Episteln und Pistolen: Eine barocke Dichterfehde samt Attentat - erstmals ins Deutsche übersetzt
Ralf Julke
21.03.2013
Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola: Episteln und Pistolen.
Foto: Ralf Julke
Bei Jürgen Buchmann weiß man nie, der Mann ist ein Schelm. Ein studierter Schelm: promovierter Philologe und Philosoph, bis 2005 Hochschullehrer in Bielefeld. Seitdem zeigt der heute 67-Jährige als freier Schriftsteller in Werther / Westfalen, was man als Philologe so alles anstellen kann mit Sprache und Literatur. Eintauchen zum Beispiel in die Geschichte und Funde machen.
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Das ist selten geworden, seit auch die Übersetzer in deutschen Landen darauf schauen müssen, dass der übersetzte Autor sich auch verkauft. Einfach aus Spaß an der Freud' übersetzen, weil man ein Stück Literatur faszinierend findet, das ist nur noch den echten Exoten der Branche möglich. Einem wie Buchmann zum Beispiel.
Der freilich auch gern einmal fiktive Bücher schreibt über die Randwelten der Literatur, in denen die Seltsamkeiten der Sprache und ihrer Sprecher skizziert werden. In diesem Fall aber gab es die beiden Burschen, deren Dichterfehde hier in Auszügen übersetzt ist, wirklich. Den einen findet man tatsächlich sogar in der deutschen Wikipedia: Giambattista Marino. Das ist nicht nur der Berühmtere der beiden - es ist wohl auch der größere Meister, wie Buchmann einschätzt. Der deutsche Wikipedia-Eintrag freilich enthält dem Leser den eigentlich spannenden Zeitabschnitt vor - und damit auch den Namen Mùrtola.
Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola: Episteln und Pistolen.
Foto: Ralf Julke
"Marino lebte als Protegé des Kardinals Aldobrandini in Rom, Ravenna und Turin. 1615 wurde er an den Hof der Maria de' Medici in Paris berufen", heißt es da in aller Kürze - und verschweigt auch gleich mal die drei Gefängnisaufenthalte, die sich der kritische Bursche eingehandelt hat. Einen wohl wegen Homosexualität. Womit er noch glimpflich davonkam. Das wurde zu seiner Zeit meist wesentlich grausamer sanktioniert. Dafür verrät Wikipedia, welche erstaunliche Rolle Marino nach dieser Zeit spielte. Als Protége des Malers Nicolas Poussin zum Beispiel.
In der italienischen Wikipedia ist sein Leben dafür sehr ausführlich beschrieben. Und ein extra Kapitel gibt es zu "Il cavalierato e l'attentato del Murtola". Und zu Gaspare Mùrtola gibt es dann folglich dort auch ein sehr ausführliches Kapitel. Zu einem hat Marino dem weniger begabten Nebenbuhler sichtlich verholfen: zu einer gewissen Art Ruhm in Italien. Dort steht dann gleich im ersten Absatz, warum Mùrtola überhaupt berühmt wurde: Weil Marino gegen den boshaften Widersacher seine berühmten Sonette der "Murtoleide" schrieb. Von denen man etliche in diesem Büchlein findet. Von Buchmann ganz vorsichtig übersetzt, um die Sprachsubstanz nicht zu verfälschen.
Denn Marino war einer der bestechendsten Vertreter der artifiziellen Dichtung des italienischen Barock. "Schwülstig", meint die deutsche Wikipedia, weil die deutschen Nachahmer schwülstig waren. Aber wer die Texte, die Buchmann ausgewählt hat, liest, findet nicht wirklich Schwulst, nur eine ausgefeilte Raffinesse, die das Spiel mit Wendungen und Bildern liebt, die den Gegner im Vergleich lächerlich macht, mit spitzen Sottisen durchbohrt und vor einem gebildeten Publikum mit fast teuflischer Lust beleidigt.
Das scheint nur halb funktioniert zu haben, auch wenn die "Murtoleide" durchaus als Teil des sowieso schon scharfzüngigen Werkes von Marino gelesen wurde. Aber Dichterfehden haben ihre eigenen Gesetze. Und das Publikum dieser Zeit, in der es noch keine italienischen Talkshows und Telenovelas gab, hatte ganz gewiss auch ihren Spaß an den trivialen Versen Mùrtolas. Von denen Buchmann nicht ganz so viele übersetzt hat. Sie wirken auch heute primitiv. Da spielt keiner, da tanzt keiner einen spöttischen Maskenreigen - Mùrtola kommt gleich zur Sache, ruft seinen Widersacher auf den Kampfplatz und überschüttet ihn dann mit Beleidigungen aller Art.
Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola: Episteln und Pistolen.
Foto: Ralf Julke
Dass Marino die verletzenderen Stiche setzte, zeigte dann das Attentat, das Mùrtola 1609 auf Marino und seine Begleiter verübte: So reagiert einer, den ein Gedicht zutiefst verletzt hatte. Aber wie das so ist im Leben an den Höfen der Gnädigen: Nicht immer wird der bestraft, der tatsächlich die Schuld trägt. Denn was scharfzüngige Geister meist vergessen: Sie treffen mit ihren Versen, wenn sie den Esel meinen, in der Regel auch den Herrn - den Gönner im Hintergrund, wo die Großen der Welt ihre Schachfiguren setzen. Heißt im Falle Mùrtola: Noch 1609 wurde er nach Intervention der mächtigen Kurie wieder auf freien Fuß gesetzt. Dafür saß Marino, der bis dahin einen "kometenhaften Aufstieg" am Hof des Herzogs von Savoyen hingelegt hatte, 1612 im Gefängnis. Ein ausführlicher Brief an den Grafen Ludovico d'Aglie erzählt davon mit beeindruckend poetischen Bildern über die stinkende Zelle.
Mehrere Briefe Marinos an seine Zeitgenossen hat Buchmann mit aufgenommen in den Band, so dass auch die Welt der beiden Kämpen etwas farbenreicher wird. Mùrtola machte an Marinos Statt Karriere am Hof von Savoyen. Marino musste sich neue Gönner suchen und landete 1615 am Hof der Maria de' Medici in Paris - mitten in der großen französischen Geschichte. Maria de' Medici ist jene berühmte Königsgemahlin, die nach der Ermordung Heinrich IV. die Regentschaft ausübte, später aber im Machtkampf mit Richelieu ins Exil gehen musste.
Was natürlich auch heißt, dass Marino auch seinen Platz in der französischen Wikipedia gefunden hat, die auch von den 2.000 Ecus berichtet, die ihm Maria de' Medici zukommen ließ. Und von seinen dortigen Bekanntschaften - darunter Madame de Scudery und ein gewisser Jean-Louis Guez de Balzac, "restaurateur de la langue française". Was sicher den Philologen freuen dürfte, wenn er sich mit diesem Teil der Geschichte beschäftigt.
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Episteln und Pistolen
Jürgen Buchmann; Giambattista Marino; Gaspare Mùrtola, Verlag Reinecke & Voß 2013, 9,00 Euro
Aber die Dichterfehde Marino vs. Mùrtola liegt jetzt zumindest in einer kleinen Auswahl erstmals auf Deutsch vor. Mehr wäre wohl auch vom Übersetzer zu viel verlangt. Die wenigen ausgewählten Texte Mùrtolas lassen erkennen, wie dröge der Stoff ist, aus dem er seine Tiraden gezimmert hat. Das kann man wohl in seiner Fülle heute wirklich nicht mehr genießen. Und Marinos Sonette machen Arbeit. Die römische Accademia dell'Arcadia kritisierte zwar die Künstlichkeit seiner Verse - aber in der Künstlichkeit steckt auch die Kunstfertigkeit des Mannes, der seine Sprache und sein Wortwerk im Sinne der Zeit perfekt verstand. Die Verse sind oft hintersinnig, er nähert sich dem Gegner mit Finten und Verbeugungen - und jagt ihm zumeist im letzten Vers dann das literarische Stilett mitten ins Herz.
In der Realität war es Mùrtola, der neben der gewaltigen Pistole auch noch ein Stilett bei sich führte (was seinerzeit auch in Turin verboten war).
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