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Romandebut im Leipziger fhl Verlag: Sonutarium Labyrinth - ein dramatischer Krimi aus dem Kölner Milieu

Ralf Julke
Sonutarium Labyrinth.
Sonutarium Labyrinth.
Foto: Ralf Julke
Romandebut. Das ist nichts Neues beim fhl Verlag, auch wenn dessen Name so leicht auf Abwege führt wie die Cover seiner Bücher. Feine Handlektüre - das lässt an hübsche Insel-Bändchen denken. Was fhl aber gut kann, sind handfeste Bücher mit Leben und Spannung. Und er ist auf dem Weg zu einem der prägenden Krimi-Verlage im Land. Auch wenn Krimis da manchmal aussehen wie Bücher aus dem Horror- oder Fiction-Regal. Wie dieser hier.

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Selbst der Titel, den die bislang als Dramatikerin und Essayistin aktive Autorin Astrid Vehstedt dem Buch gegeben hat, lässt es eher in der Horror-Ecke vermuten. Sie liebt solche mystischen Titel. Aber solche Dinge erhöhen auch die Zugriffsbarriere. Die Konkurrenz im Krimi-Bereich ist groß. Wird immer größer. Denn wer keine Lust hat, sich mit den spitzmäuligen Kritteleien des deutschen Feuilletons abzugeben und wirklich schreiben will über dieses Land, die Gesellschaft, ihre Abgründe und Nöte, der schreibt heute keinen belletristischen Roman mehr. Der schreibt Krimis. Der gibt sich Mühe, ein, zwei charaktervolle Ermittler zu entwickeln, ihnen ein echtes (Familien-)Leben zu geben, echte Kollegen mit allen Macken und ein großes Herz.

Sie sind keine Sherlock Holmes mehr, keine taffen Überflieger. Was einst Sjöwall und Wahlöö in Schweden begannen, ist zu einer guten Schule für die Kriminalliteratur in aller Welt geworden. Aus dieser Schule kommt auch so manches, was beim fhl Verlag debütiert. Auch Vehstedts Kommissare Gawrilow und Kowalski gehören dazu, nicht ganz zufällig zu einem Ermittler-Team zusammengeworfen, als im nahen Belgien zwei Kinderleichen im Wald gefunden werden. Die Spuren deuten auf zwei verschwundene Mädchen aus Köln. Alles scheint anfangs nur der Versuch zu sein, eine abgebrochene Ermittlung wieder aufzunehmen und eine große Ermittlungsscharte auszuwetzen.

Astrid Vehstedt: Sonutarium Labyrinth.
Astrid Vehstedt: Sonutarium Labyrinth.
Foto: Ralf Julke

Doch Gawrilow scheint nicht nur ein Fremdkörper im Kölner Kriminalkommissariat zu sein, der durch tadellose Kleidung, ein bisschen zu viel Klugheit und unorthodoxe Ermittlungsmethoden auffällt. Er hat auch eine Vorgeschichte, die er nicht wirklich preisgeben will. Und anfangs scheint er mit dem eher gemütlichen und systematischen Kowalski gar nicht so recht zusammen zu passen, kriselt es mehrfach bei den unverhofften Winkelzügen des jüngeren Kommissars. Was aber anfangs wie Großmäuligkeit klingt, als er selbst der Presse verkündet, da würden Dinge zum Vorschein kommen, von denen keiner sich träumen ließe, entpuppt sich im Lauf einer durchaus mit Spannung geladenen Handlung als Wirklichkeit.

Als jene Wirklichkeit, die auch Leipziger Lesern so unbekannt nicht vorkommen kann. Denn die Schattenseiten von Liberalisierung, Globalisierung und staatlicher Sparpolitik sind all jene Dinge, die die demokratischen Gesellschaften von Italien bis Belgien gefährden. Korruption, Menschenhandel, pädophile Netzwerke, politische Bestechlichkeit, Veruntreuung von Fördergeldern ... Die Themen, die in mittlerweile recht regelmäßigen Abständen die Öffentlichkeit verblüffen, kommen ja in deutschen Krimis seit Jahren vor.

Der "Kölsche Klüngel" ist mittlerweile ein bekannter Begriff. In Sachsen nennt sich das, was da nicht zu beweisen zu sein scheint, "Sachsensumpf". Mancher Leser wird sich an die Vorgänge um das Kinderbordell Jasmin erinnert fühlen, mancher auch an den belgischen Kindesentführer und Mörder Marc Dutroux. Aber mit dessen Verhaftung endeten ja die Skandalgeschichten um Kindesentführungen, Pädophilenringe und Menschenhandel in Europa nicht.

Die Welt, die Gawrilow und Kowalski - von den Ereignissen getrieben - aufdecken, wird immer finsterer. Das große schnelle Geld spielt eine Rolle, Bestechung bis in die Kölner Stadtspitze hinein, honorige Herren sind verstrickt, aber jeder Schritt der Ermittlungen scheint sofort von Spitzeln im Polizeiapparat an den Baulöwen Klowiak weitergemeldet zu werden, der sich immer mehr als Kopf des kriminellen Netzwerkes herauszustellen scheint, das vor nichts zurückschreckt. Auch nicht vor dem direkten Angriff auf die ermittelnden Kommissare, deren Privatleben auf einmal von Schrecken erfüllt ist.

Astrid Vehstedt: Sonutarium Labyrinth.
Astrid Vehstedt: Sonutarium Labyrinth.
Foto: Ralf Julke
Dass von Anfang an eine attraktive Psychologin mitspielt, ist kein Zufall. Sie betreut eine der Familien, deren Tochter entführt wurde. Doch Vehstedts Ansatz geht weiter. Denn unter welchem psychischen Druck stehen eigentlich die Ermittler selbst, wenn sie es mit solchen menschlichen Abgründen zu tun bekommen? Können sie das rational von sich fern halten? Und wie lange? Was passiert, wenn die Ganoven anfangen, die Polizei selbst ins Visier zu nehmen? Erst recht, wenn einer der Ermittler dann tatsächlich in die Folterkammer der feinen Herren aus Klowiaks Wellness-Gesellschaft gerät?

Ein bisschen ratlos scheint Astrid Vehstedt am Ende doch gewesen zu sein: Wie löst man so eine Geschichte auf, wenn zwar der Oberganove geschnappt ist, die Ermittler bergeweise Material haben und reihenweise noble Zeitgenossen verhaften können, aber einer ihrer Helden im Koma im Krankenhaus liegt? Macht man hier einen Schnitt oder versucht man, auch die dramatische Zeit danach zu schildern? Und wie umfassend tut man das?

Astrid Vehstedt hat sich fürs Zweite entschieden.

Die erste Entscheidung wäre wahrscheinlich die klügere gewesen, ganz egal, ob - wie der Klappentext andeutet - jetzt weitere Romane um das Ermittler-Duo Gawrilow-Kowalski folgen werden. Um als intensiver, mitreißender und in sich stimmiger Roman zu funktionieren, braucht es den langen Abspann nicht. Es ist wie im Theater: Das Stück war gut, man hat gar nicht gemerkt, wie die Stunden verflogen, hat mitgefiebert und mitgelitten - und dann wollen die Schauspieler einfach nicht die Bühne verlassen.



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Sonutarium Labyrinth
Astrid Vehstedt, fhl Verlag Leipzig 2012, 14,00 Euro
Das ist schade. Gerade weil Vehstedt auf 400 Seiten gezeigt hat, wie dicht und bildhaft sie ihre Handlung aufbauen und ablaufen lassen kann. Sie hat das Talent für das Genre. Es gibt genug Ansätze in der Geschichte, die darauf hinweisen, dass mit diesem Fall noch längst nicht alles gelöst ist und auf die Kölner Kripo noch weitere Herausforderungen lauern. Im Finstern, auch jenseits der belgischen Grenze. Das kann mit den beiden so weiter gehen. Auch wenn am Ende auch das Rätsel um den kryptischen Buchtitel nicht gelöst wird.

Womit sich Astrid Vehstedt natürlich unter Zugzwang gesetzt hat. Nun muss sie den Band 2 vorlegen. Wer verspricht, muss auch halten.


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