gehören bis heute zu den schönsten Reiseerzählungen in deutscher Sprache. Und wer es bei Strübing und Fuchs nur geahnt hatte, darf jetzt im Fall der in Karl-Marx-Stadt Geborenen und in Berlin groß und pfiffig gewordenen Kirsten Fuchs jetzt wissen: Sie kennt ihren Tucholsky. Und sie war mit ihrem Alfred an historischer Stelle, in Rheinsberg, wo man landet, wenn man im Sommer mal nicht ans Meer will. Aber sich angetan fühlt von einer Ferienunterkunft in einem Boot. Oder in etwas, was so aussieht wie ein Boot.

"Mit Alfred in Rheinsberg, auf dem Sogenannten", heißt die Geschichte. Eine von 36 kurzen Geschichten, die das, was die junge Dame in den letzten Monaten schrieb und veröffentlichte, erstmals kompakt in einem Buch zeigen. Das Buch sieht - einmal mehr - etwas anders aus als das sonst von Voland & Quist Gewohnte, erinnert ein wenig an den Cover-Stil von "Das Magazin". Und das hat auch einen Grund, denn: Das Buch ist diesmal eine Co-Produktion. Und "Das Magazin" präsentiert hier mit Kirsten Fuchs eine seiner beliebtesten Autorinnen. Etliche "Magazin"-Veröffentlichungen aus den Jahren 2010 und 2011 sind mit drin.

36 Geschichten von Kirsten Fuchs: Eine Frau spürt so was nicht.
36 Geschichten von Kirsten Fuchs: Eine Frau spürt so was nicht.
Foto: Ralf Julke

Bruchlos. Und wer in den letzten Jahren schon verzweifeln wollte an der abgrundtiefen Tristesse deutscher Frauenromane, der kann nun einmal mehr erfahren: Es geht tatsächlich eine Demarkationslinie mitten durch das Land. Und während westwärts davon weiter von Emanzipation geschwätzt wird und die ganze weibliche Besatzung der Schönheitssalons, Boutiquen und Gleichstellungsbeiräte trotzdem nur auf der Jagd nach einem einen Jaguar fahrenden Mr. Right zu sein scheint, ist ostwärts alles gewaltig anders.

Nicht einmal exotisch anders. Nur wesentlich irdischer, weniger getüncht und getuned. Vielleicht würde nicht jede junge Frau hierherum so frei von der Leber weg von sich und dem täglichen Leben erzählen. Aber die meisten werden sich in diesen kurzen Geschichten schnell wiederentdecken. Nur Männern sollte man das Buch vielleicht nicht schenken - zumindest solchen nicht, die Frauen noch immer für Elfen und subalterne Erscheinungen halten.

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Natürlich haben sie auch so ihren Kummer mit dem Aufräumen der Wohnung, dem Einhalten von Terminen, den müden Tagen, an denen eins nun wirklich nicht aus den Federn will. Mutzeltag nennt es Kirsten Fuchs. Und ruft dann lieber ihre Oma in Dresden an, um sich Zuspruch zu holen. Ihre Geschichten handeln allesamt nicht von dem, wovon Superweib-Geschichten aus den Bestseller-Pressen der Großverlage heute bestehen - keine Männerjagd, keine stressige Karriere in einer angesagten PR-Agentur („irgendwas mit Medien“), keine ausgemalerte Begegnung mit einem Latino-Lover oder einem geheimnisvollen Schönling, der sich dann als Sohnemann eines berühmten Unternehmers entpuppt (mit Yacht und Schloss und pipapo), keine Liebelei auf dem Berghof, kein Kerzenschein-Gesäusel im angesagtesten Restaurant der Stadt, keine Huchje-Telefongespräche mit der ebenso auf Männerjagd befindlichen Freundin, die sich gerade einen Grafen Sowieso geangelt hat ...

Ihr Alfred ist ein irdischer Bursche mit etwas größerem Bauchumfang. Einer von den Vielen, die frau so abbekommt, wenn das Leben so weitergeht und sich herausstellt, dass die Super-Typen sich im Verlauf ihrer Partnerschaften alle in kleine, phlegmatische Dickerchen verwandeln. Das muss nicht langweilig sein. Und der erste Krach muss auch nicht zum Nimmerwiedersehn werden. Erst recht nicht, wenn die Mama eine CD beisteuert, auf der einer der gut verdienenden Psychoberater der Neuzeit zerrauften Paaren erklärt, wie man sich richtig streitet. Am Ende können die beiden ohne einen saftigen Krach gar keinen Sex mehr haben. Und haben eine Menge Sex. Das fehlt also nicht. Genausowenig wie die Begeisterung für das, was dann passiert, wenn es mal wieder eilig war.

Kirsten Fuchs: Eine Frau spürt so was nicht.
Kirsten Fuchs: Eine Frau spürt so was nicht.
Foto: Ralf Julke
Die Geschichte "König Kind" ist wohl eine der schönsten und witzigsten, die je über eine Schwangerschaft und den kleinen Sofort-König im Bauch geschrieben wurde. Genauso wie Geschichten wie "Sind Männer wie Dielen?" oder "Versuchsanordnung" mit echtem Lebenswitz davon erzählen, dass der Traum von der wahren Liebe aus irdischer Erfahrung heraus betrachtet tatsächlich nicht mehr ist als ein Spitzweg-Bild überm Kanapee. Eigentlich ist es eher ein Wunder, wenn Mann und Frau oder andere Paarungen irgendwie zusammen passen. Die Hormone spielen bestimmt eine Rolle. Der Rest lässt die Mitwelt nur staunen, was da so alles möglich ist.

Klar hat auch hier die Autorin ein Techtel. Die Geschichte erschien auch schon in einem Sammelband der Lesebühne, bei der Kirsten Fuchs seit 2008 eine Heimat gefunden hat, der Chaussee der Enthusiasten. Auch aus ihren Bühnentexten finden sich hier etliche hinreißende Beispiele. - Hinreißend? Darf man das noch sagen? - Bestimmt. Die Autorin ist völlig anders jung als die Dame, die hier neulich auffiel, weil sie glaubte, das ganze spannende Berliner Nachtleben bei einem männlichen Blog-Schreiber abkupfern zu müssen. Und dafür auch noch von den bräsigen Fürsten des deutschen Feuilletons gelobt und behechelt wurde.

Kirsten Fuchs ist - wie alle ihre Bühnen-Kollegen - eine, die davon ausgeht, dass das eigene Leben bunt und gefährlich genug ist, um davon aufregend erzählen zu können. Ob das die Blamage im Outdoor-Laden ist, dessen Verkäufer die Nase rümpfen, wenn ein junges Fräulein nur eine praktische Bekleidung für einen Ausflug nach Brandenburg sucht. Ob das ein Fahrradverkäufer ist, der nur schulterzuckend bedauert, dass Fahrräder mit Rücktritt eine ausgestorbene Spezies sind. Ob das die martialische Sanierung eines ganzen Wohnblocks ist oder ein Winteraufenthalt in einem jener Nester am Rand von Berlin, wo die Leute Schneeflocken jagen, um den öden Tag herumzubringen - der Leser hat immer wieder das seltsame Kribbeln im Nacken, dieses: Das kenn ich doch auch! Das hab ich auch schon mal erlebt.



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Eine Frau spürt so was nicht
Kirsten Fuchs, Verlag Voland & Quist 2011, 15,90 Euro
Eigentlich braucht man nach dem Lesen dieser Geschichten und dem Genießen der beigelegten CD, auf der zehn Geschichten von Kirsten Fuchs eingelesen sind plus zwei Live-Aufnahmen von der Chaussee der Enthusiasten, keinen Beweis mehr dafür, dass diese Autorin echt ist. Ob ihre Geschichten alle stimmen, ist egal. Sie stimmen trotzdem.

Und wer die kesse Autorin, die ihren neuen Roman "Mädchenmeute" gleich live in ihrem Blog schreibt, auch einmal live erleben möchte, der hat dazu am 10. November um 20 Uhr Gelegenheit. Dann ist sie in Voland & Quists Literatursalon im Horns Erben zu Gast und liest natürlich Geschichten aus ihrem Buch.

www.kirsten-fuchs.de


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