Springen Sie direkt: Zum Textanfang (Navigation überspringen) Zur Hauptnavigation Zur Suche


Springen Sie direkt: Zum Textanfang (Navigation überspringen) Zur Hauptnavigation Zur Suche




Tagesübersicht Leipziger Internet Zeitung
Alle Nachrichten von: heute | gestern | vorgestern

Ein Schicksal wie erfunden: Susan Hastings "Blauer Staub"

Ralf Julke
Susan Hastings: Blauer Staub.
Susan Hastings: Blauer Staub.
Foto: Ralf Julke
Viele Familien haben mindestens eine bestseller-verdächtige Geschichte im Schuhkarton, auf dem Dachboden oder im Safe. Nur: Die meisten reden nicht drüber. Man schämt sich lieber und vergisst. Auch Familien leiden unter Gedächtnis- und Wirklichkeitsverlust. Glücklich, wenn eine wie Susan Hastings nicht nur den Schuhkarton findet, sondern auch eine Tante Charlotte hat, die beim Aufdröseln der Geschichte hilft.

Anzeige

Es ist das zweite Buch, in dem die Autorin, die seit zehn Jahren praktisch Jahr für Jahr ein dickes Buch veröffentlicht, sich ihrer Heimatstadt Leipzig widmet. Das erste war vor drei Jahren "Der Wollhändler", die Lebensgeschichte Maximilian Specks von Sternburg, an den nicht nur das Sternburg-Bier erinnert, sondern auch Speck's Hof. Elisabeth Voigt ist nicht so berühmt. Ihre Geschichte aber ist - wenn das möglich ist - noch abenteuerlicher. Als sie 1870 als Tochter des Inhabers einer kleinen Eisenwarenhandlung in Volkmarsdorf geboren wurde, war das Leipzig der Gründerzeit gerade erst im Entstehen.

Elisabeth Voigt ist die Urgroßtante von Susan Hastings. Das ist schon eine Generation, da verblassen auch in Familien die Erinnerungen, da helfen meist nur noch Alben und Stammbäume den Nachfahren, sich in der eigenen Geschichte zurecht zu finden. Als Tante Betty, wie sie zuletzt von ihrer Familie genannt wurde, 1936 in einem Stift in Berlin starb, bereiteten die Nationalsozialisten gerade die Olympischen Spiele vor.

Ein echtes Leipziger Schicksal: Blauer Staub.
Ein echtes Leipziger Schicksal: Blauer Staub.
Foto: Ralf Julke

Und der nächste Krieg zeichnete sich am Horizont ab. Dabei war der letzte noch gar nicht ausgestanden. Elisabeth hatte sogar schon zwei erlebt. Den ersten in Südafrika, wohin es sie als 16-jähriges Mädchen verschlug. Es ist eine von diesen Geschichten, die man im 21. Jahrhundert gar nicht mehr glauben will: Da wirbt ein wildfremder schmucker Herr unverhofft um die Hand eines 16-jährigen Mädchens, lockt mit einer hübschen Diamantenkette - und binnen Tagen stellt die überrumpelte Familie eine Hochzeit auf die Beine. Die dann nicht stattfindet, weil der geschäftstüchtige Galan eiligst nach Südafrika zurück muss, wo er große Minen zu besitzen vorgibt. Und weil's so eilig ist, geht die verliebte Elisabeth mit auf die Reise und landet dort, wo Frauen für gewöhnlich nur in erfundenen Abenteuerromanen landen: in einem Bordell, an das sie der Galan am Ende der Reise verkauft.

Sieben Jahre verbringt sie dort, bis sie - wieder wie im Märchen - ein reicher und einfühlsamer richtiger Minenbesitzer freikauft. Sie wird zu einer der reichsten Frauen des Landes - und erlebt, dass auch in Südafrika der Krieg vor den Glücklichen nicht Halt macht: Im 2. Burenkrieg verliert sie ihren Retter und Ehemann Pieter Bloemberg. Was ihr bleibt, sind die reichen Minen. Bis 1914. Bis die durchgeknallten Herrscher Europas den 1. Weltkrieg vom Zaum brechen, der auch das Ende des Reichtums und des schönen Lebens für Betty bedeutet, die nach dem Krieg nach Deutschland abgeschoben wird und die 1920er Jahre dann in Leipzig erlebt.

Dass ihr Leben so detailliert bewahrt wurde, hat mit dem regen Briefverkehr zu tun, den sie selbst noch 1893 begann. Ihre Briefe und zahlreichen Fotos haben in Tante Charlottes Schuhkarton die Zeiten überdauert. Dass gerade Charlotte den Schuhkarton bekam, hat mit ihrer besonderen Beziehung zur freigiebigen Tante zu tun: Sie war die Tochter der Patentochter von Elisabeth, die selbst nie Kinder bekam, aber bei ihrem ersten Besuch bei ihrer Schwester Angelika und ihrem Ehemann Hugo sofort die Patenschaft über Lisbeth übernahm, der späteren Mutter von Charlotte.

Selbst Lisbeth hat ein eigenes, erzählenswertes Leben erlebt, denn ihr Abenteuer begann damit, dass sie sich in den lebenslustigen Richard Heilemann verliebte. Der hatte nun ein ganz eigenes Hobby: Er war ein besessener Geher und gehörte Anfang der 1930er Jahre wohl zu den besten Gehern in Deutschland. Wenn die von Susan Hastings so erzählte Geschichte stimmt, hätte er 1936 bei den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen können - er wurde nur eben nicht nominiert, weil er sich weigerte, der SS beizutreten.

Susan Hastings beschränkt sich gar nicht darauf, nur das Schicksal von Elisabeth zu beschreiben. Mit akribischer Genauigkeit schildert sie auch die Epoche und die Orte, in die sie ihr Schicksal verschlägt. Erstaunlich sind die Parallelen zwischen der Entwicklung Leipzigs und Johannesburgs in dieser Zeit. Oder dem, was einmal Johannesburg werden sollte. Denn als Elisabeth am Witwatersrand landet, wo eben das große Goldfieber ausgebrochen ist, sieht sie nur ein Gewimmel aus Zelten und Blechhütten. Das Jahr, in dem sie dort landet, ist auch das offizielle Gründungsdatum von Johannesburg. Als sie nach sieben Jahren die Bordell-Gefangenschaft verlässt, steht an der Stelle der Zeltstadt eine moderne wachsende Stadt nach europäischem Vorbild.

Susan Hastings: Blauer Staub.
Susan Hastings: Blauer Staub.
Foto: Ralf Julke
Und hätte ein Mann diese Lebensgeschichte geschrieben, er hätte vor lauter Staunen über den rasenden Fortschritt den Mund nicht mehr zu bekommen. Aber diese Geschichte hat eine Frau erzählt. Eine, die nach etlichen Romanen im Genre des Historischen und des Abenteuerromans auch gelernt hat, die großen und kleinen Gefühlskatastrophen im menschlichen Leben mit Humor und Verständnis zu erzählen. Etwas, was in beiden Genres selten ist. Das Ergebnis sind Episoden, in denen Tragik und Glück sich verflechten und die so stimmig sind, dass man nicht wirklich mehr verstehen mag, warum die geputzten Herren der Schöpfung sich immer wieder nach Kriegen, Katastrophen und besessenen Führern sehnen.

Spätestens mit Bettys Rückkehr nach Leipzig, wo sie es eine Zeit lang noch als Inhaberin eines Bäckerladens versucht, gerät man mitten hinein in die Freuden und Kümmernisse der gewachsenen Familie, findet Hugo wieder, dem der Krieg das Augenlicht genommen hat, und Angelika, die im Alter immer zänkischer wird. Einer der vielen wie erfundenen und so passenden Momente: Hugos stiller, unbeobachteter Tod während der Trauerfeier für seinen herzkranken Enkel.

So wird das Buch alles Mögliche auf einmal - eine groß angelegte Abenteuergeschichte, ein Panorama von drei Zeitepochen und eine mit Liebe und Lust erzählte Familiensaga. Würde Susan Hastings in Amerika oder zumindest Spanien leben, dann hätte man sie nach diesem Buch wahrscheinlich mit Isabell Allende verglichen. Beide haben vieles gemein - die Freude an großen Liebesgeschichten genauso wie die Lust an abenteuerlichen Romanhandlungen.



Bestellen Sie dieses Buch versandkostenfrei im Online-Shop – gern auch als Geschenk verpackt.

Blauer Staub
Susan Hastings, Plöttner Verlag Leipzig 2011, 19,90 Euro
Und dass Tante Charlotte den Schuhkarton mit den Erinnerungen an ihre Tante Betty aufbewahrt hat, hat uns eine Lebensgeschichte gerettet, die ohne Tante Charlotte und Susan Hastings wohl das Schicksal Tausender anderer, genauso aufregender Lebensgeschichten erlebt hätte - sie wäre einfach ausgelöscht und vergessen worden. Und den Lesern wäre ein atmosphärisch dichtes und lebendiges Buch verloren gegangen.


Funktionen

del.icio.us Mister Wong Technorati Blogmarks Yahoo! My Web Google Bookmarks




Weitere aktuelle Nachrichten der L-IZ.

Schnell wieder schön: Ein paar nützliche Tipps und ein kleines Plädoyer gegen den Schönheitswahn

René Koch: Schnell wieder schön.
Schönheit ist ein Problem in einer Gesellschaft, in der ein winziger Klüngelkreis aus sehr pekuniärem Interesse dekretiert, was als schön zu gelten hat. Jeder Blick an die nächste Leuchtsäule zeigt: Hier wird ein unerfüllbares Ideal verkauft. Doch diese Allgegenwart eines Ewige-Jugend-Ideals hat auch Folgen. Sie setzt die ganz gewöhnlichen Menschen beiderlei Geschlechts unter Legitimationsdruck. Das hat auch René Koch in seinem Berufsleben gelernt. mehr…

OBM-Wahl 2013: SPD will Kandidaten im September wählen - Clobes schlägt Jung vor

Burkhard Jung.
Der Vorstand des SPD-Stadtverbandes hat in seiner Sitzung am Montag, 14. Mai, den Termin für die parteiinterne Wahl des SPD-Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl auf den 17. September 2012 festgelegt. Der Kandidat, der dann für die SPD ins Rennen geht, soll durch eine Mitgliedervollversammlung gewählt werden. mehr…

Gleisbauarbeiten in der Käthe-Kollwitz-Straße: Umleitungen ab 21. Mai

Baustelle.
Vom 21. Mai bis 23. Juni werden im Bereich Käthe-Kollwitz-Straße und Karl-Heine-Straße zwischen Westplatz und Felsenkeller sowie an der Kreuzung Käthe-Kollwitz-Straße/ Klingerweg Gleisbauarbeiten durchgeführt. mehr…

Wundermittel gegen Krebs? - Verbraucherzentrale stellte Nahrungsergänzungsmittel auf den Prüfstand

Wundermittel gegen Krebs?
Wer mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, will alles Menschenmögliche tun, um die Krankheit zu besiegen. Ergänzend zur schulmedizinischen Therapie geistern in den Medien immer wieder Heilsbotschaften, die Hoffnungen wecken sollen. Dabei stehen Nahrungsergänzungsmittel oftmals im Mittelpunkt. Doch ob diese Hoffnungen berechtigt sind, was wissenschaftlich geprüft oder gar sinnvoll ist, bleibt offen. mehr…

Leipziger Kulturdebatte: Kulturetat für freie Szene wird aufgestockt

Kulturdezernent Michael Faber.
Freudige Nachrichten verkündeten Kulturdezernent Michael Faber und Leipzigs Kulturamtsleiterin Susanne Kucharsky-Huniat am 16. Mai. Der Kulturetat der freien Szene wird bis 2015 aufgestockt. Doch woher das Geld kommen soll, ist nicht bekannt und umgehend folgen kritische Töne von der Freien Szene. Denn die neue Vorlage hebelt ihrer Meinung nach den alten Ratsbeschluss "5 Prozent für die Freie Szene" von 2008 aus. mehr…

Der Stadtrat tagt: CDU fragt nach Marketingaktionen für Citytunnel-Eröffnung

Die Causa Citytunnel ist mal wieder auf dem Plan der heutigen Ratsversammlung gelandet. Diesmal ging es rund um die Werbung bzw. Nicht-Werbung für die Röhre unter Leipzig. Denn nach Meinung der CDU-Fraktion „schaffen es Beteiligte und Unbeteiligte noch immer, dieses Projekt in denkbar schlechtestem Licht erscheinen zu lassen.“ mehr…

Der Stadtrat tagt: Linke will intensivere Bürgerbeteiligung bei Umbau der Georg-Schumann-Straße

Das Konzept zum Umbau der im Leipziger Norden gelegenen Georg-Schumann-Straße ist schon längst verabschiedet. Nun soll die Bevölkerung – wie bei den Planungen zur Karl-Liebknecht-Straße – intensiver einbezogen werden. Der Antrag der Linksfraktion ist heute vom Stadtrat mehrheitlich angenommen worden. mehr…

Der Stadtrat tagt: Beschlüsse bald vollständig im Amtsblatt zu lesen

Die Grüne-Fraktion im Leipziger Stadtrat setzt auch weiterhin auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Sie hat heute einen Antrag zur Veröffentlichung der gesamten Stadtratsbeschlüsse im Amtsblatt gestellt. Doch die Verwaltung sieht das als nicht zielführend an und geht einen Schritt weiter: Künftig sollen die Beschlüsse auf der Stadt-Homepage online verfügbar sein. mehr…

Ein Dialog zum Zivilisations-Thema Fettleibigkeit: Streben nach Glück heißt noch immer Jagd auf Kalorien

Gründungsfoto des IFB AdipositasErkrankungen.
Krankhaftes Übergewicht ist nicht allein das Resultat aus übermäßiger Lust am Essen und mangelnder Bewegung. Dass diese Schlussfolgerung zu einfach wäre, gilt in der Forschung seit einiger Zeit als gesichert. Wie kommt es also, dass inzwischen die Hälfte der Deutschen übergewichtig und etwa 20 Prozent bereits fettleibig (adipös) sind? Ist Übergewicht Schuld oder Schicksal? mehr…

Der Stadtrat tagt: Grüne wollen mehr Transparenz in städtischen Beteiligungsunternehmen

Dass Manager und leitende Angestellte durchaus mehr verdienen als andere Menschen, ist hinlänglich bekannt. Dass die Bezüge manchmal allerdings in keinem Verhältnis stehen, hat beispielsweise der Fall Hanss gezeigt. Der Ex-LVB-Chef wollte sich mit einer über 200.000 Euro teuren Pension einen schönen Lebensabend machen. Damit so etwas nicht mehr vorkommt, wollte die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen heute im Stadtrat mehr Transparenz und eine bessere Überprüfung fordern. mehr…

Blaulicht am Karl-Heine-Kanal: Neue Lichtinstallation an Fußgängerbrücke

Brücke über den Karl-Heine-Kanal.
Die Brücke zwischen Gießerstraße und Engertstraße erstrahlt nun nächtens in Blau. Damit wollen die Leipziger Wissenschaftlerinnen Professor Sylke Nissen und Karin Lange „die Aufenthaltsqualität am Karl-Heine-Kanal auch in den Abendstunden verbessern“. Die Installation ist Schlussstein des REURIS-Projektes der EU zur Revitalisierung urbaner Fließgewässer. mehr…

Leipziger Sommerakademie findet auch 2012 in Höfgen statt: Anmeldungen bis 30. Juni möglich

Sommerakademie 2011.
Allen Gerüchten um die Schließung der Denkmalschmiede Höfgen zum Trotz: Die Leipziger Sommerakademie findet auch in diesem Jahr wieder statt! Die Anmeldung ist noch bis zum 30. Juni 2012 möglich. Wer in den Sommermonaten seine Kreativität ausleben möchte und darüber hinaus neue Impulse tanken will ist in der Leipziger Sommerakademie genau richtig. mehr…

Messe "Orthopädie + Reha-Technik" in Leipzig: Exoskelette sorgen für Furore

Selbst der Rolli muss heutzutage nicht mehr dröge aussehen.
Wenn der Mensch älter wird, braucht er allerlei Hilfsmittel. Es ist sozusagen der technische Kongress zur demografischen Entwicklung Europas, der am Dienstag, 15. Mai, auf dem Leipziger Messegelände begann. Bis Freitag, 18. Mai, präsentiert die "Orthopädie + Reha-Technik" auf dem Leipziger Messegelände sowohl alle Weltmarktführer als auch kleine, innovative Unternehmen aus den Bereichen Prothetik, Orthetik, Orthopädieschuhtechnik, Kompressionstherapie und Technische Rehabilitation. mehr…

NSU-Skandal: Sachsen mauert bei Aufklärungs-Arbeit weiter

Am Dienstag, 15. Mai, stellte die Thüringer Untersuchungskommission unter Führung des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer in Erfurt ihren Abschlussbericht zur Arbeit der thüringischen Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit dem Jenaer Terror-Trio vor, das dann im sächsischen Zwickau unbehelligt untertauchen konnte. Und der Bericht wirft kein gutes Licht auf den Aufklärungswillen der sächsischen Behörden. mehr…

Funk'N'Stein und Schwarzkaffee am 22. Mai im Werk 2 in Leipzig

Funk'N'Stein
Die Leipziger Monsters of Funk von Schwarzkaffee haben es geschafft, sie haben die Funkikonen aus Israel nach Leipzig geholt: Funk'n'Stein, nach langer Zeit endlich wieder auf Europatour, spielen am Dienstag, den 22. Mai ihren einzigen Deutschland-Gig im Werk 2. mehr…

Springen Sie direkt: Zum Textanfang (Navigation überspringen) Zur Hauptnavigation Zur Suche


Anzeigen.
Veranstaltungshinweise der IHK Leipzig

Veranstaltungshinweise:

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
Zur Website der IHK Leipzig
Grüne Fraktion Leipzig
Zur Website der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) GmbH

VERKEHRSMELDUNGEN:

NACHRICHTEN:

SCHNELLER SERVICE:

Aktuelle Dossiers.
Anzeigen.
Leipziger Leselust Leipziger Leselust ... seit 2004 bespricht die L-IZ regelmäßig die neuesten Bücher Leipziger Autoren und Verlage.
Link-Tipps.
Bildblog