Sieben rabenschwarze Geschichten von Jo Hilmsen: Strandtrift
Ralf Julke
24.10.2011
Strandtrift.
Foto: Ralf Julke
Jo Hilmsen, 1966 in Altenburg geboren, lebt in Leipzig und legt mit "Strandtrift" sein Baby vor. Das ist - auch wenn der deutsche Buchmarkt jedes Jahr über 90.000 neue Titel ausspuckt - nicht wirklich einfach. Die Texte so veröffentlichen, wie sie der Computer ausdruckt, das kann jeder. Aber schon die Suche nach einem Lektor und einem Verlag ist ein Abenteuer geworden.
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Viele Verlage haben ihre Lektorate abgeschafft, verkleinert oder ganz ausgelagert. Klingt nach irgendeiner technischen Serviceabteilung - aber das sind im Grunde die Leute, die den Autoren die Texte renovieren, manchmal auch sanieren, mindestens aber korrigieren und sortieren. Denn das Meiste, was sich Leute mit Berufung am PC so ausdenken, ist erst einmal nur für sie selbst zwingend genial. Auch das Herumreichen der Texte im Freundeskreis hilft in der Regel nicht. Wer da als Freund oder Freundin seine wirkliche Meinung äußert, riskiert eine Feindschaft fürs Leben. Selbstgeschriebene Texte sind eben Babys. Und Autoren in Deutschland sind an der Stelle besonders verletzlich. Sie glauben sogar, der Beruf eines Schriftstellers sei so etwas wie eine Priesterweihe und sie selbst auserwählt.
Das macht das schlechte Beispiel, das deutsche Gymnasiallehrer aus dem Geniekult des 18. Jahrhunderts gemacht haben. Das macht auch das gloriose Freundesdenkmal von Schiller und Goethe (mit Lorbeerkranz in der Hand) vorm Nationaltheater in Weimar. Und deutsche Lehrbücher sind immer noch vollgestopft mit dem Unfug, den sich Literaturprofessoren vor 150 Jahren ausgedacht haben - unterschwellig klingen da Worte wie Sendungsbewusstsein und Botschaft mit. "Was will der Dichter uns damit sagen?", fragt so mancher Deutschlehrer noch heute und wundert sich nicht, dass nicht die ganze Klasse entsetzt den Schulraum verlässt.
Auch Jo Hilmsen leidet ein wenig unter der Krankheit. Davon handelt die letzte seiner hier versammelten sieben Geschichten. Da sitzt der Ich-Erzähler in einem Obdachlosenasyl und begegnet Whiterabbit, einem jungen Burschen, der noch nicht - wie die anderen - nach Alkohol, ungewaschenen Klamotten und Pisse riecht, und der ihn mitnimmt auf eine phantasievolle Erweckungstour, bei der es um den Umgang mit der eigenen Phantasie und den Zugang zu den eigenen Erzählgründen geht. Es ist - naja - eine typische Autorengeschichte.
Vielleicht hätte Heike Prassel, die Jo Hilmsen bei Romansuche.de als Lektorin betreut hat, ihm besser raten sollen, die Geschichte wegzulassen. Eigentlich ist er längst weiter. Seine Geschichten holt sich der studierte Reha-Pädagoge aus dem realen Leben. Oder aus dem, was viele Menschen heute als reales Leben erleben.
Sieben Geschichten aus dem Leben der modernen Monaden: Strandtrift.
Foto: Ralf Julke
Es sind kleine Einsamkeiten. Anti-Höllen, wenn man die Definition von Jean-Paul Sarte nimmt: "Die Hölle sind immer die anderen." Vielleicht meint er auch das Selbe: Die Verunsicherung des modernen Menschen in den kleinen Einsamkeiten, die er sich geschaffen hat. Leibniz hätte wohl von Monaden gesprochen - und wäre heute wohl ein gefragter Fernseh-Philosoph. Die moderne Welt der Jagd nach Geld, Erfolg und Anerkennung macht ihre Jäger einsam. Und sie macht alle zum Jäger. Und jedes Gebiet des Lebens zum Jagdgrund.
So wie es Friedrich-Leander in "Die Geschichte vom traurigen Sonntag" erlebt, der auf der Flucht vor einer Krise in seiner Partnerschaft irgendwo bei Marburg strandet, weil sein alter Mercedes den Geist aufgibt. Nach Marburg ist er geflüchtet, weil er auf einmal den Einfall hatte, seine große Jugendliebe aufzusuchen. Kommt ja vor, wenn einen die Freundin immer wieder mit der "Verflossenen" triezt. Dass Friedrich-Leander dabei endlich auf die Spur einiger finsterer Vorgänge aus der Zeit seiner Jugendliebe kommt, gibt der Geschichte einen Kick, der sie nicht nur auf ein anderes Gleis befördert, sondern den Sonntag auch sehr überraschend anders enden lässt.
Jo Hilmsen: Strandtrift.
Foto: Ralf Julke
In tiefe seelische Abgründe steigt auch die Geschichte "Wunder geschehen". Hier hat ein 39-Jähriger mit der Trauer um seine Frau zu kämpfen, die seit zehn Jahren in der Psychiatrie betreut wird, weil sie nach dem Tod der gemeinsamen Tochter in Amnesie verfiel. Dass das Erwachen aus dem Vergessen nicht unbedingt die Lösung aller Verwirrungen ist, muss Georg Kampen am Ende dieser Geschichte ebenfalls erfahren.
Was Hilmsens Geschichten davor rettet, in den Abgründen des so beliebten inneren Monologs zu versinken, ist seine Fähigkeit, für ganze Szenen aus dem inneren Kämmerlein herauszutreten und auf Distanz zu gehen zu seiner Figur. In "Wunder geschehen" sind es einfühlsame und lebendige Szenen mit seiner neuen Liebe Clarissa, die den Helden aus seiner Grübelei herausreißen. Dass er in neue Abgründe stürzt, als ihm seltsamerweise mitten im schönsten Griechenland-Urlaub mitgeteilt wird, seine Frau sei geheilt aus der Klinik entlassen, ist - aus der ernsthaften deutschen Sicht auf die Unausweichlichkeit aller Verhängnisse - ansatzweise zu verstehen.
Vielleicht stimmt diese fast manische Erzählstringenz mit unserer Haltung zum Leben überein. Vielleicht passt der innere Monolog, den deutsche Groß-Autoren bis zum Exzess getrieben haben, einfach wie die Faust aufs Auge zur deutschen Grübelei. Die Dispute führen wir alle im Kopf. So geht es ja auch "Horst im Glück", einem besessenen Sammler, dessen Wohnung längst mit Gerümpel, das er aufhebenswert fand, vollgestopft ist. Sein Spaziergang führt ihn fast automatisch auf die Müllhalde der Stadt - und der Verlust der dort gefundenen Flaschen mit essigsaurem Wein wird für ihn zur gedanklichen Lebenskatastrophe.
Und auch der Erzähler aus "Strandtrift" gehört nicht unbedingt zu den geselligen Zeitgenossen. Der Fund eines verlassenen Liebesnestes in den Dünen und das Lesen dort gefundener E-Mail-Ausdrucke werden für ihn zur Aneignung einer völlig fremden Geschichte und zum Beginn des Wartens auf eine völlig fremde Frau.
Selbst ein Skatturnier ("Das Turnier") wird für den jungen Helden zu einer seltsamen Erfahrung - auch wenn er hier nur in die schrullige Gesellschaft Altenburger Skatbrüder gerät, in der ein kleiner Streit über ein paar Skatregeln zu einer Auseinandersetzung mit Unterstellungen und Handgreiflichkeiten eskaliert. Aber auch das erscheint dem Leser wie der Besuch in einer völlig in sich geschlossenen Monade - da köcheln die Vorurteile, Aversionen und Nickligkeiten vor sich hin, der Neue gerät in eine Welt, in der die Regeln eingeschliffen und die Rollen für immer und ewig verteilt sind.
Der Leser bekommt also durchaus sieben erstaunliche Geschichten aus der modernen Welt der Monaden. Auch die Geschichte der zum Küssen unfähigen Helen ist ja eine. Und dass sie sich am Ende liest wie ein moderner Kriminalroman aus Deutschland oder Schweden, lässt zumindest vermuten, dass sich der moderne Kriminalroman tatsächlich sehr intensiv mit der Monadisierung des Menschen in der heutigen Welt beschäftigt. Dass Helens Vater ein echter deutscher Besserwisser war, der auch noch glaubte, ein guter Zuchtmeister zu sein, gehört dazu: Die Welt des Kriminellen beginnt ja nicht irgendwo am jenseitigen Ufer, wo die Immer-schon-Kriminellen leben. Sie beginnt in den kleinen Folterkammern, die manchmal als Familie erscheinen.
Der Einbuch-Verlag, der Jo Hilmsen in sein junges Programm aufgenommen hat, hätte das Buch auch ganz unsentimental in Schwarz einbinden können - einen roten Blutstropfen aufs Cover und vielleicht mit einem Titel der Art "Sieben rabenschwarze Geschichten." Auch wenn nicht alle rabenschwarz enden - aber auch die Geschichten, die es nicht tun, haben die Anlage dazu.
Jo Hilmsen "Strandtrift", Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2011, 12,90 Euro
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