Adam Zamoyskis Buch über Napoleons Russlandfeldzug 1812 (2): Höhepunkt eines langen Konflikts
Gernot Borriss
16.06.2012
1812. Napoleons Feldzug in Russland.
Foto: Gernot Borriss
Zamoyski will „eine außergewöhnliche Geschichte erzählen, von der jeder gehört hat, aber von der nur wenige genauere Kenntnisse besitzen“. Eben jene Geschichte will der Autor mit polnischen Vorfahren „in ihren größeren Kontext einbetten und auf ihre tiefere Bedeutung verweisen“. Insbesondere will er verdeutlichen, „was diese Ereignisse auf allen Ebenen für die Betroffenen bedeutet haben“.
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Dieser Krieg war „nicht irgendein Krieg“, wie Zamoyski findet. „es war der Höhepunkt eines langen Konflikts zwischen Napoleon und Alexander, zwischen Frankreich und Russland, zwischen dem ideologischen Erbe der europäischen Aufklärung und der französischen Revolution auf der einen und einem reaktionären Konglomerat aus Christentum, Monarchismus und Traditionalismus auf der anderen Seite“. Ein Kapitel zur Vorgeschichte des Krieges widmet Zamoyski der „Seele Europas“.
So weit, so richtig. Gleichwohl stritten aber eben auch zwei Großmächte mit imperialem, beziehungsweise universellem Anspruch um die Vorherrschaft in Europa. Das mit den monarchischen Titeln mag man heute als Folklore abtun. Doch ein Kaiser ist ein Kaiser und damit von seinem Anspruch her weltliches Oberhaupt zumindest des christliches Abendlandes, oder wenigstens einer der großen Glaubensrichtungen. Und mit Napoleon I. in Paris, Alexander I. (1777-1825) in St. Petersburg - und nicht zu vergessen Franz II./ I. (1768-1835) in Wien - gab es mehr als einen davon. Frankreich sah sich bekanntlich schon länger als die politische und kulturelle Vormacht Europas. Und Russland verstand sich spätestens seit der Zeit Peters des Großen (1672-1725) als europäische Großmacht.
So hatten alle Verträge zwischen Kaiser Napoleon I. und Zar Alexander I. nur sehr flüchtige Halbwertzeiten. Zu einem Kondomium über Europa war keine der Seiten aus machtpolitischen, wie normativen Gründen bereit. Diese Entwicklung hin auf den militärischen Konflikt erhellt Zamoyski sehr genau. Um nur einige Streitpunkte zu nennen: der von Napoleon gegen Großbritannien in Form der Kontinentalsperre geführte Handelskrieg, die Wiedererrichtung eines polnischen Staates an Russlands Westgrenze durch Napoleon, und schließlich: die deutschen Lande.
Brückensprengungsdenkmal am Ranstädter Steinweg.
Foto: Gernot Borriss
Tja, die deutschen Lande: Nachdem die öffentliche Meinung gegen die Franzosen umgeschlagen war, wollten Napoleon „den deutschen Nationalgeist ausmerzen“, wie es Zamoyski wiedergibt. Dieser „Pflanze“, so der Autor weiter, konnte Napoleon nur entgegentreten, „wenn er sie von ihrer Hauptnahrungsquelle abschnitt, und die war Russland“. Der Eroberer wird demnach getrieben, zum Erhalt seiner Machtpositionen weitere Eroberungen vorzunehmen.
Dabei waren die von Napoleon vergrößerten und mit Königstiteln versehenen deutschen Mittelstaaten als Glieder des Rheinbunds treue Verbündete des Korsen. Der noch immer populärste Wettiner-Herrscher, August der Starke (1670-1733) war zwar König, aber von Polen. Erst sein Nachfolger Friedrich August (1750-1827) wurde im Dezember 1806 von Napoleon zum König von Sachsen erhoben.
In der Grande Armee stellen Deutsche nach den Polen und Italienern die größten nichtfranzösischen Kontingente. Allen voran die Bayern und die Württemberger. „Das 20.000 Mann starke sächsische Kontingent war diszipliniert und marschierte ebenfalls problemlos in den Reihen der Grande Armee, in die es einen Teil seiner besten Kavallerie einbrachte“, so Zamoyski. Als Motive ihres „alles in allem“ gegenüber Napoleon loyalen Handelns während des Krieges führt der Autor die Idee an, „die Russen aus Europa zurückzudrängen“ sowie deren sprichwörtliche Abneigung gegen die Preußen. Dass die sächsischen Truppen bis zum Finale vor den Toren der Messestadt auf Seiten Napoleons focht, ist hinreichend oft erzählt worden.
Der erste moderne Krieg
Poniatowski-Denkmal an der Elsterstraße.
Foto: Gernot Borriss
Nach dem französischen Angriff durch den Übergang über den Grenzfluss Njemen am 24. Juni 1812 entfaltete sich nach Zamoyski ein Krieg von bis dato nicht gekanntem Ausmaß. Das war insofern der „erste moderne Krieg, als das ganz russische Volk von seiner Regierung gezwungen wurde, sich aktiv zu beteiligen, und die Gefühle der Bevölkerung in der militärischen Strategie berücksichtigt wurden“.
Hier lässt Zamoyski bereits anklingen, dass die Möglichkeiten der Moderne nicht von selbst den Zwecken der Aufklärung dienen. Und dass nicht alles, was als Volkes Wille daherkommt, demokratisch sein muss. Insbesondere geht Volksbewaffnung offenbar auch ohne Volkssouveränität.
Auch Napoleons Außenpolitik ist ein beredtes Beispiel dafür, dass moralisch und emanzipatorisch aufgeladenes machtstaatliches Handeln sich eben in den Fallstricken der Machtpolitik verheddern kann. Dafür lässt sich dann das Wort „Fremdherrschaft“ verwenden.
Gleichwohl: „Am Anfang war Napoleon“, so der gern zitierte erste Satz von Thomas Nipperdey aus seiner „Deutschen Geschichte 1800-1866“. Die Zeit, in der die Grundlagen des modernen Deutschland geschaffen wurden, war entscheidend von dem Korsen auf dem Kaiserthron geprägt.
Anders gewendet haben die Bewunderer der Befreiungskriege bis heute nicht überzeugend erklären können, was denn – aus demokratisch-aufklärerisches Sicht – das besondere Befreiungsmoment im Europa der Heiligen Allianz nach 1815 sein soll. Die Befreiung der russischen Leibeigenen, die als Soldaten die Eroberer bis nach Paris zurückgetrieben hatten, blieb jedenfalls aus. „Vorherrschend war in Russland die Auffassung, dass die Ereignisse von 1812-1814 nicht als Ausgangspunkt einer Erneuerung, sondern als göttliche Bestätigung der bestehenden Verhältnisse im russischen Staat zu sehen seien“, schreibt Zamoyski.
Nicht viel anders in Preußen und Deutschland: „Als 1871 schließlich ein größeres Deutschland entstand, entsprach es nicht dem ritterlichen Bild, das vom Stein und den romantischen Dichtern vorgeschwebt hatte, die in den Befreiungskriegen gekämpft hatten, sondern dem militaristischen und autokratischen Entwurf Bismarcks und seines Kaisers.“
Wenn es eine Erkenntnis von Zamoyskis wortgewaltigem und lesenswerten Historiendrama gibt, dann die, dass ein vereintes Europa keinen Hegemon verträgt. Das ist etwas, was auch im heutigen Euro-Land beherzigt werden sollte. Ebenso wie die Frage, wie denn die gern beschworene strategische Partnerschaft mit Russland aussehen kann.
Und am Ende bleibt das eigentlich ewig gültige Gleichnis, dass die Hybris letztlich von der Nemesis eingeholt wird.
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