800 Jahre Lernen, Singen, Reformieren: Schule in Leipzig
Ralf Julke
27.12.2011
Schule in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Als dereinst Chronisten hier und da den Namen eines kleinen Fleckens erwähnten, bei dem dies und das geschah, ahnten sie gar nicht, dass die Erwähnung einst große Jubiläumsfeiern auslösen würde - so wie 2015, wenn Leipzig seine 1.000jährige Ersterwähnung feiert. Dann gibt's eine dicke Stadtchronik. Und fünf nicht ganz so dicke Spezialbände werden schon vorliegen. Dies hier ist der zweite.
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Spezialband heißt es natürlich auch nicht, sondern "Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig". Das Material gibt's seit 2009 jedes Jahr im Herbst für Interessierte schon live zu erleben - zum "Tag der Stadtgeschichte". Der fand 2009 zum ersten Mal statt. Man sieht den Anlass: 2009 feierte die Universität Leipzig ihren 600. Geburtstag. Ein Jubiläum, das durchaus altehrwürdig wirkt im Reigen der deutschen Universitätsjubiläen. Die Uni brachte dazu auch die imposante fünfbändige Universitätsgeschichte heraus. In die - wie das so ist - natürlich wieder nicht alles hineinpasste. Viele Aspekte, die etwa das Verhältnis zur Stadt Leipzig beleuchten, konnten nur angerissen werden. Verständlich, dass sich die Stadthistoriker 2009 genau dafür interessierten. Entsprechend hieß das Thema des "Tages der Stadtgeschichte" denn auch "Stadt und Universität Leipzig". Ein Jahr später kam der 370 Seiten starke Band mit den Beiträgen zum Thema im Universitätsverlag heraus.
2010 war der "Tag der Stadtgeschichte" einem Thema gewidmet, das sich fast zwangsläufig aus dem ersten ergab: "Schule in Leipzig". Denn wer sich mit der Frühzeit der Universität beschäftigt, begegnet auch einer Bildungsstätte, die viele Funktionen wahrnahm, die man heute eher in Gymnasien findet. Die Grenzen waren fließend und so mancher Universitätsprofessor spielte auch als Lehrer oder gar Rektor einer Leipziger Stadtschule eine wichtige Rolle.
800 Jahre Bildungsgeschichte: Schule in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Natürlich fiel auch auf, dass seit über 100 Jahren nicht wirklich intensiv zur Leipziger Schulgeschichte geforscht wurde. Immerhin ist das, was am Ende des 19. Jahrhunderts in Leipzig an Schultypen entwickelt wurde, zwar Modell bis heute - aber unübersehbar sind die Brüche, die staatlichen Einflüsse, die Umwertungen dessen, was als wichtig erachtet wurde - bis hin zur signifikanten Veränderung der Lehrerschaft. Sie wurde deutlich weiblicher, verlor aber auch - als Folge restriktiver staatlicher Eingriffe - deutlich an gesellschaftlicher Anerkennung. Davon zeugen auch einige Erbstücke, die noch heute Politikum sind.
Allen voran das Naturkundemuseum, das vom Leipziger Lehrerverein 1912 eröffnet werden konnte. Den Beschluss dazu, eine solche Sammlung für den praktischen Anschauungsunterricht in der Naturkunde ins Leben zu rufen, fasste der agile und vor allem auch öffentlich aktive Verein schon 1906. Und er vermochte es damals, den Leipziger Stadtoberen sehr deutlich zu machen, dass eine solche Sammlung für eine erstklassige naturkundliche Ausbildung der Schüler für Leipzig unbedingt notwendig war. Heute wird zwar eine Menge diskutiert über das mittlerweile nicht mehr zeitgemäße Gebäude der ehemaligen II. höheren Bürgerschule, in dem das Museum 1923 unterkam. Aber kaum einmal blitzt in der politischen Diskussion der Bildungsauftrag auf, der mit dem Haus und seiner inzwischen zu europäischem Format angewachsenen Sammlung verbunden ist. Es ist eben nicht in erster Linie ein Museum, sondern ein integraler Bestandteil der Leipziger Bildungslandschaft.
Das war auch 1947 den Stadtvätern noch bewusst, die das Museum als eine der ersten öffentlichen Einrichtungen der Stadt wieder zugänglich machten. Da gab es den rührigen Leipziger Lehrerverein schon lange nicht mehr. Er war - wie eigentlich alle zivilen bürgerlichen Vereinigungen der Stadt - in die Gleichschaltungs-Mühlen der NS-Zeit geraten. Und das Naturkundemuseum war nicht das einzige überregional ausstrahlende Projekt des Vereins. Ein zweites ist der bis heute existierende Botanische Garten der Stadt Leipzig, der als botanischer Lehrgarten konzipiert war und von Biologie-, Geographie- und Naturkundelehrern bis heute gern genutzt wird. Ein drittes Projekt war das Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie, mit dem die Leipziger Lehrer erstmals eine wissenschaftliche Basis für eine fundierte Wissensvermittlung schufen – samt angeschlossener Comenius-Bibliothek. Das Institut wurde zum Vorbild für etliche europäische Institute mit demselben Anspruch. Der umfassende Beitrag von Beate Berger zum Lehrerverein lässt ahnen, welche Vorbildrolle Leipzig vor 100 Jahren im Kontext moderner Bildungsvermittlung spielte.
Natürlich beschäftigen sich zahlreiche Beiträge auch damit, wie es dazu überhaupt kommen konnte. Angefangen mit dem hochaktuellen Beitrag von Enno Bünz, der sich mit der Schola Thomana beschäftigt, der "ältesten Schule Sachsens". Er setzt ein Fragezeichen dahinter, weil die Quellenlage fürs 13. Jahrhundert logischerweise dünn ist und die Gründungsurkunde für das Chorherrenstift St. Thomas nicht zwangsläufig darauf schließen lässt, dass auch gleich ein Knabenchor mit Schule und Schulmeister entstand.
Detlef Döring, Jonas Flöter (Hrsg.): Schule in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Alle drei wurden erst später urkundlich erwähnt oder lassen sich aus den Quellen als existent erschließen. Samt der Vermutung, dass sie wohl zumindest kurz nach der Gründung des Klosters in Aktion getreten sein müssen. Deswegen feiert 2012 nicht nur die Thomaskirche ihr 800jähriges, sondern auch Thomanerchor und Thomasschule feiern.
Mehrere Autoren schildern, dass es durchaus ein langwieriger Prozess war, bis das heutige staatliche Schulwesen mit Schulpflicht für alle entstand. Über Jahrhunderte füllten Winkelschulen und Privatlehrer jene Lücken, die jenseits der Kapazitäten der beiden städtischen Schulen Thomas- und Nikolaischule (1512) geblieben waren. Erst mit dem spürbaren Wachstum ab Ende des 18. Jahrhunderts und der deutschlandweiten Reformbewegung ging auch Leipzig daran, neue Schulen zu bauen und in ihnen auch Reformkonzepte umzusetzen. Exemplarisch dafür die 1792 auf Initiative von Bürgermeister Karl Wilhelm Müller an der Ringpromenade eröffnete Ratsfreischule. An die beiden wichtigsten Pädagogen dieser Gründungszeit erinnert bis heute das Plato-Dolz-Denkmal am Ring, nicht weit von der Stelle, an der die Schule einst stand. Bis auch sie dem Wachsen der Stadt weichen musste.
Mit Carl Gottlieb Plato und Johann Christian Dolz beschritt Leipzig um 1800 einen eigenen Weg innerhalb der deutschen Schulreformbewegung, der sich auf sehr praktische Weise etwa von der preußischen oder der Schweizer Reformbewegung unterschied. Und der Leipzig - wie 100 Jahre später - ebenfalls zu einem Mekka der Bildungsreformer machte.
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Schule in Leipzig
Detlef Döring; Jonas Flöter, Leipziger Uni-Verlag 2011, 49,00 Euro
Was die Stadt natürlich nicht davor bewahrte, dass sie sich im 19. Jahrhundert in die Standardisierung des sächsischen Schulwesens einordnen musste. Manches Streitthema, das heute die Politik bewegt, findet sich hier schon in fast gleicher Form wieder. Und der Dissens scheint klassisch zwischen staatlicher Durchdringung und dem meist von Lehrern getragenen Willen, den Unterricht lebensnaher und kindgerechter zu gestalten. Dass dabei staatlicherseits besondere Freiheiten immer wieder unterdrückt wurden, kann man in den Beiträgen zu den jüdischen und den katholischen Schulen in Leipzig nachlesen - beide Objekte der nationalsozialistischen Unterdrückungspolitik.
Elke Urban widmet sich auf sehr bilderreiche Art der Geschichte der seit 1910 in Leipziger Grundschulen verwendeten Fibel, deren Ursprung ebenfalls in einer Initiative des Leipziger Lehrervereins zu finden ist.
Schönheit ist ein Problem in einer Gesellschaft, in der ein winziger Klüngelkreis aus sehr pekuniärem Interesse dekretiert, was als schön zu gelten hat. Jeder Blick an die nächste Leuchtsäule zeigt: Hier wird ein unerfüllbares Ideal verkauft. Doch diese Allgegenwart eines Ewige-Jugend-Ideals hat auch Folgen. Sie setzt die ganz gewöhnlichen Menschen beiderlei Geschlechts unter Legitimationsdruck. Das hat auch René Koch in seinem Berufsleben gelernt. mehr…
Der Vorstand des SPD-Stadtverbandes hat in seiner Sitzung am Montag, 14. Mai, den Termin für die parteiinterne Wahl des SPD-Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl auf den 17. September 2012 festgelegt. Der Kandidat, der dann für die SPD ins Rennen geht, soll durch eine Mitgliedervollversammlung gewählt werden. mehr…
Vom 21. Mai bis 23. Juni werden im Bereich Käthe-Kollwitz-Straße und Karl-Heine-Straße zwischen Westplatz und Felsenkeller sowie an der Kreuzung Käthe-Kollwitz-Straße/ Klingerweg Gleisbauarbeiten durchgeführt. mehr…
Wer mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, will alles Menschenmögliche tun, um die Krankheit zu besiegen. Ergänzend zur schulmedizinischen Therapie geistern in den Medien immer wieder Heilsbotschaften, die Hoffnungen wecken sollen. Dabei stehen Nahrungsergänzungsmittel oftmals im Mittelpunkt. Doch ob diese Hoffnungen berechtigt sind, was wissenschaftlich geprüft oder gar sinnvoll ist, bleibt offen. mehr…
Freudige Nachrichten verkündeten Kulturdezernent Michael Faber und Leipzigs Kulturamtsleiterin Susanne Kucharsky-Huniat am 16. Mai. Der Kulturetat der freien Szene wird bis 2015 aufgestockt. Doch woher das Geld kommen soll, ist nicht bekannt und umgehend folgen kritische Töne von der Freien Szene. Denn die neue Vorlage hebelt ihrer Meinung nach den alten Ratsbeschluss "5 Prozent für die Freie Szene" von 2008 aus. mehr…
Die Causa Citytunnel ist mal wieder auf dem Plan der heutigen Ratsversammlung gelandet. Diesmal ging es rund um die Werbung bzw. Nicht-Werbung für die Röhre unter Leipzig. Denn nach Meinung der CDU-Fraktion „schaffen es Beteiligte und Unbeteiligte noch immer, dieses Projekt in denkbar schlechtestem Licht erscheinen zu lassen.“ mehr…
Das Konzept zum Umbau der im Leipziger Norden gelegenen Georg-Schumann-Straße ist schon längst verabschiedet. Nun soll die Bevölkerung – wie bei den Planungen zur Karl-Liebknecht-Straße – intensiver einbezogen werden. Der Antrag der Linksfraktion ist heute vom Stadtrat mehrheitlich angenommen worden. mehr…
Die Grüne-Fraktion im Leipziger Stadtrat setzt auch weiterhin auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Sie hat heute einen Antrag zur Veröffentlichung der gesamten Stadtratsbeschlüsse im Amtsblatt gestellt. Doch die Verwaltung sieht das als nicht zielführend an und geht einen Schritt weiter: Künftig sollen die Beschlüsse auf der Stadt-Homepage online verfügbar sein. mehr…
Krankhaftes Übergewicht ist nicht allein das Resultat aus übermäßiger Lust am Essen und mangelnder Bewegung. Dass diese Schlussfolgerung zu einfach wäre, gilt in der Forschung seit einiger Zeit als gesichert. Wie kommt es also, dass inzwischen die Hälfte der Deutschen übergewichtig und etwa 20 Prozent bereits fettleibig (adipös) sind? Ist Übergewicht Schuld oder Schicksal? mehr…
Dass Manager und leitende Angestellte durchaus mehr verdienen als andere Menschen, ist hinlänglich bekannt. Dass die Bezüge manchmal allerdings in keinem Verhältnis stehen, hat beispielsweise der Fall Hanss gezeigt. Der Ex-LVB-Chef wollte sich mit einer über 200.000 Euro teuren Pension einen schönen Lebensabend machen. Damit so etwas nicht mehr vorkommt, wollte die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen heute im Stadtrat mehr Transparenz und eine bessere Überprüfung fordern. mehr…
Die Brücke zwischen Gießerstraße und Engertstraße erstrahlt nun nächtens in Blau. Damit wollen die Leipziger Wissenschaftlerinnen Professor Sylke Nissen und Karin Lange „die Aufenthaltsqualität am Karl-Heine-Kanal auch in den Abendstunden verbessern“. Die Installation ist Schlussstein des REURIS-Projektes der EU zur Revitalisierung urbaner Fließgewässer. mehr…
Allen Gerüchten um die Schließung der Denkmalschmiede Höfgen zum Trotz: Die Leipziger Sommerakademie findet auch in diesem Jahr wieder statt! Die Anmeldung ist noch bis zum 30. Juni 2012 möglich. Wer in den Sommermonaten seine Kreativität ausleben möchte und darüber hinaus neue Impulse tanken will ist in der Leipziger Sommerakademie genau richtig. mehr…
Wenn der Mensch älter wird, braucht er allerlei Hilfsmittel. Es ist sozusagen der technische Kongress zur demografischen Entwicklung Europas, der am Dienstag, 15. Mai, auf dem Leipziger Messegelände begann. Bis Freitag, 18. Mai, präsentiert die "Orthopädie + Reha-Technik" auf dem Leipziger Messegelände sowohl alle Weltmarktführer als auch kleine, innovative Unternehmen aus den Bereichen Prothetik, Orthetik, Orthopädieschuhtechnik, Kompressionstherapie und Technische Rehabilitation. mehr…
Am Dienstag, 15. Mai, stellte die Thüringer Untersuchungskommission unter Führung des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer in Erfurt ihren Abschlussbericht zur Arbeit der thüringischen Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit dem Jenaer Terror-Trio vor, das dann im sächsischen Zwickau unbehelligt untertauchen konnte. Und der Bericht wirft kein gutes Licht auf den Aufklärungswillen der sächsischen Behörden. mehr…
Die Leipziger Monsters of Funk von Schwarzkaffee haben es geschafft, sie haben die Funkikonen aus Israel nach Leipzig geholt: Funk'n'Stein, nach langer Zeit endlich wieder auf Europatour, spielen am Dienstag, den 22. Mai ihren einzigen Deutschland-Gig im Werk 2. mehr…