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Lästern in pointierter Schönheit: Lochners Kontroversations-Lästrikon

Ralf Julke
Lochners Kontroversations-Lästrikon.
Lochners Kontroversations-Lästrikon.
Foto: Ralf Julke
Natürlich geht es: Man kann die Probleme zwischen Ost und West auch ohne die einst von diversen Boulevard-Nasen geprägten Diminutive Ossi und Wessi beschreiben. Das Wort Wessi kommt in über 30.000 Artikeln, die seit Juni 2004 auf L-IZ.de veröffentlicht wurden, ganze 16 Mal vor (ab heute 17 Mal), Ossi immerhin 25 Mal. Aber was hat das nun mit "Lochners Kontroversations-Lästrikon" zu tun? Und wer ist Lochner?

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Natürlich gehört er nicht zu den Präsenznasen des deutschen Fernsehens, das auch 22 Jahre nach Null ein westdeutsches ist. Selbst die Websites jener Zeitungen, die man noch lesen kann, sind angetütert mit den alten Barden westdeutscher Provenienz, die schon vor 20 Jahren als Götter des Abendkinos gefeiert wurden. Und jetzt, wo das Geschnatter der 1990er Jahre beim Publikum des 21. Jahrhunderts nicht mehr ankommt, wird überall eine süffisante Götterdämmerung gefeiert.

Man möchte quieken über soviel Flachsinn. Dass so ganz nebenbei das Angebotsniveau all der Sender, die jetzt mit ihren "Göttern" über miese Quoten jammern, ins Bodenlose abgesoffen ist, scheint niemandem mehr aufzufallen. Natürlich gibt es bei Lochner auch ein Stichwort zum Fernsehen. Und er hält sich in der Definition in diesem Fall sogar noch sehr zurück, wenn er es als "Haschisch für das Volk" bezeichnet. Man merkt: Der Bursche hat eine Schule. Für die kann er eigentlich nichts.

1947 in Rastenberg in Thüringen geboren, hat er 1966 sein Abitur in Weimar abgelegt, hat dann an der Karl-Marx-Universität in Leipzig studiert, hat promoviert und bis 1991 an der Handelshochschule Leipzig unterrichtet. Und wer sich erinnert: Wer damals die falsche Art Wirtschaftslehre gelernt hatte, wurde abgewickelt. Ratzfatz ging das. Die frei gewordenen Dozentenstellen wurden ebenso flott mit geradezu begeisterten Aufbauhelfern aus Schwaben, Franken und dem Siegerland besetzt. Kompletter wurde eine Elite in der deutschen Geschichte noch nie ausgetauscht.

Aphoristische Wortverarbeitung: Lochners Kontroversations-Lästrikon.
Aphoristische Wortverarbeitung: Lochners Kontroversations-Lästrikon.
Foto: Ralf Julke

Was macht da einer, der in der DDR den Handel gelernt hat? Er wird Handelsvertreter, wendet das, was er gelernt hat, in der kleinkleinen Praxis an. Und schaut sich das, was die Aufbauhelfer vom Rhein und von der Mosel anstellen, von unten an. Deswegen gibt es im Osten so viele Handelsvertreter mit einem Doktortitel. Kluge Leute, mit denen man sich über alles unterhalten kann. Auch über Staubsauger. Nur ein bisschen sarkastisch und zynisch. Aber das geht ja den potenziellen Käufern nicht anders. Die Weltgeschichte wird von anderen Leuten gemacht, deren Geburtsort günstiger lag und die die besseren Seilschaften kannten. Und die auch keine Zweifel kennen, abschweifende Gedanken schon gar nicht.

In zwei Büchern hat Reinhard Lochner (Dr. sc. phil.) nun schon seine Bissigkeit und Lust am geschliffenen Aphorismus unter Beweis gestellt: "Lieber zehnmal den Kopf verlieren als einmal das Gesicht" (2008) und "Wer's nicht glaubt, wird selig!" (2009). Er ist auch gern gesehener Lästerer in diversen Zeitungen von der Sächsischen Zeitung bis zum linken Satiremagazin Eulenspiegel. Im "Lästrikon" zeigt er, dass böse Worte über Gesellschaft und Politik tatsächlich geistvoll, untergründig und witzig sein können. Was jetzt natürlich doppelt gemoppelt ist: Witz war ja mal Geist. Aber wir leben ja in Zeiten, in denen Leute Witze reißen, die noch nie einen eigenen Gedanken hatten.

Schon gar nicht zur eigenen Gesellschaft, in der sie leben. Einer Gesellschaft, die mehr von ihren Werten redet, als etwas für sie zu tun. Warum auch? Das könnte ja Kopfschmerzen bereiten. Lochner hat seinen Spaß an diesen Kopfschmerzen, schaut sich all unsere schönen Worte an, die wir täglich so gebrauchen, von A wie Aberglauben bis Z wie Zynismus. "Zynismus: Die Angewohnheit, Stimmvieh als Souverän zu bezeichnen und sich diese Beleidigung regelmäßig bestätigen zu lassen." Was nicht nur auf die FDP zutrifft, wie einige Blitzmerker der höheren Kolumnenkunst jetzt gemerkt zu haben glauben. Es trifft auch auf eine ganze Reihe viel geliebter Mitmenschen zu, die für diverse andere Parteiungen in Parlamenten, Vor- und Hinterzimmern sitzen und alle möglichen Interessen vertreten - nur in der Regel nicht die des Mobs. Ja, auch dieses Wort lässt Lochner nicht aus: "Mob: Aufgebrachtes Volk. Volk: Ruhiggestellter Mob."

Man sieht: Man braucht gar nicht mit langem Finger auf Syrien zeigen (oder wahlweise ein anderes Land mit einer scheußlichen Regierungsform, die sich eindeutig negativ von der westwärts gepflegten Demokratie und ihren Werten unterscheidet). (Das Wort "Werte" hat Lochner tatsächlich beinah vergessen. Schade.) Lochners Definitionen sind allesamt richtige Aphorismen. Meist gibt es den kleinen Paukenschlag punktgenau aufs Satzende, wenn der Leser schon fragt: Wo ist denn hier die Pointe? - Denn die erwartet man spätestens nach dem zweiten Stichwort. "Abgeordneter: Parlamentarier, der vom Wähler den Auftrag erhalten hat, seine Interessen wahrzunehmen."

Deutlicher kann man es nicht sagen. Und man ahnt, warum die meisten Abgeordneten ihrem Stimmvieh mit dieser herablassenden Oberlehrermentalität begegnen. Denn wem ist man verpflichtet als Mitglied eines Parlaments? - Dem Wähler, diesem unberechenbaren Wesen? Oder sollte man doch besser loyal sein, wie das so üblich ist bei den tugendhaften Deutschen, "die bis fünf vor zwölf zu denen halten, von denen sie fünf nach zwölf nie etwas gehalten haben"?

Reinhard Lochner: Lochners Kontroversations-Lästrikon.
Reinhard Lochner: Lochners Kontroversations-Lästrikon.
Foto: Ralf Julke
Man merkt: Da hat einer seine Freude am Lästern, Hinterfragen, Miss-Verstehen und Um-Deuten. Und es ist ja nicht so, dass die in den letzten Jahren in Führungspositionen geschwemmten Vertreter des Volkes besonders geglänzt hätten mit eher landläufigen Tugenden wie Ehrlichkeit, Transparenz, Verantwortungsgefühl und dergleichen. "Moral: Zuverlässiges Fundament für Gesellschaft und Politik, wird aus Sicherheitsgründen doppelt gelegt."

Das "Lästrikon" wäre aber nicht vollständig, wenn es sich nicht auch mit dem Wähler und all den Duldsamen beschäftigen würde, die sich das alles gefallen lassen und doch lieber gern in Scheinwelten flüchten. Moden zum Beispiel. "Mode: Unveränderlicher Zeitgeschmack, der Kleider vom Maßschneider, Werte vom Gebrauchtwarenhändler und Gedanken von der Stange vorschreibt."

Da hat Lochner die Werte versteckt. Ist natürlich die Frage: Wird Dr. phil. Lochner nun in die diversen Plapper-Shows der Nation eingeladen und darf seinen sarkastischen Beitrag zu Politikerdiäten, Gesundheitsrenditen und verratenen Idealen leisten? Wohl nicht. Die Vorbilder bleiben ja gern unter sich. Da ist man unter Seinesgleichen, manchmal auch Ihresgleichen. Und kann über die großen Dinge schwätzen, ohne blass werden zu müssen.



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Lochners
Kontroversations-Lästrikon

Reinhard Lochner, Engelsdorfer Verlag 2011, 10,00 Euro
Und der Handelsvertreter Dr. Phil.? - "Selbstverwirklichung: Zustand eines Menschen, der in der DDR studieren mußte und in der BRD Vertreter sein darf." Wäre ja noch schöner, wenn so einer Chef der Sachsen LB geworden wäre oder gar Finanzminister! Nicht auszudenken! - Ein Buch voller geistreicher Bosheit. Nichts für Leute, die Ironie für einen Angriff auf den Staat halten oder gar die Würde ihres Amtes. Da könnte es gefährlich werden. Da wissen sich die geteilten Gewalten mancherorts zu wehren, Herr Dr.!


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