Die Geldwäscherin: Ein Krimi mit einer Heldin, die sich nicht mehr klein kriegen lassen will
Ralf Julke
31.01.2012
Die Geldwäscherin.
Foto: Ralf Julke
Wer jetzt vielleicht glaubte, das Regalfach für Leipzig-Krimis würde irgendwann ausreichen, hat sich getäuscht. Es geht eigentlich erst richtig los. Nun greift auch eine Autorin ins Geschehen ein, die den Leipziger Krimi mit einer neuen Perspektive bereichert: der einer jungen Dame, die sehr wohl begriffen hat, wie die Absahner der Nation ihre Reichtümer sammeln.
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Gisela Schikaneder heißt sie, ist stolze 55, also im besten Alter. Kluge Arbeitgeber werden sich nach derlei erfahrenem Personal in den nächsten Jahren sehnen. Wenn sie begriffen haben, dass man mit unbezahlten Praktikanten kein nachhaltiges Geschäft aufbauen kann. Aber in den letzten Jahren war es ja so, da standen diese taffen Frauen, die schon manchem Chef den Hintern gerettet haben, reihenweise vor den Schaufenstern in der Petersstraße und konnten nur davon träumen, sich die schönen Kleider darin zu kaufen. Für einen Kaffee reicht es vielleicht noch im Freisitz auf dem Naschmarkt.
Man merkt: Auch Traude Engelmann, freie Journalistin und Autorin aus Leipzig, hat an diesem Buch eine Weile gearbeitet. Im dramatischen Verlauf der Handlung kommt auch ein berühmter Hagelschlag vor, der 2006 etliche Leipziger Automobile in Wellblechkarossen verwandelte. Als in diesem Buch der große Hagel kommt, steckt Gisela mittendrin in einer durchaus brisanten Phase ihrer Karriere, an der sie selbst nicht ganz unschuldig ist. Und der Kaffee auf dem Naschmarkt ist nur der Anfang dieser Karriere, bei der sie nicht nur einen Job bei einem recht eigenartigen Pharmaversand bekommt, sondern auch mit Leuten ins Gehege und ins Geschäft kommt, die die Möglichkeiten des deutschen Geschäftslebens weidlich nutzen, um auf keineswegs legale Art zu Geld zu kommen - und dieses Geld dann auch noch heimlich Richtung Schweiz kurieren lassen.
Von Gisela natürlich, die einspringt, als Not in der Schwarzwelt-Gemeinschaft ist. Man befindet sich auf der Zeitachse also auch noch deutlich vor den gekauften CDs mit den Namen deutscher Steuerbetrüger. Und für Gisela, die eben noch zu tun hatte, die Sache mit ihrem überzogenen Dispo-Kredit zu deichseln und die Geldwünsche ihrer Kinder zu bändigen, legt kurzerhand den Schalter um und entscheidet sich für das Risiko. Und nicht nur das. Denn wenn sie jetzt einfach nur die Kurierin spielte, bliebe sie ja nach wie vor ein kleines Rädchen im Getriebe der Großkotzigen. In Basel nutzt sie die Chance, einmal richtig die Krallen auszufahren und sich einen deutlich größeren Teil vom illegalen Kuchen zu erbitten.
Dass sie dann auch noch mitbekommt, dass das dicke Geld nicht nur mit legalen aber teuren Muskelpräparaten gemacht wird, sondern sich ganz neue Marktteilnehmer mit höchst tödlichen Pillen auf dem Markt tummeln, gerät sie zwischen Baum und Borke, Ganoven und Polizei. Und gerät auch selbst in den Fokus der Ermittler. Der Bursche, der ihr durchaus gefährlich auf die Pelle rückt, ist diesmal ein Kommissar Schräg.
Traude Engelmann: Die Geldwäscherin.
Foto: Ralf Julke
Was schon eine höchst knisternde Konstellation wäre, denn damit wäre ihr neues höchst lukratives Reisen in die Welt des größeren Geldes alsbald beendet. Würde sie nicht gar noch entdecken, dass sich hinter den Kulissen nicht nur kleine geldsammelnde Ganoven tummeln, sondern auch noch zwei dubiose Unternehmen, die sich um den Pharma-Markt in Leipzig rangeln. Unternehmen, muss man sagen. Dürften Sachsens Ermittler etwas ehrlicher sein, würden sie öfter davon berichten, denn was sich in diesen Grauzonen tummelt, ist durchaus organisierte Kriminalität, die sich gern als „Wirtschaft“ geriert. Dass da auch ein obskurer älterer Herr, dem Gisela schon in DDR-Zeiten begegnete, eine Rolle spielt, merkt sie ebenso schnell wie die durchaus clevere Rolle ihrer Mutter. Da dürfen auch Einblendungen zu Giselas Vorgeschichte nicht fehlen, die durchaus etwas zu tun hat mit der Flucht der Mutter, gefühllosen Pflegeeltern und einer frühzeitigen Anwerbung durch die Staatssicherheit, die auch in diesem Fall wieder keine Anwerbung, sondern die übliche Erpressung ist. Man droht ihr, das Kind wegzunehmen. Dass sie auch noch Erfahrungen mit dem Jugendwerkhof gemacht hat, erfährt man etwas später.
Da erstaunt schon, dass sie sich dann trotz aller Tiefschläge nicht unterkriegen lässt, sondern die unverhofften Möglichkeiten, die sich ihr bieten, beherzt nutzt und auch dem eifrigen Kommissar immer ein Stückchen voraus ist. Am Ende geht es beinahe schief. Da hat sie sich mit ein paar Ganoven zu viel angelegt. Dafür lernt sie dann die verschlossene Welt des Dr. Wille auch mal von innen kennen - eine Welt, in der man gute Anwälte dafür bezahlt, damit niemand die verschworenen Kreise stört.
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Dabei weiß man nie so recht: Ist das nun ein Rachefeldzug für Giselas ermordete Freundin Susanne? Ist es eine Frau, die endlich die Chance sieht, das große Geld zu verdienen und dafür auch zu kämpfen bereit ist? Oder eher eine stimmige Parabel auf die Gegenwart, in der man nie auf einen goldenen Zweig kommt, wenn man sich an die Regeln hält? Gisela scheint sich entschieden zu haben. Noch ein kleiner Dreh mehr, und wir bekommen von Traude Engelmann Geschichten, wie sie Donna Leons Commissario Brunetti in Venedig erlebt. Nur dass es nicht die alten Familien sind, die im Leipziger Hintergrund die Strippen ziehen, sondern die neueren Seilschaften in ihren protzigen Villen im Wald.
Gisela Schikaneder auf gefährlichem Terrain: Die Geldwäscherin.
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