Nora Gomringer kompakt: Ein Vierer-Paket für die Preisträgerin
Ralf Julke
04.11.2011
Mein Gedicht fragt nicht lange.
Foto: Ralf Julke
Das Ding ist unter all den Preisen und Preischen, die in Deutschland rund um die Literatur ausgereicht werden, so etwas wie eine Adelung: der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache. Den bekam im Oktober eine junge Dame namens Nora-Eugenie Gomringer. Immerhin 30.000 Euro - damit ließen sich viele Gedichtbände finanzieren. Den hier aber brauchte sie nicht bezahlen.
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Auch wenn Verlage knobeln müssen: Rechnet sich der Band? - Müssen sie ja auch. Denn Gedichtbände verkaufen sich im Land der selbsternannten Dichter eher schlecht. War eigentlich schon immer so. Wird auch immer so bleiben, weil Gedichte, wenn sie gut sind, Ansprüche stellen an ihre Leser. Wenn sie schlecht sind, landen die Gedichte auch im Wandkalender.
Vorher hat die 1980 geborene junge Dame mit Wurzeln in der Schweiz auch schon ein paar andere Literaturpreise bekommen. Die allerersten aber waren Siege in diversen Poetry Slams. Denn sie kann auch vortragen. Mit eingehender Stimme. Und sie schreibt Texte, die sich vortragen lassen. Die sich stimmungsvoll vortragen lassen - so, wie sich wirklich nur gute Gedichte vortragen lassen. Sie erzeugen Bilder und Stimmungen und diese kleinen Gänsehautmomente, in denen auch ein anständiger Familienvater oder eine müde Studentin im Publikum das Gefühl haben: Stimmt.
Dieses "Stimmt!" stimmt, weil die wirklich guten Autoren die richtigen Worte für das finden, was sie beschreiben. Auch deshalb bekam Nora Gomringer den Kulturpreis Deutsche Sprache: Sie geht achtsam um mit den Worten. Sie benutzt Sprache nicht - sie spricht. Manchmal sind ihre Texte ganz kurz, echte Hoppla-Texte - für alle, die noch gar nicht gemerkt haben, dass ein gut Teil der deutschen Worte schon für sich kleine Gedichte sind, Bilder, kompakte Botschaften.
Vier Gedichtbände in einem: Mein Gedicht fragt nicht lange.
Foto: Ralf Julke
In ihrem 2000 veröffentlichten Gedichtband steht so ein Gedicht, wie es nicht oft in Gedichtbänden steht: "Lernziele". Selten plaudert eine Dichterin aus ihrer Werkstatt. "Jedes Wort kennt mich, / ich aber lerne jedes Wort kennen." Klingt so schön brav. Ist aber Arbeit. Schlechte Dichter erkennt man daran, dass sie mit Worten umgehen, als wüssten sie nicht, was sie da tun. Nora Gomringer weiß es. Vielleicht liegt es in der Familie. Denn ihr Vater ist der Lyriker Eugen Gomringer. Er gilt als "Vater der konkreten Poesie". Er müsste hier gar nicht erwähnt werden, denn Noras Lyrik braucht keine Vaterschaft. Er wird trotzdem erwähnt, weil ihn Nora immer wieder erwähnt. Er und seine Freunde haben ihre Kindheit geprägt. Darüber gibt es mehrere Gedichte in diesem Band - komplexe Mutter-Vater-Gedichte genauso wie Gedichte über die literarische Welt des Vaters. Jandl taucht deshalb auch irgendwo auf.
Ganz bestimmt hat die Wachheit der jungen Dichterin hier ihre Wurzeln. Wenn man weiß, wie Worte ticken, dann kommt auch schon mal so etwas dabei heraus:
Seltenheitsauftrag
Sei rar!
Mach dich selten!
Los!
Das ist ein Gedicht wie ein wirklich guter Witz. Es zündet in Zeile vier. Aber es gibt auch längere, bilderreichere, emotional aufgeladenere Texte in diesem Band, der eigentlich vier Bände ist - vier Gedichtbände, die 2000, 2002, 2006 und 2008 erschienen. Der letzte war "Klimaforschung", der erste bei Voland & Quist erschienene. Es sind drei Entwicklungsschichten in ihrer Geologie. Jeder ist anders. Sie probiert viel aus. Und ist fleißig. Sie testet die Möglichkeiten der Lyrik aus und trägt eine Weile mal lang und wollig, mal kurz und schnippisch. Und immer wieder gern ganz nüchtern Druckerschwarz. Das macht sich auch auf den Bühnen gut, auf denen sie gern steht, auch wenn sie hinterher wieder herunter muss, weil auch andere auf die Bühne wollen.
"Nora Gomringer muss sich fragen lassen, was ein Gedicht ausmacht.
Nora Gomringer, was macht ein Gedicht aus?
Nora Gomringer macht ein Gedicht. Aus."
Nora Gomringer: Mein Gedicht fragt nicht lange.
Foto: Ralf Julke
Das ist jetzt nur ein Zitat aus einem ihrer längeren Texte von 2008: "Fortsetzung". Da steht auch die Zeile: "Nora Gomringer hat den Schalk im Auge." Ihre Leser wissen es, ihre Zuhörer sowieso. Der Schalk steckt aber auch in den Dingen. Man muss ihn nur finden. Und ab und an oder noch öfter die kleine aber wichtige Distanz bekommen zu dem, was einem geschieht. Sonst bekommt man ja nicht mit, wie seltsam Manches ist. Auch das Normale, Alltägliche, das, was derzeit ganze Jahrgänge junger Schreiber dazu bringt, über Ödnis, Langeweile und Ausweglosigkeit zu lamentieren. Das hat ganz sicher mit Ansprüchen zu tun - und mit der Fähigkeit, sich nicht von falschen Erwartungen veralbern zu lassen. Das Leben ist immer hier und jetzt und eben. Nicht woanders. Und es ist so groß, wie man es selber sehen will. Oder kann.
Mancher möchte gern dichten können und stellt dann solche Fragen wie oben. Dichten ist auch: Aufschreiben, wie's ist. In einem dieser prägnanten kleinen Gedichte von Nora Gomringer:
"Vorgehensbeschreibung
So
Jetzt
Dann
Immer
Wieder
So".
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Und weil so viel Aufmerksamkeit für das Gewicht und die Sinnlichkeit simpler Worte auffällt - nicht nur in der deutschen Literaturlandschaft - hat sie den Kulturpreis Deutsche Sprache bekommen. Und Voland & Quist hat ihre ersten vier Gedichtbände einfach noch einmal zusammengebunden als erstes Sammelwerk für die Freunde, Verehrer und Gernleser von Nora Gomringer. Hintendran im Umschlagdeckel wie immer eine Audio-CD, auf der aus allen vier Gedichtbänden Gedichte gelesen werden. Natürlich von Nora selbst - mit Geräuschen drin, die so neckisch daran erinnern, dass sie über das gewöhnliche Leben hinieden schreibt. Das so gewöhnlich nicht ist. Manche merken's nur, wenn sie mal Liebeskummer haben. 48 Gedichte, von Nora selbst vorgetragen.
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