Das Reclam-Projekt: Ein Stück Leipziger Verlagsgeschichte wird jetzt erforscht
Ralf Julke
18.03.2010
Im Reclam-Archiv.
Reclam - das ist ein Stück alter Leipziger Verlagsgeschichte. Einer der großen alten Namen, die immer wieder genannt werden, wenn der Schwanengesang auf die Buchstadt angestimmt wird. Es ist auch ein Stück deutsch-deutscher Geschichte. Das wird jetzt erforscht.
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Am Mittwoch, 17. März, luden Prof. Dr. Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag vom Institut für Buchwissenschaft der Uni Leipzig ein zum Lokaltermin im Reclam Archiv. Das bekamen die Leipziger Buchforscher 2008 für drei Jahre vom heute in Stuttgart ansässigen Reclam Verlag zu Studienzwecken überlassen. Es ist nicht das komplette Archiv des Verlages, der mit Leipzig von 1828 bis 2005 aufs Engste verbunden war.
Es ist nur das Archiv jenes Verlagsteil, der nach 1945 in Leipzig weiterbestand - ab 1947 in direkter Konkurrenz zum in Stuttgart mit amerikanischer Lizenz wiederbelebten Verlagshaus, das ab 1950, nachdem Ernst Reclam von Leipzig nach Stuttgart ging, das eigentliche Reclam-Haus war. Es ist nicht die einzige alte Leipziger Verlagsgeschichte, die nach 1945 diese Spaltung erlebte, die in der Regel darin bestand, dass die alten Verlegerfamilien in den Westen gingen, weil ihnen die Bevormundung und unausgesetzte staatliche Einmischung im Osten nicht hinehmbar waren. In Leipzig wurden die alten Verlagsnamen dann oft von durchaus kreativen Persönlichkeiten fortgeführt und auch mit immer neuen Ideen belebt.
Sie erforschen jetzt das Leipziger Reclam-Archiv.
Foto: Ralf Julke
Bei Reclam Leipzig steht dafür bislang der 1953 zum Cheflektor berufene Hans Marquardt, der 1961 auch zum Verleger ernannt wurde und den Verlag bis 1987 leitete. Er ist 2004 gestorben. Sein Nachlass liegt in der Akademie der Künste in Berlin und entpuppt sich als zweite große Fundgrube zur DDR-Geschichte des Reclam Verlages.
Seit November 2009 wird ganz offiziell geforscht. Das Sächsische Wissenschaftsministerium hat die Gelder bereitgestellt, die die Arbeit eines Wissenschaftlers und von zwei studentischen Hilfskräften im Archiv ermöglichen. Das ist nicht viel. Die alten Manuskripte, der Schriftverkehr, all die Unterlagen, die die komplizierte Arbeit des Verlages mit Autoren, Lizenzgebern, Papier-Verantwortlichen und den staatlichen Zensoren widerspiegeln, sind jetzt bis zu 60 Jahre alt, das Papier ist billig und brüchig. Soll der Fundus gesichert werden, muss er jetzt komplett digitalisiert werden.
Auch die die ehemaligen Reclam-Mitarbeiter waren eingeladen zur Präsentation des Reclam-Projekts.
Foto: Ralf Julke
Parallel dazu sind die ersten Forschungsprojekte angelaufen, die ahnen lassen, was hier noch alles an Leipziger Verlagsgeschichte zu Tage treten wird. Nicht nur über die turbulenten Jahre zwischen 1945 und 1953, über die Carmen Laux derzeit ihre Magisterarbeit schreibt. Arbeitstitel: "Diskontinuität". Denn da war der ernstgemeinte Neuanfang, den Ernst Reclam tatsächlich in Leipzig wagen wollte, da waren die sowjetische Drucklizenz von 1945 und die Verlagslizenz von 1946. Da war aber auch die Demontage der meisten Druckmaschinen 1946, die als Reparation in die Sowjetunion verschickt wurden. Da war die Wahl Reclams zum Vorsteher des Börsenvereins - und seine Absetzung.
Während die US-Amerikaner in ihrer kurzen Besetzung 1945 alles getan hatten, um die namhaften Verlage und Verleger zur Umsiedelung in den Südwesten Deutschlands zu überreden, taten die neuen Machthaber im Osten alles, um das Unternehmertum auszubremsen, von dem die Buchstadt Leipzig stets gelebt hat.
Das Erstaunliche ist - nicht nur beim Leipziger Reclam Verlag -, dass hier trotzdem Leute zum Zuge kamen, die mit Geist und kritischem Verstand jene Buchtitel produzierten, die im reglementierten Land wie Wasser in der Wüste waren. Wichtiger noch als Hans Marquardt scheint dabei der einstige Bloch-Assistent Jürgen Teller gewesen zu sein, der an der Uni Leipzig ins Kreuzfeuer der Ideologen geraten war und im Reclam Verlag eine Zuflucht und ein neues Wirkungsfeld fand. Mit diesem Thema beschäftigt sich derzeit Ingrid Sonntag. Sie nimmt insbesondere die Neuausrichtung von Reclams Universalbibliothek um 1965 unter die Lupe, als auch erstmals so wichtige Autoren wie Karl Kraus und Walter Benjamin im Verlagsprogramm auftauchten. Mit entsprechendem Ärger auch mit westdeutschen Lizenzgebern.
Die Reclam-Forscher: Anke Schüler, Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag, Lena Heinze, Karolin Krämer und Carmen Laux (vlnr.).
Foto: Ralf Julke
Während Anke Schüler sich in ihrer Bachelor-Arbeit mit den schwierigen Beziehungen von Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart in den Jahren nach 1945 beschäftigt. "Verfeindete Brüder" ist ihr Arbeits-Titel.
Die Forschung im Reclam-Archiv ist zumindest ein Anfang, der wohl deutlich zeigen wird, dass die alte, so gern beschworene Buchstadt tatsächlich schon 1945 in die Binsen ging. Die Phase danach ist eine spannende Zeit, in der eine ganze Reihe neuer Verleger-Typen versuchten, innerhalb doktrinärer Rahmensetzungen das zu produzieren, wonach die tatsächlich gut ausgebildeten DDR-Bürger verlangten: geistiger Nahrung.
Was fehlt, ist natürlich das Lieblings-Projekt von Siegfried Lokatis: ein Verlags-Museum in Leipzig. Damit beschäftigt sich derzeit Lena Heinze, die in ihrer Magisterarbeit eine Potenzialanalyse für ein solches Museum in Leipzig versucht. Wobei schon jetzt deutlich wird, dass es zu einem Sammelort für Leipziger Verlagsarchive werden sollte. "Es kann nicht sein, dass das einfach immer nach Marburg gegeben wird", sagt Lokatis, der neben dem Reclam-Archiv mittlerweile auch Teile des Brockhaus-Archives und das Verlagsarchiv des Berliner Verlages "Der Morgen" behüten darf.
Denn die immer neue Beschwörung der Buchstadt nutzt nicht viel, wenn man über die zuweilen komplexen und komplizierten Rahmenbedingungen fürs Büchermachen nichts weiß. Und die meisten Feuilletonisten, die das Thema heutzutage bejammern und beweihräuchern, wissen nichts darüber.
Büchermachen ist ein Spagat und der Verleger ist immer auch ein schizophrener Mensch: Er muss genauso ein Förderer des Kreativen sein wie ein pfenniggenau rechnender Unternehmer. Das war so, als Anton Philipp Reclam 1858 seine zwölfbändige Shakespeare-Ausgabe herausbrachte, und das ist heute noch immer so. Und Jammern hilft gar nichts. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Die Leser sind noch immer da und wachsen - auch mit Internet - Jahr um Jahr nach. Die Reclam-Bändchen aus Stuttgart werden genauso eifrig gekauft und gelesenen wie die Reclam-Titel aus Leipzig in der DDR-Zeit.
Die kann man jetzt wissenschaftlich erforschen. Und das übrigens auch nur, weil ein Aufschrei im Herbst 2009 dabei half, die Leipziger Buchwissenschaft in ihrem Personalbestand zu retten.
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