Zuerst versinkt der Horizont: Berlingedichte von Esther Mohnweg
Ralf Julke
18.12.2011
Zuerst versinkt der Horizont.
Foto: Ralf Julke
Berlin kommt auch drin vor. Als Kulisse, Hintergrundfarbe, da und dort als zugiger Ort. Eigentlich geht's, wie so oft bei Esther Mohnweg, um Liebe, Partnerschaft und diese ganze höhere Mathematik der Beziehungen. Frau hat's ja nicht leicht in dieser Manege, den richtigen Gesellen fürs Leben zu finden. Oder auch nur für den Tag.
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Und auch nach dem fünfzigsten Verlorenen bleibt die Sehnsucht nach der ersten, allerersten Verzauberung. So sollte Liebe sein. Eigentlich, wenn alles, Euer Ehren, so abliefe wie bei Tucholsky vorm Abblenden. Man gibt ja die Hoffnung nicht auf. "fünfzigmal hingegeben mich / aufgelöst wie Brausepulver". So sind die Künstlerinnen, diese begabten Frauen. Kreativität ist ihr Leben. Das brauchen sie sich von einem Tresenphilosophen nicht noch mal neu erzählen zu lassen. Da stutzen sie höchstens mal kurz. Und dann merkt man, wie ihnen die Enttäuschung im Blut gefriert.
Warum sollte es in Berliner Künstlerkneipen anders sein als in solchen andernorts? Wer wirklich Kunst macht, hängt da in der Regel nicht herum. Der redet auch keine Blasen in die Luft. Der macht einfach. Malt zum Beispiel lebenserfreuende Bilder, wie es Esther Mohnweg selbst tut. Sie malt und schreibt. Es ähnelt sich. Auch das gehört dazu - das Suchende, Hingetupfte, Farbenfreudige der Bilder. Ihre Gedichte sind so ähnlich. Auch ähnlich offen. Wie das Leben. Mit all seinen Fragen, die auch Männer kennen, wenn sie über die Frage nachdenken, die eben manchmal auch nach Berlin führt: Was mach' ich hier eigentlich? Was ist wichtig? Was will ich - auch von den anderen, die ich hereinlasse in mein Leben?
Schwierige Frage. Sie passt in der Regel nicht zu den Antworten, die die Beichtväter und Selbstgerechten bereit liegen haben im Setzkasten der Regeln. Da kommen sich gerade all jene, die mehr wollen vom Leben als den üblichen Baukasten ("Mein Haus, mein Auto, mein Mann, mein Pferd ...."), sehr seltsam vor. Schizophren zuweilen. Alleingelassen sehr oft.
"ich weiß noch daß ich vier Jahrzehnte lang / dachte ich wäre die Lüge / von nichts anderem konnte ich sprechen". ("Erste Liebe")
Esther Mohnweg: Zuerst versinkt der Horizont.
Foto: Ralf Julke
Manchmal hilft es da, von München nach Berlin zu ziehen. Dorthin, wo noch mehr brodelt und offen ist. Wo man größere Chancen vermutet, auf Gleichgesinnte zu treffen, ähnlich Suchende. Aber: Kann man das ablegen, was einen so misstrauisch macht? Wahrscheinlich nicht. Da geht es den Frauen wie den Männern. Auch wenn Frauen das besser sagen können. Oder genauer. Wer schlüpft in die Rolle des Leichtmatrosen, der nun Märchen am Landwehrkanal erzählt?
Die Hoffnung erzählt immer mit. Auch die, es könnte nun mal der Richtige sein. Einer, der sich auch preisgibt. Und der, wenn er sich schon öffnet, auch zuhört. Man kennt das ja, diesen Traum von der geteilten Last. "nie gelernt den Ball / zurückzuspielen fremdes Gewicht / liegt er mir in der Hand ...", schreibt Esther Mohnweg in "Bei Tageslicht".
Es sind Gedichte wie Glaskugeln. Wer seine Träume leben will, wird anspruchsvoll. Und legt den Tag und das Gesagte auf die Goldwaage. Denn: Was tut frau oder man, wenn das Gewicht nicht stimmt? Wenn der Andere den Trost nicht gibt, den er geben sollte, und auch sein Innerstes nicht ausbreitet. Männer tun das ja so selten. Warum nur? Gute Frage. "um solche Dinge geht man in den Wald / um Dämmerung und das / was keine Angst hat", schreibt Mohnweg.
Manchmal betrachtet sie die Männer wie fremde Tierchen, eine unbekannte Spezies, die immer wieder verweigert, was sie eigentlich geben soll. Liegt's an der Spezies? Vielleicht gar nicht. Manchmal liegt es auch an der Glasklarheit, die anspruchsvolle Künstlerinnen gern hätten. Auch, weil das Nichtgesagte nicht beruhigt, wieder misstrauisch macht. Da will frau manchmal zurück ins Ungewusste: "hol mich zurück ins wunschlose Unglücksland / wo man so abgedroschen sein und / ungeschoren träumen konnte", schreibt sie in "Das alte Lied". Kennt's einer? Klar. Die Dus, diese komischen vertrackten Männer, die ja auch gern sein wollten, wie die Dichterinnen sie gern hätten, kennen das auch. Genauso wie den Morgen, den Abend oder den Tag danach, wenn dieselbe Strophe umbricht: "wo nichts sich erfüllte / schon gar nicht du".
Was zurückbleibt, ist immer wieder die Ernüchterung, der skeptische und kritische Blick. Auf die Liebe und diese Männer mit ihren "grimmigen Idealen". Was macht man draus? - "wir waren eingeschworen auf / Verbindungslosigkeit man fand sich / zusammen und betrank sich / zusammen und betrank sich / ich hatte kein Erbarmen mehr / mit unseren Doppelgängern unsere / Sehnsucht widerte mich an ..."
Klar. Das kennen Viele nicht, die sich früh und behaglich eingerichtet haben in den Idealen des Bausparvertrages. Wer mehr will - von sich und vom Leben - der landet in Städten wie Berlin. Die Kulisse ist ja nicht nur Kulisse. Sie ist auch Teil der Suche und der Ratlosigkeit. Dazu gehört - folgerichtig - das So-tun-als-ob: Als ob das erfüllte Leben gefunden wär. Als wär's keine tägliche Aufgabe.
"so abgebrüht wie in Berlin / hat selten man den Mensch gesehn ...", schreibt sie. Vermisst die Käuze und begegnet ihnen doch jeden Tag. Und erwartet von ihnen eine ganze Menge. Das Uralte natürlich. "ich wollte daß zu lieben wehtut / wie alte Musik / mit diesem Kern aus Traurigkeit", heißt es in "Blinde Spiegel".
Es ist also durchaus auch ein Such- und Rätselbuch. Für alle, die mit diesem Ding Liebe auch nicht so recht im Reinen sind. Die vor- und zurückblättern, weil ihnen die Autorin wieder was zum Nach-Denken hingelegt hat. Einen Satz des Anstoßes. Der Beunruhigung. Ein rotes Bändchen hilft dem Leser, sich zumindest die letzte nachdenkliche Stelle zu merken. Den Rest muss man sich dann provisorisch mit entwerten Fahrscheinen, Einkaufszetteln und losen Kalenderblättern markieren. Die 20 Fotos der Autorin, die dem Band schwarz-weiß beigemischt sind, helfen eher weniger. Es sind eher menschenlose Eindrücke aus einem Szenetreff irgendwo in Berlin, wahrscheinlich Prenzlauer Berg. Die Ansässigen werden es wissen. Da und dort eine Nische in einer dortigen Kneipe. Vorstellbar, dass man da spät, wenn einem zu Hause die Decke auf den Kopf zu fallen droht oder das Bild, an dem man malt, nicht gelingen will, die Leute trifft, die dann ihr Seemannsgarn erzählen. Denn: Berlin ist eine Insel. "auf dieser Insel gestrandet zu sein / gibt keiner gerne zu ... Berlin das Chamäleon paßt / seine Haut nur den eigenen Launen an", schreibt sie im Gedicht "Exilanten".
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Man geht also nach Berlin ins Exil, sucht die Liebe und schreibt Gedichte wie "kleine Rätsel auf Papier". Hier sind sie jetzt mal versammelt. Für alle, die auch noch so schön ratlos sind über all diese simplen Dinge des Lebens, die so beunruhigend sind. "am Ende werde ich ohnehin wieder / keinen Menschen geliebt haben sondern / die plötzliche Weite meiner Lungen". ("Sehen wir uns").
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