Ein Schicksal wie erfunden: Susan Hastings "Blauer Staub"
Ralf Julke
18.10.2011
Susan Hastings: Blauer Staub.
Foto: Ralf Julke
Viele Familien haben mindestens eine bestseller-verdächtige Geschichte im Schuhkarton, auf dem Dachboden oder im Safe. Nur: Die meisten reden nicht drüber. Man schämt sich lieber und vergisst. Auch Familien leiden unter Gedächtnis- und Wirklichkeitsverlust. Glücklich, wenn eine wie Susan Hastings nicht nur den Schuhkarton findet, sondern auch eine Tante Charlotte hat, die beim Aufdröseln der Geschichte hilft.
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Es ist das zweite Buch, in dem die Autorin, die seit zehn Jahren praktisch Jahr für Jahr ein dickes Buch veröffentlicht, sich ihrer Heimatstadt Leipzig widmet. Das erste war vor drei Jahren "Der Wollhändler", die Lebensgeschichte Maximilian Specks von Sternburg, an den nicht nur das Sternburg-Bier erinnert, sondern auch Speck's Hof. Elisabeth Voigt ist nicht so berühmt. Ihre Geschichte aber ist - wenn das möglich ist - noch abenteuerlicher. Als sie 1870 als Tochter des Inhabers einer kleinen Eisenwarenhandlung in Volkmarsdorf geboren wurde, war das Leipzig der Gründerzeit gerade erst im Entstehen.
Elisabeth Voigt ist die Urgroßtante von Susan Hastings. Das ist schon eine Generation, da verblassen auch in Familien die Erinnerungen, da helfen meist nur noch Alben und Stammbäume den Nachfahren, sich in der eigenen Geschichte zurecht zu finden. Als Tante Betty, wie sie zuletzt von ihrer Familie genannt wurde, 1936 in einem Stift in Berlin starb, bereiteten die Nationalsozialisten gerade die Olympischen Spiele vor.
Ein echtes Leipziger Schicksal: Blauer Staub.
Foto: Ralf Julke
Und der nächste Krieg zeichnete sich am Horizont ab. Dabei war der letzte noch gar nicht ausgestanden. Elisabeth hatte sogar schon zwei erlebt. Den ersten in Südafrika, wohin es sie als 16-jähriges Mädchen verschlug. Es ist eine von diesen Geschichten, die man im 21. Jahrhundert gar nicht mehr glauben will: Da wirbt ein wildfremder schmucker Herr unverhofft um die Hand eines 16-jährigen Mädchens, lockt mit einer hübschen Diamantenkette - und binnen Tagen stellt die überrumpelte Familie eine Hochzeit auf die Beine. Die dann nicht stattfindet, weil der geschäftstüchtige Galan eiligst nach Südafrika zurück muss, wo er große Minen zu besitzen vorgibt. Und weil's so eilig ist, geht die verliebte Elisabeth mit auf die Reise und landet dort, wo Frauen für gewöhnlich nur in erfundenen Abenteuerromanen landen: in einem Bordell, an das sie der Galan am Ende der Reise verkauft.
Sieben Jahre verbringt sie dort, bis sie - wieder wie im Märchen - ein reicher und einfühlsamer richtiger Minenbesitzer freikauft. Sie wird zu einer der reichsten Frauen des Landes - und erlebt, dass auch in Südafrika der Krieg vor den Glücklichen nicht Halt macht: Im 2. Burenkrieg verliert sie ihren Retter und Ehemann Pieter Bloemberg. Was ihr bleibt, sind die reichen Minen. Bis 1914. Bis die durchgeknallten Herrscher Europas den 1. Weltkrieg vom Zaum brechen, der auch das Ende des Reichtums und des schönen Lebens für Betty bedeutet, die nach dem Krieg nach Deutschland abgeschoben wird und die 1920er Jahre dann in Leipzig erlebt.
Dass ihr Leben so detailliert bewahrt wurde, hat mit dem regen Briefverkehr zu tun, den sie selbst noch 1893 begann. Ihre Briefe und zahlreichen Fotos haben in Tante Charlottes Schuhkarton die Zeiten überdauert. Dass gerade Charlotte den Schuhkarton bekam, hat mit ihrer besonderen Beziehung zur freigiebigen Tante zu tun: Sie war die Tochter der Patentochter von Elisabeth, die selbst nie Kinder bekam, aber bei ihrem ersten Besuch bei ihrer Schwester Angelika und ihrem Ehemann Hugo sofort die Patenschaft über Lisbeth übernahm, der späteren Mutter von Charlotte.
Selbst Lisbeth hat ein eigenes, erzählenswertes Leben erlebt, denn ihr Abenteuer begann damit, dass sie sich in den lebenslustigen Richard Heilemann verliebte. Der hatte nun ein ganz eigenes Hobby: Er war ein besessener Geher und gehörte Anfang der 1930er Jahre wohl zu den besten Gehern in Deutschland. Wenn die von Susan Hastings so erzählte Geschichte stimmt, hätte er 1936 bei den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen können - er wurde nur eben nicht nominiert, weil er sich weigerte, der SS beizutreten.
Susan Hastings beschränkt sich gar nicht darauf, nur das Schicksal von Elisabeth zu beschreiben. Mit akribischer Genauigkeit schildert sie auch die Epoche und die Orte, in die sie ihr Schicksal verschlägt. Erstaunlich sind die Parallelen zwischen der Entwicklung Leipzigs und Johannesburgs in dieser Zeit. Oder dem, was einmal Johannesburg werden sollte. Denn als Elisabeth am Witwatersrand landet, wo eben das große Goldfieber ausgebrochen ist, sieht sie nur ein Gewimmel aus Zelten und Blechhütten. Das Jahr, in dem sie dort landet, ist auch das offizielle Gründungsdatum von Johannesburg. Als sie nach sieben Jahren die Bordell-Gefangenschaft verlässt, steht an der Stelle der Zeltstadt eine moderne wachsende Stadt nach europäischem Vorbild.
Susan Hastings: Blauer Staub.
Foto: Ralf Julke
Und hätte ein Mann diese Lebensgeschichte geschrieben, er hätte vor lauter Staunen über den rasenden Fortschritt den Mund nicht mehr zu bekommen. Aber diese Geschichte hat eine Frau erzählt. Eine, die nach etlichen Romanen im Genre des Historischen und des Abenteuerromans auch gelernt hat, die großen und kleinen Gefühlskatastrophen im menschlichen Leben mit Humor und Verständnis zu erzählen. Etwas, was in beiden Genres selten ist. Das Ergebnis sind Episoden, in denen Tragik und Glück sich verflechten und die so stimmig sind, dass man nicht wirklich mehr verstehen mag, warum die geputzten Herren der Schöpfung sich immer wieder nach Kriegen, Katastrophen und besessenen Führern sehnen.
Spätestens mit Bettys Rückkehr nach Leipzig, wo sie es eine Zeit lang noch als Inhaberin eines Bäckerladens versucht, gerät man mitten hinein in die Freuden und Kümmernisse der gewachsenen Familie, findet Hugo wieder, dem der Krieg das Augenlicht genommen hat, und Angelika, die im Alter immer zänkischer wird. Einer der vielen wie erfundenen und so passenden Momente: Hugos stiller, unbeobachteter Tod während der Trauerfeier für seinen herzkranken Enkel.
So wird das Buch alles Mögliche auf einmal - eine groß angelegte Abenteuergeschichte, ein Panorama von drei Zeitepochen und eine mit Liebe und Lust erzählte Familiensaga. Würde Susan Hastings in Amerika oder zumindest Spanien leben, dann hätte man sie nach diesem Buch wahrscheinlich mit Isabell Allende verglichen. Beide haben vieles gemein - die Freude an großen Liebesgeschichten genauso wie die Lust an abenteuerlichen Romanhandlungen.
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Blauer Staub
Susan Hastings, Plöttner Verlag Leipzig 2011, 19,90 Euro
Und dass Tante Charlotte den Schuhkarton mit den Erinnerungen an ihre Tante Betty aufbewahrt hat, hat uns eine Lebensgeschichte gerettet, die ohne Tante Charlotte und Susan Hastings wohl das Schicksal Tausender anderer, genauso aufregender Lebensgeschichten erlebt hätte - sie wäre einfach ausgelöscht und vergessen worden. Und den Lesern wäre ein atmosphärisch dichtes und lebendiges Buch verloren gegangen.
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