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Eine Fundgrube für die Leipziger Stadtgeschichte: Das Leipziger Schöffenbuch

Ralf Julke
Jens Kunze (Hrsg.): Das Leipziger Schöffenbuch.
Jens Kunze (Hrsg.): Das Leipziger Schöffenbuch.
Foto: Ralf Julke
Bis 1420 hieß das Städtchen Lipczk, da und dort auch mal Lipczik. Nachzulesen in diesem Schöffenbuch, das Jens Kunze jetzt erstmals für eine breitere Nutzung ediert hat. Erst gegen 1430 beginnen die "diphtongierenden Schreibungen", wie Ernst Eichler 2007 noch einmal feststellte. Erst da wurde aus Lipczk nach und nach Leipzig. Die Onomastiker haben ja Glück: Im 15. Jahrhundert schrieb man noch so wie man sprach.


Deswegen ist das Schöffenbuch, das über 500 Gerichtssitzungen aus der Zeit zwischen 1420 und 1478 (plus ein angeheftetes Blatt von 1491) protokollierte, eine Fundgrube für Forscher - und für gegenwärtige Leser schwer zu lesen. So schwer wie ein Mundartbuch etwa. Es sind alles Protokolle der freiwilligen Gerichtsbarkeit - im Wesentlichen also öffentliche Beurkunden von Besitzveränderungen, von Erbfolgen, Pfandgaben, Mitgiften. Das unvergleichliche Wort begiffen taucht auf. Wer sich durch die Protokolle blättert, taucht tief ein in eine Zeit, in der die wichtigsten weltlichen Besitztitel noch von einem regelmäßig tagenden Schöffengericht beurkundet wurden. Möglicherweise unter freiem Himmel, wie Gustav Wustmann vor über 100 Jahren vermutete, als er die Pergamentseiten des Schöffenbuches durchblätterte in seiner wohl exzessiven Art, alles zu studieren, was an alten Leipziger Akten zu finden war. Den Historikern legte er das Schöffenbuch damals schon ans Herz.

Es ist das älteste derartige Gerichtsbuch aus Leipzig und hält eine der wichtigsten Phasen des städtischen Aufschwungs fest. Denn im 15. Jahrhundert begann Leipzigs Aufstieg zum überregionalen Messeplatz mit weit reichenden Privilegien, die die sächsischen Kurfürsten verliehen und die sich die Leipziger gegen ordentliche Taler vom jeweiligen deutschen König bestätigen ließen. Manchmal mehrfach, denn genau in dieser Zeit kämpften mehrere Städte in Mitteldeutschland um die entscheidenden Privilegien für ihre Jahrmärkte. Und dass Leipzig am Ende die Nase vorn hatte, hatte auch mit der erstarkten Rolle der Wettiner zu tun. Mit Geld auch.

Und so wie Jens Kunze es sieht, ist dieses Schöffenbuch, das er in lesbare Druckschrift übertragen und übersichtlich nummeriert hat, ein Verzeichnis der Mittel- und Oberschicht des damaligen Lipczk, derer, die über Besitzstand verfügten und Interesse daran hatten, ihn zu sichern. Rund 5.000 Namen tauchen auf. Für Jens Kunze im Prinzip die Steilvorlage für eine Rekonstruktion des spätmittelalterlichen Leipzig. Denn dadurch, dass über die Beurkundungen im Schöffenbuch auch die verwandtschaftlichen, nachbarschaftlichen und beruflichen Verbindungen zwischen den Personen sichtbar werden, ist eigentlich alles Material gegeben, diese Welt mit moderner Computertechnik aufzuarbeiten. Denn mit diesen 5.000 Personen wird ein Großteil der damaligen Bevölkerung erfasst. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts gehen Schätzungen davon aus, dass die aufstrebende Handelsstadt etwa 8.000 Einwohner hatte.

Einige waren verloren gegangen. Auch wenn noch nicht recht klar ist, auf welche Weise. Denn in der Zeit, als das Schöffenbuch entstand, wurden die Juden komplett aus dem Leben der Stadt verdrängt. Das taucht auch in etlichen Vorsprachen vorm Schöffenstuhl auf, als nun auf einmal in dichter Folge neue Personen die Erbschaft von namentlich benannten Juden antraten, die fast alle in der Judengasse wohnten. Ebenso ein Stück Stadtgeschichte, das danach komplett aus dem Stadtbild verschwand. Die Judengasse lag in der Rannischen Vorstadt, irgendwo im Naundörfchen. Auch eine Judenschule gab es, deren Gebäude nunmehr auch den Besitzer wechselte.

Jens Kunze (Hrsg.): Das Leipziger Schöffenbuch.
Jens Kunze (Hrsg.): Das Leipziger Schöffenbuch.
Foto: Ralf Julke
Kunze hat alle Namen und Orte, die ihm begegneten, im Register ausführlich aufgeführt. Was natürlich auch Stoff bietet für eine Rekonstruktion der mittelalterlichen Stadt. Die meisten Namen haben ja überdauert bis heute - und das Schöffenbuch stellt für die Mehrzahl der Leipziger Straßennamen auch die älteste Quelle dar. Und da sich die Straßen und Gassen alle noch da befinden, wo sie sich damals befanden, ließe sich natürlich auch rekonstruieren, was es noch nicht gab.

Man erfährt so Manches über die Beziehungen der Leipziger zu anderen Orten in Sachsen und anderswo. Und man lernt etliche Schöffen und Bürgermeister mit Namen kennen. Aber auch die Berufsstände anderer Personen, die vor dem Schöffenstuhl erschienen, kommen ins Bild: der Ratsschenk Heinrich Beher zum Beispiel, der Marktmeister Bastian Behme, der Büchsenmeister Jancke oder Heinrich Feris, Prokurator des Franziskanerklosters. Das war jenes Kloster, das auf dem heutigen Matthäikirchhof stand. Man bekommt ein sehr umfassendes Bild der in Leipzig ausgeübten Berufe, lernt Fleischermeister, Panzermacher, Kürschner, Badermeister, Vögte und Semmeltreter kennen.

Was nicht protokolliert wurde, das ist der Zustand der Straßen und Häuser. Immerhin war es weitgehend eine Fachwerkstadt. Und die Phantasie darf ruhig beginnen zu sprudeln, wenn man sich vergewissert, dass der Rathausbau von Hieronymus Lotter noch 100 Jahre in der Zukunft liegt. Das damalige Rathaus hat er ja in den Baukörper einfach einbezogen. Die Straßen waren noch ungepflastert und es war durchaus üblich, den Unrat einfach auf die Straße zu schmeißen. Was zum Teil für heutige Verhältnisse mehr als unangenehm werden konnte, denn auch die Kadaver toter Tiere wurden derart entsorgt. Und in der Stadt wurden damals noch hunderte Tiere gehalten - Schweine und Kühe etwa zur Eigenversorgung.




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Das Leipziger Schöffenbuch
Jens Kunze, Leipziger Universitätsverlag 2013, 64,00 Euro
Aber mit den desaströsen Zuständen etwa auf den Fleischbänken beschäftigte sich der Schöffenstuhl nicht. Seine Aufgabe war die freiwillige Gerichtsbarkeit, die bis dahin landesherrliche Aufgabe war. Doch 1423 verpfändete Kurfürst Friedrich I. diese Gerichtsbarkeit erstmals an die Stadt Leipzig. In seiner Einleitung erklärt Kunze alles, was man dazu wissen muss, erläutert auch einige Lebensgeschichten, die sich aus dem Schöffenbuch rekonstruieren lassen.

Und wenn jetzt ein neugieriger Stadtgeschichtsforscher und ein guter Datenbankprogrammierer zusammenkommen, könnte das ein faszinierendes mehrdimensionales Forschungsprojekt werden, bei dem das spätmittelalterliche Lipczk wieder lebendig wird.



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