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Höchste Zeit für eine Konferenz in Leipzig: 1989 und die globalen Folgen

Ralf Julke
Erinnerungssäule auf dem Nikolaikirchhof: 1989 war auch weltoffen.
Erinnerungssäule auf dem Nikolaikirchhof: 1989 war auch weltoffen.
Foto: Ralf Julke
Am Mittwoch, 14. Oktober, beginnt im Zeitgeschichtlichen Forum eine Konferenz, die nicht ohne Grund gleich nach dem 9. Oktober platziert wurde: "1989 in einer globalen Perspektive" ist ihr Titel. Der Ausrichter: das Global and European Studies Institute.

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Das wurde zwar erst im Mai gegründet, knüpft aber an Globalisierungs-Forschungen des Zentrums für Höhere Studien der Uni Leipzig an. Man kooperiert international – und beherrscht nur noch eine Sprache. Englisch. Als gäbe es irgendwo eine Anweisung der UNO, internationale Forschungsprojekte nur noch auf Englisch zu betreiben. Guido Westerwelle hätte mit der Einrichtung so seine Schwierigkeiten. Denn in so einer scheinbaren Nebensächlichkeit liegt – global betrachtet – auch eine alte Schieflage. Gegen die das Institut auch anforschen will – die anglo-amerikanische Dominanz in der Interpretation globaler Vorgänge.

Denn die Welt verändert sich. Das Jahr 1989 ist der Brennpunkt, in dem sich die Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte alle fokussieren. Und die anglo-amerikanischen Länder waren dabei weder Schauplatz noch Motor. Sie waren Zuschauer - und sind heute in die Bewegung hineingerissen, die die Ereignisse um das Jahr 1989 ausgelöst haben.

Damit beschäftigt sich die Konferenz vom 14. bis 16. Oktober, zu der sich Referenten aus Europa und "Übersee" angesagt haben. Was auch schon wieder geschwindelt ist. Denn "Übersee" heißt eben nicht zuallererst USA, sondern Südamerika und Afrika.


Denn was im Herbst 1989 in Leipzig passierte, war Teil einer globalen Ereigniskette, die vor allem ausgelöst wurde durch das von Michail Gorbatschow eingeleitete Ende des "Kalten Krieges". Nicht nur den so genannten "Bruderstaaten" des Ostblocks kündigte er die sowjetische Schutz- und Trutzmacht auf. Er nahm dem 40 Jahre lang weltweit geltenden Lagerdenken die Grundlage. Reihenweise verloren Staaten in aller Welt ihre so genannte "Schutzmacht" – und gewannen die Freiheit, ihre eigene Entwicklung künftig in eigener Regie zu forcieren.

Das traf auf ehemalige GUS-Staaten genauso zu wie auf junge Nationalstaaten in Asien und Afrika und erst recht auf die Länder Südamerikas. Südafrika nutzte die historische Chance, sich vom Apartheid-Regime zu verabschieden. "Binnen weniger Jahre erfolgten in über 35 Staaten Afrikas südlich der Sahara mehr oder minder erfolgreiche Demokratisierungen", stellt eine Pressemitteilung der Uni Leipzig fest. Und selbst der Blick nach Südamerika ist nicht zufällig, wo Chile den Anfang machte, sich von den Manschetten der Pinochet-Diktatur zu befreien und andere Länder folgten in einem friedlichen Übergang von der (usa-hörigen) Diktatur hin zu eigenen, selbstbestimmten Wegen der Demokratisierung. Ein Vorgang, der bis heute hysterische Anfeindungen erfährt vor allem in den Medien der USA, die ihren Weg der Einmischung seit 1973 immer wieder als "Liberalisierung" verkauft und angepriesen haben. Neu gewählte Staatsoberhäupter, die die alten Knebelverträge aufkündigten, wurden zum extremistischen Diktator hoch- oder niedergeschrieben.

Man sieht: Da ist gar nichts beendet. Da wurde nur ein weltumspannender Prozess ausgelöst, den auch ein Mann wie Gorbatschow so gewiss nicht voraussehen konnte. Auch wenn kluge Analysten wie Rudolf Bahro schon in den 1970er Jahren beschrieben, was passiert, wenn die Kriegsmacht UdSSR in die Knie geht oder einfach ökonomisch kollabiert. Oder eben friedlich die Hegemonie aufkündigt – wie unter Gorbatschow.

Tagungsort Zeitgeschichtliches Forum.
Tagungsort Zeitgeschichtliches Forum.
Foto: Ralf Julke

Was dann nicht nur die Prozesse der Neu-Orientierung schon vor 1989 auslöste, sondern auch Bürgerbewegungen in zahlreichen Staaten – aber auch Regierungen wie etwa in Ungarn – dazu animierte, nach neuen Lösungen zu suchen und die Grundrechte einer demokratischen Gesellschaft einzufordern oder einzulösen.

Was nicht unbedingt gelingen musste, wie das Beispiel der regierenden Solidarnosc in Polen zeigte. Denn der alte Gegenpol, die auf Machtsphären und ökonomischen Einfluss beharrenden USA waren ja noch da. Und sorgten im Grunde weiterhin dafür, dass anfangs friedliche Übergänge eben doch wieder blutig wurden – wie in einigen Staaten Südostasiens. Oder dass weiter das alte Machtspiel mit kriegerischen Mitteln versucht wurde – wie im Irak.

Mit Folgen eben auch für die USA und nun mittlerweile für die Weltwirtschaft. Nicht nur das Wirtschaftsgefüge hat sich verändert mit dem "boom" der (ex-)kommunistischen Nation China, auch die Machtgefüge haben sich verändert – hin nicht zu einer bi- oder tri-polaren Welt, sondern zu einer multipolaren. Was die üblich (Außen-)Politik der meisten Nationalstaaten völlig überfordert. Dafür fehlen die Handlungsanweisungen.

Und vor allem: Immer mehr Länder spielen nicht mehr nach den alten Regeln und Ritualen. Was eben viel mit dem Jahr 1989 zu tun hat und der damals schon wirksamen globalen Vernetzung der Medien. Was in Leipzig und Berlin passierte ging genauso als Nachricht (und Vorbild) um den Erdball wie das, was in den baltischen Ländern, in Ungarn und der Tschechoslowakei geschah. Friedlich zumeist. Eben weil den alten Machthabern der Rückhalt der einstigen Besatzungsmacht fehlte. Auf einmal gehörten Straßen und Plätze einem friedlich demonstrierenden Volk.

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Die Konferenz untersucht die Ereignisse, die zum "Einschnitt des Jahres 1989" führten, sie untersucht die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Schauplätzen der Veränderung weltweit und sie versucht die verschiedenen "Konzeptualisierungen" zu vergleichen, die dem Jahr 1989 nachträglich verpasst wurden. "Spannend finde ich, das überhaupt noch niemand auf die Idee gekommen ist, so eine Konferenz zu veranstalten", sagt Prof. Dr. Matthias Middell, der Direktor des Instituts, in dem man nur noch englisch schreibt. Vielleicht liegt's daran, dass die "globale Dimension" der Ereignisse von 1989 "erst so langsam in den Blick" rückt, wie er sagt.

Vielleicht liegt's aber auch daran, dass diese global miteinander vernetzten Veränderungen ein altes Denken stören, mit dem schon Walter Markov zu tun hatte, für den die Universität am 5. Oktober auch eine eigene Konferenz veranstaltet hat. Der hatte nämlich schon in den 1960ern eine "vergleichende Revolutionsforschung" in der DDR angeregt, ein Projekt, das Walter Ulbricht doch lieber nicht umgesetzt sehen wollte. Ihm war die "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" wichtiger.

Man ahnt schon: Das Thema liegt seit über 50 Jahren auf der Hand. Auch wenn sich die Art der Revolutionen und ihre globale Einordnung scheinbar geändert haben. Nur hat 1989 sehr deutlich gezeigt, welche Auswirkungen scheinbar regionale Transformationen wie eben in Ost-Deutschland und in Ost-Europa auf die ganze Welt haben. So ein fast mikroskopischer Vorgang wie am 9. Oktober in Leipzig hat erstaunliche Auswirkungen in Staaten rund um den Globus gehabt. Die Welt ist viel dichter vernetzt, als es so mancher Klein-König gern wahrhaben möchte. Und augenscheinlich ist die um 1989 ausgelöste Transformation der Welt noch gar nicht beendet.

Sie ist nur mit erstaunlicher Verspätung auch am "Gegenpol" der alten Weltgeschiche angekommen – aber das mit großer Wucht. Ein bisschen Recht hatte Francis Fukuyama 1992 eben schon, als er das Ende der (alten National-)Geschichte verkündete. Nur: Das Erkennen ist das eine. Das Ändern der alten Strategien ist scheinbar etwas völlig anderes – und dauert manchmal Generationen.

www.uni-leipzig.de/gesi


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