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Nebenwirkung Tod oder Warum Kassenbeiträge explodieren und Kinder zu Selbstmördern werden

Ralf Julke
Ein Medizinverlag hat lieber dankend abgelehnt: Nein, man werde John Virapens Buch lieber nicht drucken. Es gefährde die so wichtigen Anzeigenaufträge der Pharmaindustrie. Also erschien Virapens Buch jetzt in Leipzig, im Neuen Europa Verlag: "Nebenwirkung Tod. Korruption in der Pharma-Industrie. Ein Ex-Manager packt aus". Es wäre ein nettes Buch, wenn es nur um Korruption ginge.

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Auch wenn Korruption augenscheinlich die Grundlage ist, auf der all das passiert, womit global agierende Pharma-Konzerne ihre Milliarden verdienen. Milliarden, die oft damit begründet werden, dass Forschung immer teurer werde und die Industrie immer bessere Produkte gegen immer mehr Krankheiten zur Verfügung stelle. Argumente, die dem, was der 1943 in Britisch-Guayana geborene John Virapen erzählt, nicht standhalten. Auch wenn seine Karriere als Pharmareferent und schwedischer Geschäftsführer des us-amerikanischen Pharma-Riesen Eli Lilly & Company nur exemplarisch steht für ein gutes Dutzend dieser Konzerne und ihre Methoden. Die - das ahnt man schon - mit dem Wohl der Patienten nicht wirklich viel am Hut haben.

Es geht um Umsätze. Und die sind auf dem Arzneimittelmarkt in den letzten 30 Jahren geradezu explodiert. Nicht nur bei Eli Lilly. Aber Umsatz-Explosionen schafft man nicht, wenn man Kranke gesund macht. Kranke, das stellt Virapen wie beiläufig immer wieder fest - sind eine Minderheit. Seine eigene Karriere ist eng verwoben mit der Einführung der so genannten Blockbuster Anfang der 1980er Jahre, deren Wirkstoffe so genannte SSRIs sind - Wirkstoffe, die die Aufnahme des Botenstoffes Serotonin im Gehirn unterbinden. Ihr Einsatz basiert auf dem ursprünglichen Glauben, es gäbe eine "gute" Serotonin-Balance. Eine Störung des Ungleichgewichts führe zu Depressionen, Hyperaktivität und noch Dutzenden wenn nicht gar Hunderten weiterer Übel. Eine These, die von der Wissenschaft längst wiederlegt ist. Dazu sind die Zusammenhänge im menschlichen Gehirn viel zu komplex.

Zu den SSRIs gehören die Wirkstoffe Atomoxetin und Fluoxetin.

Letzteres steckt zum Beispiel in Prozac (USA) und Fluctin (Deutschland). Ursprünglich war das Medikament vorgesehen zum Einsatz gegen Depressionen.

Auch ein weites Feld, das Virapen nur kurz anreißt. Wer will denn nicht, wenn er mal traurig ist, bedrückt, verängstigt, unter Druck, so schnell wie möglich wieder raus aus dem Stimmungstief? Immerhin mindert es die Leistungsfähigkeit, sorgt für zusätzlichen Stress. Da wäre doch eine kleine Pille gut, die man einfach einwirft, und dann ist man wieder fit, hat neue Kräfte.

Das war der Hauptansatz, mit dem der Wirkstoff seinen weltweiten Siegeszug antrat. Und es wäre auch nicht so schlimm gewesen - hätte das Medikament tatsächlich so gewirkt, hätte es die notwendigen Langzeitstudien gegeben und vor allem - die richtigen Ergebnisse. Doch der Blockbuster hält nicht, was er verspricht. Die Studien, von denen Virapen berichtet, und die allesamt für die nötigen Zulassungen in den verschiedenen Ländern immer wieder geglättet und bereinigt wurden, erzählen eine andere Geschichte. Und nicht ohne Grund scheint unter den Nebenwirkungen des Medikaments etliches aufzutauchen, was den Griff danach für die Meisten eigentlich verbietet: Depressionen und Selbstmord gehören dazu.

Wie Studien so lange manipuliert werden, bis sie tauglich sind für die keineswegs gestrengen Augen der Zulassungsbehörden - Virapen erzählt es. Er erzählt auch, wie man den nötigen Druck aufbaut, um für völlig wirkungslose und nutzlose Medikamente erst einmal einen Bedarf aufzubauen und vor allem - neue "Kundenkreise" zu erschließen. Was im Gesundheitssektor nur heißen kann: Man erfindet und definiert neue Krankheiten, die eigentlich keine sind.

Was wohl auf die meisten der 300 verschiedenen Indikatoren für Depression zutreffen wird. Und auf das, was derzeit auch renommierte Mediziner als ADS, also als Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, nicht nur definieren, sondern warnend mitten in die Bildungsdiskussion werfen. Bei ADHS ist das Syndrom noch um "Hyperaktivität" ergänzt.

Beides "Krankheiten", die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Obwohl es natürlich im ganzen Lauf der Geschichte Kinder gab, die nicht aufpassten, herumzappelten, sich in die Ordnungsmuster der Erwachsenen nicht einfügten.

Doch wohin mit diesen nicht-angepassten Kindern? - Die Pharma-Experten haben dafür einen einfachen Rat. Pille einwerfen. Das Produkt heißt Strattera, ist in Deutschland seit 2005 zugelassen. Der Wirkstoff ist oben erwähnt.

Trotzdem empfehlen es auch Leipziger Ärzte besorgten Eltern, die glauben, ihr Kind habe einen Fehler, wenn es im Unterricht nicht still sitze, herumtobe, tausend Flausen im Kopf habe und sich nicht auf den Lernstoff konzentriere.

Was sind das für Eltern? Hatten sie nie eine Kindheit?

Bestimmt hatten sie das. Doch wer in Deutschland Kinder groß zieht, wird bombardiert mit Warnungen, Ängsten, Alarmzuständen. Selbst Kinder- und Medizinzeitschriften sind voll mit besorgen Interviews, Alarmmeldungen, Katastrophenwarnungen. Nicht vor der Flut der Medikamente, die auf einmal auch bei Kindern und Jugendlichen angewandt werden sollen, wenn sie nicht ins Raster passen. Nein: vor den unaufmerksamen, zappelnden, quirligen Kindern. Wenn Müttern und Vätern dann auch noch von "Göttern in Weiß" eingeredet wird, das sei krankhaft - was dann?

Elternforen sind zeitweise bis zum Rande gefüllt mit ängstlichen Anfragen: Und wenn mein Kind nun ADHS hat! Was soll ich tun! - Meine Ärztin hat mir Strattera empfohlen, wann wirkt es?

Wahrscheinlich wirkt es. Das ist zu befürchten. Wie schreibt John Virapen in seinem Glossar: "Darüber hinaus liegen seit September 2005 Informationen des Herstellers vor, in denen über ein signifikant erhöhtes Risiko der Begünstigung oder Auslösung von aggressivem Verhalten, Suizidalität und Suizidhandlungen unter Atomoxetin im Vergleich mit Placebos bei Kindern, nicht aber bei Erwachsenen informiert wird." So weit die belastbare Aussage. Welche "Nebenwirkungen" ein Hersteller tatsächlich publik macht, auch das schildert Virapen.

Natürlich sind Tote in der Testphase, abgebrochene Studien, reihenweise ausgefallene Probanden keine gute Werbung für ein teuer verkauftes Medikament. Diese Zahlen verschwinden in aller Regel in den Safes. Die Zulassungsbehörden bekommen - auch in Deutschland - nur zu sehen, was möglicherweise für die Zulassung des Medikamentes spricht. Das natürlich patentiert ist und dementsprechend teuer.

Deutschland hat nicht einmal eine eigene staatliche Arzneiforschung, die die Herstellerangaben überprüfen könnte. Es hat auch keine wirklichen Schutzmechanismen, die das verhindert, was Virapen unter dem Stichwort "Marktdurchdringung" schildert - wie Ärzte über Rabatte, Bestechung, Studienreisen usw. regelrecht geködert werden, das angepriesene Medikament in ihrer Praxis zu empfehlen. Wie Gutachten gekauft werden. Und am Ende der Patient die Zeche zahlt. Mit seiner Gesundheit, manchmal mit seinem Leben. Denn da die Folgen der "Nebenwirkungen", die nach Einführung des Medikamentes auftreten, nicht meldepflichtig sind, verschwinden Tote und Geschädigte in der Regel in der Statistik. Nur zuweilen tauchen Patienten als Kläger vor Gericht auf, wo Prozesse oft in teuren Vergleichen enden. Weil die Konzerne lieber "Schmerzensgeld" zahlen, als die Studienergebnisse zu ihren Medikamenten offen legen zu müssen.

Achja: Mit Geld wird ja auch noch bezahlt. Und Arzneimittelkosten sind genau jener Kostenblock, der seit 30 Jahren unaufhörlich steigt und die Krankenkassenbeiträge auch in Deutschland zum Steigen bringt. Immer wieder dahinter das Argument der rasant steigenden Forschungskosten.

"Seit 1990 sind 400 neue Substanzen auf den deutschen Markt gekommen - davon waren sieben echte Innovationen", berichtet der Bremer Pharmakologe Peter Schönhöfer in einem Artikel der "taz" vom 7. Juli 2004, den auch Virapen zitiert. Rund 25 dieser 400 Substanzen, so Schönhofer, hätten leichte Verbesserungen gebracht, aber 370 Arzneien seien "Scheininnovationen" gewesen, "die nur gemacht werden, um die Preise zu erhöhen".

John Virapen, einst bei Eli Lilly ganz hoch aufgestriegen, dann eiskalt abserviert und seitdem meist als freier Vertreter unterwegs, schreibt sein Buch nicht nur als Abrechnung an einem System, das er selbst lange Jahre mitgetragen hat. Ein System übrigens, in dem die Milliarden nicht für Forschung, sonders fürs Marketing ausgegeben werden. Rund 35.000 Euro pro niedergelassenen Arzt geben die Pharmakonzerne jedes Jahr aus, um ihre Medikamente in den Markt zu drücken, hat 2005 eine Studie von K. Schubert und G. Glaeske ergeben, auf die Virapen auch Bezug nimmt. 35.000 Euro, die am Ende natürlich auch der Patient bezahlt - über seine steigenden Kassenbeiträge.

Da ist eine Menge faul - nicht nur in Deutschland. Doch besonders Angst macht John Virapen jetzt, dass auch Kinder immer mehr in den Strudel der Pharma-Branche geraten und die Krankheitsbilder massiv aufgebaut werden, die den Einsatz von Psychopharmaka erst rechtfertigen.

Ihr Kind zappelt, passt nicht auf, träumt im Unterricht? - Schmeißen Sie die Beruhigungspillen in den Müll. Kämpfen Sie für mehr Spielplätze, mehr Sport in den Schulen und kleinere Klassen. Und lesen Sie Virapens Buch. Als eine ehrliche Warnung vor einer Marktentwicklung, die auch für Kinder immer gesundheits- und lebensbedrohlicher wird.

John Virapen "Nebenwirkung Tod", Neuer Europa Verlag, Leipzig 2008, 16,90 Euro


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