Ein Schatz für einen Bücherforscher: Archiv des Buchverlags Der Morgen ist jetzt in Leipzig
Ralf Julke
02.07.2009

Zwei Büchermenschen im Gespräch: Wolfgang Tenzler und Siegfried Lokatis.
Fotos: Ralf Julke
Der Leipziger Buchwissenschaftler Prof. Siegfried Lokatis hat einen Traum: Er will in Leipzig ein Archiv schaffen für die komplette Verlagsgeschichte der DDR. Ein Traum, von dem der seit 2006 in Leipzig Forschende nicht nur redet: Er organisiert auch. Etwa das Verlagsarchiv des Buchverlags Der Morgen.
"Das hatten wir 1996 eigentlich schon als Verlust abgehakt", erzählt der studierte Historiker, Philosoph und Orientalist, der seit 2007 den Lehrstuhl für Buchwissenschaft am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft (KMW) der Uni Leipzig inne hat. In der einstigen "Buchstadt" Leipzig, in der allein die Archivbestände der in den letzten 20 Jahren geschlossenen Verlage ein die Sehnsüchte eines Buchforschers erfüllen würden.
Die hat Lokatis freilich noch nicht. Aber mit Hilfe des Förderverein Gesellschaft der Freunde und Förderer der Leipziger Buchwissenschaft (GFFB) unter Vorsitz von Prof. mult. Klaus G. Saur arbeitet er dran.
Im September 2008 gelang ihm der erste Streich: Für Forschungszwecke konnte er aus Ditzingen das Reclam-Archiv nach Leipzig zurückholen. Genauer gesagt: das Archiv des Leipziger Reclam Verlages, der 1947 am Standort des alten Reclam Verlages in Leipzig weitermachte und als Dependance des heute in Ditzingen heimischen Verlages bis 2006 weiter machen durfte.
Ein ganz eigenes Kapitel "DDR-Literatur", das weit über die Versorgung der Ostdeutschen mit preiswerten Klassikerausgaben hinaus geht. Stoff für viele Magister- und Doktorarbeiten. Auch Reste das Brockhaus-Archivs hat Lokatis sichern können. Auch hier war es ja – wie man weiß – bis 2008 eine Dependance des Mannheimer Mutterhauses, die weitermachen durfte, bis man die wertvolle Marke an Bertelsmann weiterverkaufte.

22 Jahre lang Leiter des Buchverlags Der Morgen: Wolfgang Tenzler.
Foto: Ralf Julke
Mit dem Verlagsarchiv von "Der Morgen" kommt nur scheinbar ein kleiner DDR-Nischenverlag hinzu. "Mit wenigen Leuten haben wir doch eine erstaunliche Menge Titel gemacht", schwärmt heute noch Dr. Wolfgang Tenzler, von 1968 bis zum Verkauf 1990 Verlagsleiter von Der Morgen. Der Verlag selbst wurde offiziell 1958 gegründet unter Regie der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands (LDPD), die zuvor ihre Bücher unterm Label der liberalen Tageszeitung "Der Morgen" veröffentlichte. Auch das ein spannendes Kapitel deutsch-deutscher Verlagsgeschichte, denn wie so viele Zeitungen des Ostens wurde auch "Der Morgen" 1990 verkauft – an den Springer-Verlag, der die Zeitung schon ein Jahr später einstellte. Nicht nur, weil die rührige Mannschaft des "Morgen" der Springer-Marke "Die Welt" tüchtig Konkurrenz zu machen begann – das Blatt war dem eher konservativen Haus denn doch zu liberal.
Der BuchVerlag gleichen Namens erlebte nicht ganz so schnell ein Fiasko, wurde von der Verlagsgemeinschaft Volker Spiess übernommen, die mit Haude & Spener schon ein echtes Berliner Traditionshaus im Portfolio hatte. Aus Der Morgen wurde Morgenbuch. Und so steht der einstige LDPD-Verlag noch heute auf der Website der Spiess-Gruppe – nur mittlerweile völlig ohne Verlinkung. Es gibt nicht mehr zu verlinken. Bis 1995 konnte der Verlag noch weiterproduzieren. Dann verschwand er aus den Sortimenten der Buchhandlungen.
Das Archiv ging – zum Glück – trotzdem nicht verloren. Mit Hilfe der Leipziger Kommissons- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG) und der Offizin Andersen Nexö, beides über Jahrzehnte Leipziger Partner des in Berlin heimischen Verlages, halfen, das wertvolle Archiv nach Leipzig zu transportieren. Und verhalfen Siegfried Lokatis zu jenen Glücksmomenten, von denen Buchhistoriker träumen: Die Originalmaterialen in Händen halten zu dürfen, die von über 30 Jahren turbulenter Verlagsgeschichte erzählen.
Und die über 800 Titel, die Der Morgen produzierte, haben es in sich. Hier hatte Stefan Heym seine Heimat, nachdem Wolfgang Tenzler seinen Titel "Kreuzfahrer von heute" (1950 erstmals auf deutsch im Leipziger List-Verlag erschienen) in den Verlag holte. Maxie Wander war im "Morgen" zu Hause, genauso wie der Berliner Feuilletonist Heinz Knobloch. "Mich wundert, dass der überhaupt so viel veröffentlichen durfte", sagt Tenzler, der zur Ankunft des Morgen-Archivs in Leipzig für die Studenten der Buchwissenschaft eine kleine Extra-Vorlesung bot. Sozusagen unter dem Motto: Verleger kommen zu Wort. Immerhin gibt es so viele nicht mehr, die so aus dem Nähkästchen plaudern können über das Büchermachen in der DDR, wo es ja beileibe niemals Zensur gab, aber natürlich ein strenges Genehmigungsverfahren, das erst im Januar 1989 offiziell aufgehoben wurde.

Tenzler und Lokatis auf Spurensuche: Spannende Entdeckungen im Archiv des Verlags.
Foto: Ralf Julke
Ohne Druckgenehmigung keine Veröffentlichung. Das erlebte auch Der Morgen. Exemplarischster Fall: Das Verbot des Reportage-Bandes "Werder-Buch", in dem die bis dahin gefeierte Nachwuchsautorin Gabriele Eckart sich nicht scheute, sehr kritisch ihre Erlebnisse in der ostdeutschen Obst-Hochburg Werder zu beschreiben. Ein Vorabdruck in "Sinn und Form" sorgte 1984 für den entsprechenden Skandal. Das Buch erschien unter dem Titel "So sehe ick die Sache" in Westdeutschland. 1987 reiste der einst gefeierte Jungstar aus und lebt heute in den USA.
Trotzdem, so Tenzler, waren solche Fälle auch im Buchverlag Der Morgen eher die Ausnahme. Unter anderem auch, weil man gelernt hatte, mit den Sonderbarkeiten der Herrschenden umzugehen. Da wurde denn auch schon einmal eine marxstisch-leninistische Analyse der Bibel geschrieben, als es darum ging, Heyms "König David Bericht" für die DDR verlegen zu dürfen.
"Ich hab das Buch damals als Stduent im Westen gelesen", erinnert sich Lokatis. "Und für mich war es eine einzige Kritik der Institution Kirche. Da stimmte jedes Detail." Dass es für ostdeutsche Leser eine geniale Persiflage der SED-Hierarchie war, macht das Buch bis heute zu einem der gelungensten Geniestreiche Stefan Heyms.
Aber auch Gerhard Wolf und Gunther de Bruyn gehören zu den Autoren, die über ihre Veröffentlichungen bei Der Morgen die Selbstwahrnehmung der DDR kräftig veränderten. Sie sorgten für eine Wieder-Entdeckung der Romantiker in der Rezeption der DDR, an der sich auch Christa Wolf mit ihrem Günderode-Buch beteiligte – erschienen natürlich bei Der Morgen.
Siegfried Lokatis ist jedenfalls glücklich. Nicht nur (fast) alle Bücher des Verlages kamen jetzt in seine Obhut, auch Briefwechsel, Gutachten, Druckvorlagen und Hunderte Fotos, die die eigenwillige Verlagsgeschichte dokumentieren. "Stoff für viele, viele Magisterarbeiten", schwärmt er. Sagt aber auch im Angesicht der Schätze: "Ich muss einfach sagen, Herr Tenzler, ich habe Ihren Verlag unterschätzt."
Maxie Wanders "Guten Morgen, du Schöne" wurde mit mehreren Hunderttausend verkauften Exemplaren nicht nur im Osten ein Bestseller. ("Eigentlich ein Unding für so einen kleinen Verlag", sagt Tenzler. "Bei dem knappen Papierkontingent, das uns zugeteilt wurde."). Es verkaufte sich auch westwärts gut: Auch dort öffneten die offenen Worte der von Maxie Wander interviewten Frauen eine Tür, die zuvor fest verrammelt schien.
Die ersten Studenten haben sich für Einzelprojekte zum Buchverlag Der Morgen schon gemeldet. Wenn Lokatis so weiter macht, werden ihm bald die nötigen Studenten fehlen. Denn die nächsten interessanten Verlagsarchive hat er schon an der Angel, will aber noch nicht verraten, welche es sind.
www.uni-leipzig.de/~buchwiss/index-frame.htm
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