Ein Buch für Mädchen aus dem fhl Verlag: Good Morning Dornröschen
Ralf Julke
15.01.2012
Good Morning Dornröschen.
Foto: Ralf Julke
Der Mädchenroman ist nicht tot. Der Mädchenroman lebt. Und auch der alte Traum der süßen Schönen, im Leben eine so herrlich tragische Rolle wie Schneewittchen oder Dornröschen zu spielen, ist nicht tot. Und Daniela Kögler streitet's gar nicht ab: Sie möchte so gern Dornröschen sein.
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Eines schönen überraschenden Morgens wachgeküsst von einem Prinzen, der mal kein Frosch ist und kein Langweiler oder Schönling ohne Grips in der Birne. Kann ruhig auch Johannes von Taubenrichten heißen und Besitzer eines unglaublich unvergleichlichen Szenelokals in München sein. Darf er. Und traurig darf er sein, weil er noch immer um seine bei einem Unfall verlorene Geliebte trauert. Seine Gedichte sind augenscheinlich Kult in München. Kann sein.
München ist die Stadt, in die die junge Heldin des Buches aufbricht, um ihr Leben zu ändern. Sie hat einen guten festen Job, wird von Freunden und Familie geliebt. Aber irgendetwas fehlt. Vielleicht ist das Leben zu beschaulich. Vielleicht fühlen sich Mädchen auch nicht gut und nicht ernst genommen, wenn das Leben zu ruhig dahinplätschert. Ohne Abenteuer, ohne Bewährungsproben. Wer wissen will, wie Mädchen ticken, wird seine Freude haben beim Prolog, der ein langsames Warmlaufen ist. So, wie sich Frauen gern warmlaufen, wenn sie jemandem ihr Herz ausschütten wollen. Etwas, was Männer nie verstehen werden. Denn Frauen suchen augenscheinlich immer nach mehr als Liebe und Anerkennung. Und vorm Spiegel turnen sie auch nicht drei Stunden, weil sie sich nicht für das richtige Kleid entscheiden können. Das wohl auch. Nein: Sie beäugen ihr Erscheinungsbild so kritisch, drehen sich hin und her, dass jedes männliche Wesen da draußen eigentlich froh sein kann, wenn das schöne Biest dann ohne Groll und Frust wieder im Tageslicht erscheint.
Ob alle Mädchen so sind - keine Ahnung. Wenn man Mädchen- und Frauenromane aus Deutschland liest, hat man ganz gewiss die feste Überzeugung, dass es so ist. Dass sie alle von aufregenden Prinzen träumen, ohne sagen zu können, wie aufregend sie eigentlich sein sollen. Denn natürlich endet der Prolog nicht mit der Selbstzerfleischung, man erfährt auch recht genau, warum Männer Frauen eigentlich gar nicht genügen können. Sie können wohl froh sein, mit so einem als Geschenk zubereiteten Wesen am Tisch sitzen zu dürfen. Dann sollten sie am besten fragen, welche Bücher das schöne Kind in seiner Jugend verschlungen hat. Und wenn sie dann erfahren, dass es die beliebten Selbsterfahrungs- und Selbstverwirklichungsbücher sind, von denen einige Leute glauben, dass sie die Emanzipation junger taffer Frauen beschreiben, dann sollte er wohl tatsächlich seinen Kaffee bezahlen und sich für den hübschen Anblick bedanken.
Daniela Kögler: Good Morning Dornröschen.
Foto: Ralf Julke
Dabei ist die Geschichte natürlich gut gemeint. Wenn frau das Gefühl hat, dass in einem ungenannt gebliebenen Nest in der bayerischen Provinz keine Heldentaten mehr zu vollbringen sind, dann muss sie nach reiflichem Selbstgespräch einfach den nächsten Zug in die nächstbeste attraktive Stadt (München) nehmen, das Handy ausgeschaltet lassen und es einfach mal drauf ankommen lassen, was dann passiert. Die emsige Heldin gerät beim ersten Versuch, sich auf offener Straße als trainierende Schauspielstudentin zu geben, sofort in die freundliche Beratung einer Polizeistation, wird entlassen, weil sie tatsächlich nichts geklaut hat, darf unter einer nach Hund stinkenden Decke auf dem Sofa einer recht eigenwilligen Person namens Louisa schlafen und hat, weil sie ein paar der gefährlich duftenden Kekse probiert hat, schreckliche Alpträume. Einer davon: Sie landet als halbnacktes Modell auf dem Buffett einer Delikatessenmesse und danach - flugs ins Flugzeug verpackt - im Palast eines Mailänder Modedesigners.
Hätte auch ein Erzählstrang werden können. Ein bisschen wie "Black Swan" oder so und der Botschaft: In jedem Schneewittchen steckt auch eine Frau, die boxen und treten kann.
Ist aber nur ein Alptraum, der damit endet, dass die schockierte Heldin in der Wohnung des oben genannten Szenelokal-Betreibers landet, der sich auch noch als Dichter erweist, aber derzeit eine Schreibblockade hat - wegen der Trauer. Die schönen Ufa-Filme der goldenen Heesters-Zeit lassen grüßen. Zwei Wochen hält sie es bei ihm aus. Immerhin etwas. So möchte man in München, wenn man ein flottes Mädchen aus der Provinz ist, schon gern schnell unterkommen. Aber dann: "Es ist Zeit zu gehen." Sie flieht wieder, hinterlässt einen der süßen Abschiedsbriefe, bei denen der Verlassene überhaupt nicht weiß, was er falsch gemacht hat, und rettet im Park flugs einen Jungen, der von seinen Begleitern gerade krankenhausreif geschlagen wurde. Und nicht nur das. Es stellt sich heraus, dass er ein Heimkind ist und dass es in dem Heim, in dem er lebt, recht fürchterlich zugeht. Und weil die couragierte Heldin ihn gerettet hat, steht auch gleich die Münchner Presse im Krankenhaus und sie landet schneller auf der Titelseite der Münchner Abendzeitungen, als Johannes von Taubenrichten ein neues Gedicht schreiben kann, in dem die Heldin keine grünen, sondern blaue Augen hat.
Man ahnt: Das rollt wie in einem echten ZDF-Liebesfilm auf ein großes und tragisches Happyend zu. Ist jetzt natürlich die Frage: Hat der fhl Verlag damit nun eine Reihe neuer Mädchenromane eröffnet? Oder hat er das Buch wegen der schönen Fotos veröffentlicht, die die 25-jährige Autorin aus Roth, die auch als Model arbeitet, extra hat anfertigen lassen? Die Autorin als lasziv ruhendes Dornröschen in stilvollem Ambiente. 100 Jahre hält sie das natürlich nicht aus. Der Prinz muss sich beeilen.
Die Zeit ist ja schnelllebiger geworden. Und die Dornröschen sind anspruchsvoller geworden. Aber es gilt auch in diesem Jahrhundert noch immer das bezaubernde Gedicht von Theobald Tiger, 1930 in der Weltbühne veröffentlicht. "Danach" heißt es und beginnt so: "Es wird nach einem happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt. / Man sieht bloß noch in ihre Lippen / den Helden seinen Schnurrbart stippen – / da hat sie nu den Schentelmen. / Na, un denn –?"
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