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Eher Thriller als Protokoll: Was 3:46 Uhr geschah und davor und danach

Ralf Julke
3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman.
3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman.
Foto: Ralf Julke
Manche Genre-Bezeichnungen sind einfach Quatsch. Auch wenn der junge Mann, der sich hier Masì de Sol nennt, glauben sollte, dass das Leser zu einem verblüfften Zugreifen animiert: Ein protokollarischer Roman? - Das ist dann wohl Belletristik für Kanzleibeamte. Danke schön. Das Wörtchen "Thriller" wäre der Sache näher gekommen. Krimi wäre auch nicht so falsch gewesen. Untersparte: Was ist eigentlich passiert um 3:46?

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Das erfährt der Leser der Geschichte natürlich am Ende, um 3:46 Uhr, wenn der Tag von Christian Moser zu Ende ist. Ganz zu Ende ist. Ein Tag, der um 7:23 Uhr beginnt mit dem Aufstehen und mit dem Versuch, sich wieder zu sortieren und in die angewöhnten Routinen hineinzukommen. Das kennt eigentlich jeder. Und den meisten Lesern wird das alles sehr vertraut vorkommen. Und mancher wir es in letzter Zeit bis zum Abwinken gelesen haben. Der Markt ist geradezu überschwemmt mit Studentenromanen und Romanen von hochgebildeten Arbeitsuchenden, die auf dem Amt genauso hoffnungslos abblitzen wie bei all ihren kläglichen Job-Versuchen bei den Billigheimern der Nation.

Was nicht an den Studenten und hochgebildeten Arbeitsuchenden liegt, sondern an der Entwertung menschlicher Arbeit in einem Land, dass der Wissenschaftsphilosoph Ulrich Kühne in der "taz" als ein feudalistisches beschreibt: Eine Kaste von Privilegierten antichambriert in den Vorzimmern der Macht und sichert sich immer neue Privilegien zum Erhalt ihrer feudalen Domänen, ihrer abgewirtschafteten Güter und zusammengeschusterten Konzern-Dynastien. Und sie würgen damit das Leben, das Unternehmertum, die Chancen auf Selbstverwirklichung im Lande ab. All diese Chancen haben sich in faules Papier in den Kellern der Banken und Staaten verwandelt. Und gären und faulen dort vor sich hin. "Entfremdete Arbeit" nannte das ein bösartiger Philosoph namens Marx mal vor Urzeiten.

Eher ein Thriller in Stundenbuchform: 3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman.
Eher ein Thriller in Stundenbuchform: 3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman.
Foto: Ralf Julke

Die andere Seite dieser Entfremdung sind all die jungen, mies bezahlten oder verachtungsvoll aussortierten Leute, denen die Suche nach nur dem geringsten saumäßig bezahlten Job längst den Tagesrhythmus bestimmt. Und die dabei noch den Schein versuchen aufrecht zu erhalten, das wäre Selbstverwirklichung und Freiheit.

Das zumindest spiegelt sich in dem Tagesablauf, den der Held der Geschichte, Christian Moser, hier schildert. Gar nicht mal protokollarisch, eher detailliert, szenisch, sehr reflektiert. Der Tag entwickelt sich - und in den anderen 99 Romanen dieser Sparte würde der Held dann irgendwann aufbrechen zur Vorlesung, zum Kellnerjob, zum Termin auf dem Amt oder zum Besäufnis mit den Kumpels.

Christian Moser hat seinen ersten Termin längst verschwitzt. Seinen betreuenden Psychologen hat er zwei Tage zuvor versetzt. Man ist gewarnt. Und merkt so nach und nach, dass das Verbuchen der wichtigen Dinge, die dem Tag Struktur geben, irgendwie zusammenhängen muss mit Christians Vorgeschichte und den Pillen, die er nehmen muss. Dass die Strukturierung des Tages nicht so richtig gelingen will, merkt man erst nach und nach, wenn dem Helden die Dinge, die er sich vorgenommen hat, entgleiten.

Die Vorgeschichte, die Christian vor Gericht und in psychiatrische Behandlung gebracht hat, blättert sich erst im Laufe dieses geschilderten Tages nach und nach auf. Und je mehr nun augenscheinlich auch dieser Tag verstreicht und ohne Erfolg in den bedrückenden Abend schlittert, umso dichter werden die Erinnerungen des Erzählers, um so mehr drängen sie sich ihm auf. Und man fragt sich durchaus, warum der behandelnde Psychologe dieses Manuskript, das scheinbar den letzten Tag des Patienten schildert, mit so wissenschaftlicher Distanz einfach interessant findet und auch noch einem Verlag zur Veröffentlichung anbietet.

Masi de Sol: 3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman.
Masi de Sol: 3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman.
Foto: Ralf Julke
Denn augenscheinlich ist das, was Christian Moser unter der Zeitangabe 3:36 Uhr schildert, eine Vorwegnahme dessen, was dann in der Nacht geschehen sein muss und den Fall kurzzeitig zu einem Fall für die Polizei gemacht hat. Vom Motiv her tatsächlich ein Thriller, einer, der sich aus einer scheinbar alltäglichen Situation heraus langsam und immer verblüffender entfaltet.

Dass sich am Ende auch noch die Lektoren über die Veröffentlichungsreife der Geschichte unterhalten, betont noch einmal den Aspekt, den der erzählende Christian Moser so gar nicht reflektieren konnte: Wie gedankenlos das private Leben eines Menschen heutzutage zu einer öffentlichen Ware gemacht wird. Dazu braucht es nicht einmal das Internet, über das die Abstinenzler der Nation so gerne diskutieren. Dazu braucht es nur ein paar verantwortungslose Funktionsträger, denen das Einzelschicksal der ihnen Anvertrauten herzlich egal ist. Auch das eine nicht ganz unwichtige Seite in der Entfremdung der Gegenwart. Dazu gehört dann wohl auch der Eindruck, dass hier einer, der durchaus auch Hilfe und echte Betreuung gebraucht hätte, tatsächlich mit sich und ein paar Pillen allein gelassen wurde.

Da ist der Versuch, den Tag in überschaubare Einheiten zu strukturieren, letztlich zum Scheitern verurteilt. Dass er dann so endet, wie er dann endet, ist zwar nicht zwangsläufig. Aber dass das, was jenseits der Pillen in dem mehr getriebenen als selbstaktiven Helden dieser Ein-Tages-Geschichte gärt, eine dramatische Lösung finden muss, das ahnt man. Doch die zynischste Pointe gibt es dann am Schluss, wenn Herr Schindecker über die Vermarktungsmöglichkeiten der Geschichte nachdenkt: "Vielleicht kann man den Umstand, dass der Autor tot ist, auch ins Positive wenden - marketingtechnisch meine ich ..."



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3:46 Uhr - Ein protokollarischer Roman
Masì de Sol, fhl Verlag Leipzig 2011, 11,95 Euro
Masì de Sol ist - nach Angaben des Verlages - 1971 geboren und arbeitet als freiberuflicher Journalist und Autor in Berlin. Natürlich nicht unter dem Namen Masì de Sol. Ein paar Satire-Bände soll er mit Co-Autoren auch veröffentlicht haben. Aber das hier ist, wenn man es als Satire lesen will, eine ganz schwarze Satire auf die moderne Welt der funktionalen Monaden. Mit tragischem, aber gut protokolliertem Ausgang für eine mit ihren Nöten und Phantasien allein gelassene Monade.

Der moderne Feudalismus in einem Beitrag von Ulrich Kühne in der "taz": http://taz.de/Debatte-Wirtschaftskrise/!84939/


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