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Neue Karten aus Leipzig: Weniger Suizide in Deutschland und das Staunen über Sachsen-Anhalt

Ralf Julke
Neue Karten im Nationalatlas.
Neue Karten im Nationalatlas.
12,4 Sterbefälle pro 100.000 Einwohner. Damit führt Sachsen das innerdeutsche "Ranking" in Sachen Selbstmordrate an. Aber das ist nicht die Hauptbotschaft der neuen Themenseite des Nationalatlas. Die eigentliche Botschaft ist: Es gibt immer weniger Suizide in Deutschland.

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Die Zahl der Suizide ist in den letzten drei Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Die Regionen mit den höchsten Suizidraten liegen in Sachsen und Bayern, teilt das Leibniz-Institut für Länderkunde mit, das die neuen Karten erstellt hat.

Aber mit was für Werten: Mit 12,4 und 11,6 Sterbefällen auf 100.000 Einwohner waren beide Freistaaten zehn Jahre zuvor am anderen Ende der Wertung gelandet: als Bundesländer mit erstaunlich niedrigen Selbstmordraten. Doch auch damals war Sachsen in der Spitzengruppe mit den höchsten Raten - zusammen mit Thüringen und Sachsen-Anhalt. Doch die zehn Jahre haben das Bild drastisch verändert. Und über Sachsen-Anhalt wundern sich die Wissenschaftler geradezu.

Zoom auf Sachsen mit den Schwerpunktkreisen Döbeln, Vogtlandkreis und Freiberg.
Zoom auf Sachsen mit den Schwerpunktkreisen Döbeln, Vogtlandkreis und Freiberg.
Screenshot: L-IZ
Dabei ist der Trend schon länger sichtbar: Die Zahl der Suizide hat sich in Deutschland seit 1980 mehr als halbiert, mit 9.400 lag sie im Jahr 2007 aber immer noch deutlich über der Zahl der Verkehrstoten (5170). Ein anderer Effekt ist in der Langzeitstatistik zu sehen: Die Zahl der Suizide stieg in Deutschland von 1946 bis in die 1970er Jahre kontinuierlich an, erst ab Ende der 1970 begann sie in beiden Teilen Deutschlands gleichermaßen zu sinken.

Ein erstaunlicher Effekt - denn das setzt hinter das (westdeutsche) Wirtschaftswunder zumindest ein Fragezeichen: War die Zeit doch nicht so toll, wie immer besungen?

Auch regionale Unterschiede macht die jetzt unter http://aktuell.nationalatlas.de verfügbare Deutschlandkarte des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) sichtbar. Danach ist (noch) eine Abnahme der Suizidhäufigkeit von Ost nach West zu beobachten - mit eben der erstaunlichen Ausnahme Sachsen-Anhalt, das heute die niedrigste Sterblichkeit durch Selbsttötung aufweist.

„Die Wahrscheinlichkeit eines Suizids hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab, zum Beispiel von Geschlecht, Alter, sozialen Kontakten, Depressionen und Suchtkrankheiten“, sagt Prof. Dr. Jürgen Schweikart von der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Er und seine Kollegin Nicole Ueberschär sind die Autoren des Beitrags zur Suizidhäufigkeit, die das IfL auf der Internetseite „Nationalatlas aktuell“ veröffentlicht hat.

Besonders auffällig ist die gegenüber Frauen drei Mal höhere Mortalitätsrate bei Männern. Ein deutlicher Zusammenhang besteht außerdem zwischen Familienstand und Suizidwahrscheinlichkeit: Geschiedene nehmen sich häufiger das Leben als Verheiratete, die die niedrigsten Suizid- und Suizidversuchsraten aufweisen. Auch sei ein signifikanter Zusammenhang mit bestehender Arbeitslosigkeit festgestellt worden, so Nicole Ueberschär.

Rückgang der Suizid-Rate seit 1997: Augenfällig der starke Rückgang bei den Männern in Sachsen-Anhalt (blau, ganz rechts).
Rückgang der Suizid-Rate seit 1997: Augenfällig der starke Rückgang bei den Männern in Sachsen-Anhalt (blau, ganz rechts).
Screenshot: L-IZ, Tabelle: IfL
Insgesamt sehen die Experten, die sich unter anderem mit aktuellen Fragen der Medizinischen Geographie beschäftigen, aber noch weiteren Forschungsbedarf, um die räumlichen und zeitlichen Muster der Suizidhäufigkeit besser erklären zu können. Mögliche Ansatzpunkte für konkrete Untersuchungen seien zum Beispiel landes- und altersspezifische Ab- und Zuwanderungen in den vergangenen zehn Jahren.

Und da wird's nämlich spannend. Denn der deutliche Rückgang der Suizidrate in Sachsen-Anhalt von 16,5 Sterbefälle auf 100.000 Einwohner im Jahr 1997 auf 5,1 im Jahr 2007 hat ein Pendant im Westen der Republik: In Nordrhein-Westfalen sank die Rate von 10.1 auf 6,8 - und das, obwohl auch dieses Land seitdem in einer heftigen Strukturkrise steckt.

Andererseits gibt es nicht nur in Sachsen, sondern auch in anderen Bundesländern regionale Inseln, die mit einer überdurchschnittlichen Suizidrate herausragen. Mit 20,9 Suiziden pro 100.000 Einwohner liegt die kreisfreie Stadt Weiden in der Oberpfalz an der Spitze dieser Regionen, gefolgt vom sächsischen Landkreis Döbeln (20,2), dem niederbayerischen Landkreis Regen (18,6), der kreisfreien Stadt Kempten im Allgäu (17,6), sowie dem sächsischen Landkreis Freiberg (16,9). Seit 2008 gehören die Kreise Döbeln und Freiberg zum neu gebildeten Landkreis Mittelsachsen.

Auffällig finden die Wissenschaftler dann das räumliche Muster, das durch ein Ost-West-Gefälle gekennzeichnet ist, mit geringer Suizidsterblichkeit in Sachsen-Anhalt, die insbesondere im Vergleich zu den Nachbarländern Sachsen und Thüringen auffällt. Ein Effekt, der schon deshalb verblüfft, weil Sachsen-Anhalt ja nicht wirklich einen anderen Weg in der wirtschaftlichen Entwicklung genommen hat als Thüringen oder Sachsen. Und auch die Abwanderungsrate ist nicht signifikant anders.

Vergleich 1997 und 2007: In ganz Deutschland ist die Suizid-Rate rückläufig.
Vergleich 1997 und 2007: In ganz Deutschland ist die Suizid-Rate rückläufig.
Screenshot: L-IZ, Grafik: IfL
Selbst im Leipzig benachbarten Raum Halle liegt die Suizidrate nicht einmal halb so hoch wie in Leipzig. 2007 zum Beispiel lag die Suizidrate in Leipzig bei 14,9 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die Rate sinkt auch in Leipzig seit Jahren leicht. Von einer Halbierung aber kann keine Rede sein.

Im zeitlichen Vergleich 1997 und 2007 ist die Verlagerung der höheren Sterberaten in den Südosten Deutschlands besonders auffällig – bei insgesamt deutlich niedrigeren Quoten (Karte 2). Die Gegenüberstellung der beiden Karten verdeutlicht, dass Sachsen-Anhalt 1997 mit einer Quote von 16,5 noch zu den Ländern mit den höchsten Mortalitätsraten zählte und 2007 mit 5,1 die niedrigste aufweist – auch geschlechtsspezifisch sowohl bei den Männern mit einer SMR von 8,2 als auch bei den Frauen mit einer Quote von 2,1 (Graphik 4). Erklärungsansätze dieser Entwicklung bieten möglicherweise die landes- und altersspezifischen Ab- und Zuwanderungen der vergangenen Dekade.

Während in Europa nicht nur ein Ost-West-, sondern auch ein Nord-Süd Gefälle bei den Suizid-Mortalitätsraten vorliegt (Bronisch 2002), hat sich in Deutschland ein Ost-West-Gefälle herausgebildet, stellen die Forscher fest. Was natürlich nur den Fakt beschreibt, dass Deutschland durchaus in das europaweite Raster passt.

Das Ost-West-Gefälle ist - so die Forscher - bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Basis höherer Raten für den Osten Deutschlands nachweisbar. Doch wie gesagt: Da ist auf einmal die Ausnahme Sachsen-Anhalt, das traditionell eine sehr hohe Suizid-Sterblichkeit aufwies und heute das Land mit der diesbezüglich niedrigsten Sterblichkeit ist. Das gibt zu denken. Wissenschaftlich belastbare Erklärungsversuche liegen dazu bisher nicht vor.

Zur Studie: http://aktuell.nationalatlas.de


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