Festschrift oder Epilog? Ein Buch zur Geschichte des Orchesters der Musikalischen Komödie
Gernot Borriss
05.01.2012
Das Orchester der Musikalischen Komödie.
Foto: Gernot Borriss
Die erste Gesamtdarstellung zur Geschichte des Muko-Orchesters legte der Förderverein des Operetten- und Musicaltheaters jüngst auf den Büchertisch. Alles begann 1906, seit 1912 befindet sich das Operettenhaus in städtischer Trägerschaft. Gibt es 2012 ein rauschendes Jubiläum oder ein stilles Finale im Zeichen von actori?
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Mit „Das Orchester der Musikalischen Komödie/Oper Leipzig. 1906 – heute“ legten Freunde und Förderer der Musikalischen Komödie das nunmehr zweite Buch zur Geschichte des Leipziger Operettentheaters vor. Text- und Bildauswahl besorgte erneut der langjährige Erste Konzertmeister des Klangkörpers, Leonhard Czernetzki.
Ein doppelter Ohrenschmaus ist dem Buch beigelegt. Dabei handelt es sich zum einen um ein Tondokument vom 17. November 1968. Gisela May, ein in der (damals doppel-)deutschen Theaterlandschaft noch immer selbsterklärender Name, sang Brecht/Weill. Nämlich Stücke aus „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“, unter Begleitung des Muko-Orchesters.
Der zweite Tonträger trägt den Namen „Ohne Sorgen“ und wurde 2004 eingespielt. So stehen die beiden CDs für den Rahmen, den das Ensemble des traditionsreichen Hauses bieten kann. Auf der einen Seite anspruchsvolles zeitgenössisches Musiktheater, auf der anderen Seite das eher unterhaltungsorientierte, klassische Genre Operette.
Man muss die Künstler aus der Dreilindenstraße nur eben machen lassen. Doch genau daran hapert es seit Jahren. Nicht von ungefähr trägt das vierte und letzte Kapitel die Überschrift „Gesellschaftlicher Umbruch. Bemühungen um den Fortbestand der Musikalischen Komödie 1990 – heute“. Das ist übrigens auch das längste Sachkapitel.
Haus Dreilinden: Sitz der Musikalischen Komödie.
Foto: Gernot Borriss
So erscheinen die letzten beiden Jahrzehnte in dem Buch zu weiten Teilen als ein permanenter Kampf gegen die Schließungsabsichten der lokalen Kultur- und Finanzpolitik. So ein Dauerkampf kann mürbe machen. Rein baulich ist man auf diesem Weg ein schlechtes Stück vorangekommen. Durch Unterlassen von Investitionen in das Haus in teilweise desolatem Zustand, fast so wie beim Naturkundemuseum.
In anderen Zeiten als diesen könnte man das jeweilige Abwenden der Schließungspläne hervorheben. Doch seitdem die Münchner Beratungsgesellschaft actori in ihrem Gutachten eine Filetierung der Muko und eine Fusion der Überreste mit dem Theater der Jungen Welt empfiehlt, schaut man mit anderen Augen auf die jüngste Geschichte des Hauses.
Da findet sich auf Seite 111 ein Ausriss aus einer Vorlage für eine Haushaltsklausur des Oberbürgermeisters vom 3. September 2009. Darin wird die „Auflösung der Musikalischen Komödie und Erhöhung des Spielbetriebs des Genres Operette/Musical durch das Ensemble der Oper“ vorgeschlagen. Dieser Haushaltssicherungsbeitrag hätte mittelfristig mit einer Einsparung von knapp 9,5 Millionen Euro zu Buche geschlagen, rechneten die Experten des städtischen Finanzdezernates damals aus.
Leonhard Czernetzki: Das Orchester der Musikalischen Komödie/ Oper Leipzig. 1906 – heute.
Foto: Gernot Borriss
So viel verwaltungsseitige und politische Fantasie ließ sich im Wahlherbst 2009 dann doch nicht an die große Muko-Fangemeinde bringen. Doch zwischenzeitlich hat actori ja Szenarien entwickelt, wie - ganz beratungsobjektiv - der Zuschuss für die städtischen Kulturbetriebe doch noch gedeckelt werden kann: mit besagter „Fusion“ der Muko.
Originellerweise ginge die Muko damit „back to the roots“. Denn von 1945 bis 1960 spielte das Operettentheater in dem Haus am Lindenauer Markt. Denn die Spielstätten im Stadtzentrum waren damals kriegszerstört. Als die Oper von der Ausweichspielstätte Haus Dreilinden in den Neubau am damaligen Karl-Marx-Platz zog, wechselte die Muko an ihren heutigen Platz.
Das opulent gestaltete und informative Buch von Leonhard Czernetzki gibt neben der Rückschau auf gloriose Operettenabende auch die Hinweise, welches Profil eine Musikalische Komödie künftig haben könnte. Prinz Tobias Künzel brachte am 26. März 1998 erstmals sein Musical „Elixier“ auf die Bretter von Lindenau. Damit fand er auch deshalb Aufmerksamkeit, weil er mit Leipziger Jugendlichen als Darsteller arbeitete.
Dann taucht immer wieder der Name Gerd Natschinski auf. Viele Musicals des Leipziger Komponisten wurden in der Muko uraufgeführt und gehören teils noch heute zum Repertoire. Alles begann 1961 mit „Messeschlager Gisela“ und führt aktuell zur dritten Inszenierung von „Mein Freund Bunbury“, wie der Meister in seinem Grußwort selbst erinnert. „Ich wünsche den Mitgliedern des Orchesters alles Gute – das heißt vor allen Dingen, dass dieses wichtige Spezialorchester in der bisherigen Form noch lange bestehen bleibt“, so Natschinski.
Die Zukunft von Ensemble und Haus ist also ungewiss. In der Geschichte lässt sich hingegen nichts mehr ändern. Am 25. August 1906 startete im damaligen Central-Theater in der Bosestraße/Ecke damaliger Tröndlinring das „Neue Operetten Theater“. Ursprünglich ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, ging es am 1. September 1912 in den „Städtischen Theatern in Leipzig“ auf. So ist 2012, das Jahr der politischen Entscheidung über die actori-Empfehlungen, für die Muko auch ein Jubiläumsjahr. In diesem kann Czernetzkis Buch eine Festschrift zum freudigen Anlass werden, oder der Epilog auf ein wichtiges Stück Leipziger Kultur.
Leonhard Czernetzki "Das Orchester der Musikalischen Komödie/Oper Leipzig. 1906 – heute", Herausgegeben von den Freunden und Förderern der Musikalischen Komödie Leipzig e.V., Leipzig 2011.
Erwerben kann man das Opus in der Musikalischen Komödie in der Dreilindenstraße und im Opernhaus am Augustusplatz.
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