Tagung in Leipzig diskutiert: Kann man Zukunft mit Dynamischen Systemen simulieren?
Ralf Julke
17.06.2010
Komplexe Simulationen ...
Foto: Ralf Julke
Erschrocken sehen sie aus, überfordert und völlig desorientiert: die entscheidenden Politiker, wenn sie auf einmal mit einer menschgemachten Katastrophe konfrontiert werden. Jüngst erst wieder bei der griechischen Fast-Staatspleite oder der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Dabei waren diese Ereignisse errechenbar.
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Das Erschreckende ist immer wieder: Die Menschheit verfügt längst über die notwendige Rechenkapazität, um komplexe Systeme und Zusammenhänge zu simulieren - abstrakt oder konkret. Das ist im Grunde egal. Denn mittlerweile ist allen Entscheidern mehr oder weniger bewusst, dass die moderne Welt ein Netzwerk aus komplexen Systemen ist, in denen nicht mehr nur zwei "Geschäftspartner" bestimmen, wie die Spielregeln sind.
Das, was in Kreisen der Sozial- und Politikwissenschaft in jenem winzigen Zeitfenster zwischen 1990 und 1992 sogar begonnen wurde ernsthaft zu diskutieren, bis - ja bis der Narr unter den internationalen Politikwissenschaftlern, Francis Fukuyama 1992 sein folgenreiches Buch vom "Ende der Geschichte" und seine noch folgenreichere These vom anbrechenden Zeitalter der liberalen (oder sollte man besser sagen: liberalistischen?) Demokratie. Mit ihrer erschreckend nah an der Wirtschaftstheorie des Neoliberalismus platzierten Anti-These von Staat und Bürger, in der der Bürger zum Gegenspieler des Staates erklärt wird. Und der Staat folgerichtig zu einem anmaßenden Usurpator. Eine These, die nur funktioniert, wenn der totalitäre Staat à la NS-Regime zum Gegenmodell des "extremen Liberalismus" gemacht wird. Was so eben nicht der Fall ist. Gerade totalitäre Regime beweisen heute, wie einfach es ist, einen völlig entfesselten Markt mit einer rücksichtslosen Diktatur zu verbinden.
Nicht einmal die Geschichte der Totalitarismen ist zu Ende gegangen. Fukuyamas These leidet an ihrer fehlenden Komplexität. Doch sie hat genug falsche Weichenstellungen ausgelöst.
Tagung in Leipzig beschäftigt sich mit System-Dynamics-Modellen.
Foto: Ralf Julke
Und so stehen Politiker, Wissenschaftler, Manager auch fast 20 Jahre danach immer wieder vor komplexen Systemen, die auf einmal in sich zusammenklappen. Nicht unerwartet. Aber erwartbar. Die Zeichen, wann es anfängt zu kriseln, sind auch in komplexen Systemen sichtbar. Und jeder Ingenieurwissenschaftler kann im Grunde simple Programme erstellen, die zumindest mit großer Streubreite simulieren lassen, wohin sich bestimmte Prozesse entwickeln werden.
Ein sehr komplexes Beispiel sind die diversen Modelle zur Vorausberechnung des Klimawandels. Auch sie kommen nicht ohne Streubreite und Interpretationsspielräume aus. Aber sie lassen ziemlich belastbar erkennen, welche Faktoren zur Aufschaukelung des Systems führen und wo die Menschheit überhaupt Möglichkeiten hat, gegenzusteuern.
Das Dumme ist nur: Die Verantwortlichen haben selten gelernt, mit solchen Simulationen zu arbeiten oder gar in derart komplexen Zusammenhängen zu agieren. Sie handeln nicht, wenn es noch Zeit dazu ist. Und sie handeln nicht konsequent genug. Sie agieren oft genug mit dem Horizont eines Dorfbürgermeisters. Das ist menschlich.
Aber komplexe Simulationen würden auch deutlich machen, was passiert, wenn immer mehr Systeme de-reguliert werden, Barrieren und Schranken abgebaut werden - die Ereignisse werden so komplex, dass sich die "Macher" von einst in hilflose Zauberlehrlinge verwandeln. Bleibt ihnen da nur das hilflose Hoffen?
Das ist eine Frage.
Komplexe Entwicklungen lassen sich mit System-Dynamics-Modellen simulieren.
Foto: Ralf Julke
Jedenfalls geht es am 24. und 25. Juni auf einer Tagung in Leipzig genau um diese Möglichkeiten, die moderne Rechentechnik längst bietet: die Simulation der Folgen von Ereignissen in komplexen Systemen in so genannten System-Dynamics-Modellen, die heute zeigen können, wie eine Situation morgen aussehen kann.
Die Deutsche Gesellschaft für System Dynamics (DGSD) lädt gemeinsam mit der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Leipzig zur 4. Jahrestagung am 24. und 25. Juni ins Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (Ufz) ein. Wissenschaftler und Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft tauschen Erfahrungen aus und diskutieren, in welchen Bereichen Simulationen künftig angewendet werden können und sollten.
„In den Ingenieurwissenschaften sind Simulationen etabliert, beispielsweise wenn es um die Folgen von Erdbeben oder Tsunamis geht“, erläutert Lars Weber, Dozent für Volkswirtschaftslehre und Geschäftsleiter der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Leipzig. „Nun geht es darum, diese Szenarien auf die Gesellschafts- und Sozialwissenschaften zu übertragen. Die Finanzkrise hat auch die Volkswirtschaftslehre in eine Krise gestürzt, weil alte Modelle die Geschehnisse nicht mehr vernünftig erklären oder abbilden konnten. Jetzt heißt es, Simulationen als einen neuen Erklärungsansatz für die Zukunft zu etablieren.“
Modelle, die Entwicklungen in einem komplexen Umfeld abbilden, eignen sich nicht nur in der Umwelt- und Klimaproblematik. Auch mittelständische Unternehmen können Simulationen strategisch nutzen und so etwa die Personalbestandsplanung effektiver gestalten.
„Viel zu wenig Unternehmen nutzen Simulationen heute als Planungstools“, so Weber. „Dabei hat schon der Club of Rome zu Beginn der 70er Jahre dieses Tool genutzt, um die Grenzen des Wachstums zu beschreiben. Heute macht sich nicht einmal eine Bank die Mühe, per Simulation den Kundenstamm von morgen zu berechnen, bei dem nicht zuletzt der demografische Wandel eine große Rolle spielt.“
Welche Vorteile solche Szenarien haben, veranschaulicht Weber in einem Vergleich: „Wenn ein Unternehmer mit Hilfe einer Simulation Entscheidungen für die Zukunft trifft ist das, als würde er mit Fernlicht durch die Dunkelheit fahren. Verzichtet er auf die Erkenntnisse, die durch Simulationen zu gewinnen sind, fährt er nur mit Standlicht. Er sieht einfach nicht so gut, was auf ihn zukommt.“
Als Dozent geht es Weber darum, die ganzheitliche Sicht der Studierenden an der FOM in Leipzig zu fördern. „Wir lehren einen Mix aus alten und neuen Modellen, um das kritische Denken von Studierenden und Absolventen zu unterstützen. Berufstätige und Auszubildende, die abends und am Wochenende an der FOM studieren, lernen anwendungsorientiert, da sie die Praxis bereits kennen. Dadurch hinterfragen sie Dinge im Hörsaal weitaus mehr als Studierende, die direkt aus der Schule kommen.“
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