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Drei Jahre Galgenfrist: Reclam-Archiv aus DDR-Zeiten darf in Leipzig erforscht werden

Ralf Julke
Reclam-Archiv.
Reclam-Archiv.
Foto: Ralf Julke
Jahreschroniken haben so ihre Eigenheiten. Die Leipziger Jahreschronik für das Jahr 2005 etwa verzeichnet keinen Eintrag für den 31. Dezember. Passiert ist auch wirklich nicht viel. Nur die Leipziger Dependance des Reclam Verlages schloss endgültig. Was übrig blieb, war ein Archiv.

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Nicht das komplette Reclam-Archiv. Das wurde schon 1944 – nach den verheerenden Bombenangriffen auf Leipzig – hauptsächlich nach Passau ausgelagert. Aber 1946 nahm Reclam in Leipzig – mit Lizenz der sowjetischen Militärverwaltung – wieder seine Verlagstätigkeit auf.

Übrigens ein Jahr früher als die Reclam Verlag GmbH, die mit amerikanischer Lizenz in Stuttgart an den Start ging. Was dann bis 1991 zur mehr oder weniger friedlichen Ko-Existenz zweier Reclam Verlage in Ost und West führte. Und bekanntlich gipfelte in den Krisenjahren 1990/1991, in denen Reclam Leipzig am Ende – auf Beschluss der Belegschaft – ins Stuttgarter Haus mit eingegliedert wurde. Was dann noch einmal 14 Jahre bedeutete mit schwindender Belegschaft und immer neuen Experimenten. Die nehmen sich heute aus wie bunte Schmetterlinge im Reigen der doch eher grau-schwarz-weißen Reclam-Bändchen, die von 1946 bis 1990 in Leipzig produziert wurden. Bändchen, denen man oft nicht ansieht, dass nicht nur Welt-Literatur drin steckt, sondern auch so mancher mutige Text. Bei Reclam war auch in DDR-Zeiten so manches möglich, was in anderen Verlagen nicht denkbar war.

Reclam-Archiv: Die Verlagskorrespondenz in dicken Ordnern.
Reclam-Archiv: Die Verlagskorrespondenz in dicken Ordnern.
Foto: Ralf Julke

Das Archiv aus dieser Zeit ist – noch – in Leipzig. „Zwei Jahre haben die Verhandlungen gedauert", schildert Siegfried Locatis seinen Kampf um das Archiv, das nicht nur die produzierten Bände umfasst, sondern auch Fotos, Typoskripte und Verlagskorrespondenz. Ein eigenes, abgeschlossenes Forschungsfeld, das auch Einblicke erlaubt in die Vorgeschichte der kleinen Bände. Am Ende konnte Lokatis, Professor am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Leipzig, den Geschäftsführer des Reclam Verlages, Dr. Frank R. Max, überzeugen, das Archiv des Leipziger Verlages dem Institut zu überlassen. Leihweise für drei Jahre.

„Vielleicht wird's etwas mehr", hofft der 5-2jährige Buchwissenschaftler. Denn drei Jahre sind nicht viel Zeit für eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Zwei Forschungsprojekte zeichnen sich jetzt schon ab. Ingrid Sonntag, mit der zusammen Lokatis im Herbst das Buch "Der heimliche Leser" im Ch. Links Verlag veröffentlichte, will sich die Reclam-Geschichte als Dissertationsthema wählen. Und vorstellbar – so Lokatis – sei auch ein abgeschlossener Band zur Geschichte des DDR-Verlages. Ähnlich dem 2005 erschienenen "Fenster zur Welt. Eine Geschichte des DDR Verlages Volk & Welt".

Siegfried Lokatis: Über 50 Jahre Verlagsgeschichte in Kartons.
Siegfried Lokatis: Über 50 Jahre Verlagsgeschichte in Kartons.
Foto: Ralf Julke

Ausgewählten Gästen aus Forschung und Verlagswesen gab Siegfried Lokatis am Montag einen kleinen Einblick in das Archiv, das jetzt seiner Aufarbeitung harrt. Nicht nur die veröffentlichten Bände stehen da geordnet im Regal, auch die Kartons mit den Typoskripten und die Ordner mit der spannenden Korrespondenz. Eine Fundgrube für Buchwissenschaftler, die wissen wollen, wie in Leipzig fast 50 Jahre lang Bücher gemacht wurden, wie Verlegerpersönlichkeiten ihre Möglichkeiten nutzten und wie ein seit 1950 mit Ach und Krach funktionierendes Treuhand-Konstrukt mit dem Sturz in die "Wende" kollabierte.

Ein Stück Wirtschaftsgeschichte also aus dem 20. Jahrhundert. Lehrreich wie so Vieles. Wenn man denn etwas draus lernen will.

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