Frauenheilkunde nach Hildegard von Bingen oder Nachdenken über das eigene gesündere Leben
Ralf Julke
17.01.2012
Hildegard von Bingen. Frauenheilkunde.
Foto: Ralf Julke
Ganz vorn vorm Titelblatt steht der Spruch von Hildegard von Bingen: "Die Seele der Therapie ist die Therapie der Seele". Er fasst im Grunde alles zusammen, was heutige Mediziner an den medizinischen Vorstellungen der Hildegard von Bingen so fasziniert. Und warum die Hildegard-Medizin nach 800 Jahren ein derartiges Comeback erlebt.
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Natürlich ist Manches überholt. Die Äbtissin des Klosters Rupertsberg konnte nur von den Kenntnissen ausgehen, die dem Stand ihrer Zeit entsprachen. Vieles gehörte - wie die Texte des Galen - zum Klosterwissen. Anderes erwarb sie sich selbst durch gründliches Beobachten und Ausprobieren. Und viele Autoren gestehen ihr zu, dass sie die Erste war, die derart konsequent auch die Umwelteinflüsse auf den Patienten berücksichtigte. Umwelt im umfassenden Sinn - von der Wohnumgebung über die familiäre Situation bis hin zum Arbeitsumfeld.
Aber auch mit Umweltgiften beschäftigte sie sich schon. Und nicht nur sie. Klöster sammelten seinerzeit medizinisches Wissen. Erst mit dem Aufkommen der ersten Universitäten in Italien und Frankreich wurde die Medizin auch wieder ein wissenschaftliches Betätigungsfeld für Laien. Ging neue Wege, entwickelte neue Behandlungsformen. Verlor aber im Lauf der Jahrhunderte wichtige Aspekte der Heilung aus dem Blick.
Die Hildegard-Medizin auf die Frauenheilkunde angewandt.
Foto: Ralf Julke
Viele moderne Mediziner wissen das. Die Beschäftigung mit ganzheitlichen Therapien ist längst keine alleinige Domäne der Heilpraktiker mehr. Auch klassische Mediziner wie die beiden Autoren dieses Buches eignen sich zusätzlich zum Standard-Medizin-Wissen ganzheitliche medizinische Kenntnisse an. Kenntnisse, zu denen auch bei Hildegard von Bingen ein gut Teil alter Volksmedizin gehört. Die Pflege eines Gartens mit Heilpflanzen gehörte nicht nur in Klöstern zum Alltag. Man kannte auch draußen in den Dörfern noch die Heilkraft der Pflanzen. Bei manchen hat die moderne Wissenschaft zwar deutliche negative Indikationen ausgemacht - man kann nicht alles, was Hildegard in ihrer Zeit empfahl, tatsächlich noch so anwenden. Deswegen empfehlen Schulte-Uebbing und Schlett auch stets die Begleitung durch einen Facharzt.
Erst recht, wenn die Krankheitsbilder wie bei etlichen der hier geschilderten Erkrankungen komplex sind. Ein echtes Buch für Frauen eben. Und es bleibt auch beim zweiten und dritten Lesen recht komplex, wenn man die Sache mit der Vier-Säfte-Lehre, der Vier-Elemente-Lehre, der Mond-Typisierung und den Frauen-Konstitutions-Typen begreifen will.
Dabei ist der Grundgedanke heute so einsichtig: Die ganze Natur, die ganze Umwelt mit allen Stress-Signalen, Essenszutaten, seelischen Beziehungen hat Einfluss auf den Menschen, sein Wohlbefinden und letztlich auf die Fähigkeit seines Körpers, mit den Belastungen fertig zu werden. Und gerade für die modernen Zivilisationskrankheiten gilt: Zuerst leidet die Seele. Und genau da übt der Ansatz von Hildegard seine Faszination aus, der den Betroffenen stets als Einheit von Körper und Seele sieht - und als Teil seiner gesamten Umwelt. Es nutzt nichts, das konkrete Krankheitssymptom zu behandeln, wenn das seelische Gleichgewicht nicht wieder hergestellt wird und die Störquellen in der Umwelt nicht beseitigt oder austariert werden.
Und das Erstaunliche, das auch noch einmal zum Finale des Buches ins Bild gerückt wird: Der Patient ist niemand, der die Heilbehandlung einfach über sich ergehen lässt - er kann und muss selbst handeln und verändern. Das geht nicht nur Frauen etwas an, auch wenn das Buch sich vorrangig mit Leiden beschäftigt, mit denen Frauen zu kämpfen haben.
Claus Schulte-Uebbing, Siegfried Schlett: Hildegard von Bingen. Frauenheilkunde.
Foto: Ralf Julke
Auch für Männer gelten die "5 Säulen der Hildegard-Medizin", die nicht nur eine therapeutische ist, sondern auch eine präventive: Jede und jeder kann Alarmsignale seines Körpers, seiner Seele, seiner Umwelt frühzeitig wahrnehmen und versuchen gegenzusteuern.
Die erste Säule: Die Seele nähren. Mancher findet diese Nahrung im Glauben, mancher im gesellschaftlichen Engagement, mancher in kultureller und geistiger Betätigung. Das muss jede und jeder für sich herausfinden. Es sind Untätigkeit und das Gefühl, nicht gebraucht und nutzlos zu sein, die krank machen.
Zweite Säule: Sich gesund ernähren. Dazu findet man mittlerweile ganze Bücherberge im Laden.
Dritte Säule: Die Abwehr stärken.
Vierte Säule: Sich regelmäßig entgiften. Das ist durchaus Ansichtssache, gerade wenn es um Aderlass und ähnliches geht. Aber regelmäßig nach Zeiten der Völlerei auch mal eine kluge Zeit des Verzichts einzuhalten, das kann sogar Leckermäulern und Schlemmern die Augen öffnen für die dauernde Überlastung des Körpers mit - naja - Speis und Trank der ungesunden Art.
Und als fünfte Säule: "Age Breaking". Aufhören, auf die Rente und den ach so verdienten Ruhestand hinzuleben. Und dann? Was fangen Frauen dann mit den noch verbleibenden 20 Jahren an und Männer mit den verbleibenden 5 bis 15? Abwarten, bis der Hannes zuschlägt? Wer seinem Leben keinen Sinn gibt und körperlich und geistig nicht in Bewegung bleibt, der kann sich am Tag der Pensionierung eigentlich erschießen. Was ist das dann noch für ein Leben? - Die Frage ist doch: Warum wollen wir so lange leben? Welchen Sinn geben wir jedem einzelnen Tag? - Schulte-Uebbing und Schlett listen zwar eine ganze Reihe Therapien auf, mit denen auch die Alterungsprozesse beeinflusst werden können. Aber auch die werden wohl für die Katz sein, wenn der Mensch für sein Leben nach der Arbeit (auch so eine blöde Formel) keine Ziele mehr hat, keine Ansprüche und keinen Sinn.
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Wahrscheinlich hätte auch die kluge Hildegard genau das zuallererst gesagt: Wer sein eigenes Leben nicht lebt, dem helfen auch alle Therapien nicht. Das wissen auch kluge Ärzte. Und die klügsten unter ihnen animieren ihre Patienten, sich ihres eigenen Schicksals möglichst selbstständig anzunehmen. Ansonsten ist - auch bei all den in diesem Buch besprochenen Frauenkrankheiten - die Beratung bei einem guten Arzt angeraten.
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