20 Jahre deutsche Einheit: Geburtenraten, Familiengründung und vertagter Kinderwunsch
Ralf Julke
24.09.2010
Dr. Yve Stöbel-Richter.
Foto: Ralf Julke
Es war einmal ein Land. Das löste sich 1990 mit einem kaum hörbaren Plopp in Wohlgefallen auf. Übrig blieben 17 Millionen Bewohner, von denen ein paar die Köpfe einzogen und die meisten daran gingen, das neue Leben anzupacken, um binnen eines Jahres die Erfahrung zu machen: Eigentlich waren sie überflüssig.
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Waren sie nie wirklich. Aber wer das Genuschel diverser deutscher Politiker im Jahr 2010 hört, der bekommt so eine Ahnung, wohin Sturheit, Eitelkeit und Besserwisserei in der Gestaltung von Gesellschaften führen. Es ist ein bisschen wie beim Blinde-Kuh-Spiel: Man tappelt mit verbundenen Augen ins Leere. Und wenn die Mitspieler gemein sind, rennt man gegen eine Wand.
Die Wand hatte 1990, 1991 einen Namen: De-Industrialisierung. Eine zur Eile genötigte Treuhandgesellschaft stellte all das, was ihr zu treuen Händen gegeben war, zum schnellstmöglichen Verkauf. Die üblichen Karikaturen der Zeit brauchten gar nicht zuzuspitzen. Der Werbespruch genügte: "Alles muss raus."
Das Ergebnis war etwas, was ein Politiker mit Weitblick zumindest zu verhindern versucht: Binnen eines Jahres eine Halbierung der Geburtenzahl. Bis 1995 erreichte die Geburtenziffer im Osten einen wirklich historischen Tiefpunkt. So tief war sie in der überschaubaren deutschen Geschichte noch nie. Die Gründe sind simpel: Hunderttausende junger Männer und Frauen nutzten die Chance, in den Westen der Republik zu ziehen. Und die meisten, die sich mit einem Kinderwunsch trugen, hielten sich klugerweise zurück - in der Hoffnung, die großmäuligen Versprechungen der Politiker zu den "blühenden Landschaften" würden in naher Zukunft in Erfüllung gehen. Aus den Brachen würden neue Industrien und neue Beschäftigungen wachsen. Und wer immer arbeiten wolle, bekäme auch eine ordentliche Arbeit.
Dr. Yve Stöbel-Richter und Elmar Brähler.
Foto: Ralf Julke
"Die Frage war für uns auch, ob der aufgeschobene Kinderwunsch dann vielleicht später noch nachgeholt würde, ob der Geburtenknick sozusagen verspätet ausgeglichen werden würde", sagt Prof. Dr. Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Leipzig. Er ist einer der Autoren der Leipziger Studie "Epidemologische Aspekte der Familiengründung - was hat sich verändert in den letzten 20 Jahren", die am Montag, 20. September, im Zusammenhang mit dem Buch "20 Jahre deutsche Einheit - Facetten einer geteilten Wirklichkeit" in Leipzig vorgestellt wurde.
Die grundlegende Grafik ist bekannt: Ab 1995 stiegen die Geburtenziffern im Osten wieder und näherten sich bis 2005 der westdeutschen Geburtenziffer an. Übrigens kein neuer Effekt: Auch vor der deutschen Wieder-Vereinigung verliefen die Kurven immer wieder parallel, nachdem sie kurzzeitig auseinander gedriftet waren: 1960 trafen sich beide deutsche Staaten in der steil ansteigenden Kurve der "Babyboomer". Ende der 1960er Jahren stiegen beide gemeinsam in den Absturz der Geburtenzahlen ein, der durch die "Pille" ausgelöst wurde.
Im Osten führte das auch zu panischen Ängsten in der Regierung, die DDR könne einfach so aussterben, die daraufhin Anfang der 1970er Jahre ihre Familienpolitik mit zahlreichen Anreizen für junge Eltern forcierte. Während im Westen die Geburtenziffer auf den heutigen Wert von 1,4 Kinder je Frau weiter abfiel, gelang der SED-Regierung etwas, was Sozialwissenschaftler noch nicht so richtig einzuordnen wissen: Die Geburtenziffer stieg um 1980 fast wieder auf 2,0 Kinder je Frau, sackte aber im Lauf der 1980er Jahre wieder ab.
Dr. Yve Stöbel-Richter.
Foto: Ralf Julke
"Wir wissen nicht wirklich, ob das nun einfach ein Vorzieheffekt war oder langfristig tatsächlich höhere Geburtenraten mit sich gebracht hätte", sagt Dr. Yve Stöbel-Richter, stellvertretende Leiterin der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Leipzig. Denn 1989 war das Experiment bekanntlich beendet. Die Frauen vertagten ihren Kinderwunsch auf bessere Zeiten. Und das Erstgebärendenalter stieg von in der DDR üblichen 21, 22 Jahren auf 27 Jahre, und dann auf die im Westen schon normalen 29 Jahre. Und viele Frauen, die in der entscheidenden Phase ihres Lebens auf Kinder verzichteten, verzichteten am Ende ganz.
Wie genau solche "Familien-Karrieren" verliefen, ist gut ablesbar an einer Sächsischen Längsschnittstudie, die schon 1987 mit Schülern aus 41 Schulen der damaligen Bezirke Leipzig und Karl-Marx-Stadt begann. 1.281 Schüler der 8. Klassen machten damals mit. 587 erklärten sich 1989 bereit, weiter an der Studie teilzunehmen. 364 waren noch dabei, als Yve Stöbel-Richter und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter noch einmal nachfragten.
Das Buch: 20 Jahre deutsche Einheit - Facetten einer geteilten Wirklichkeit.
Foto: Ralf Julke
Erste Bilanz: Nur 72 Prozent haben sich ihren Kinderwunsch erfüllt. Rund 10 Prozent haben auf ihren Kinderwunsch komplett verzichtet. Für die Meisten war die Gründung einer Familie trotzdem ein "sehr bedeutsames" Lebensziel. Der Wert ist in den Aussagen der Befragten über die Jahre sogar leicht gestiegen. Und das ist von Belang: Der Studienzeitraum umfasst genau die Jahre, in denen sich Menschen ihren Familienwunsch erfüllen.
Und während die befragten Männer 1996, im Alter von etwa 23 Jahren, den höchsten Wert an gewünschten Kindern angaben (1,75 im Durchschnitt), stieg dieser Wert in den Aussagen der Frauen ab 2002 erst so richtig an - von 1,6 auf 1,8 im Jahr 2006. Unübersehbar, wie hier die späte Erfüllung des Kinderwunsch sofort in Kollision gerät mit der "biologischen Uhr": Danach fällt die Kurve wieder steil ab. Das lange Vertagen des Kinderwunsches führt eben nicht dazu, dass jetzt alles "nachgeholt" wird.
Dass diese Erscheinung eng mit der Sicherheit des Lebensunterhaltes zusammenhängt, belegen die jeweiligen Aussagen von Frauen, die ohne Arbeitslosigkeit über die Runde kamen, und solcher, die einmal oder mehrfach von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Während sich von den Frauen, die nicht arbeitslos waren, 61 Prozent den Wunsch nach einer Familiengründung erfüllten, waren es bei von Arbeitslosigkeit Betroffenen nur 52 Prozent. Und auch die Zahl der Kinder, die die Frauen bekamen, differiert - und zwar auf eine sehr enthüllende Weise.
Nicht nur bekamen Frauen, die nie arbeitslos waren, im Durchschnitt mehr Kinder - je häufiger Frauen arbeitslos waren, umso seltener erfüllten sie sich auch ihren Kinderwunsch. "Zumindest für diese Studie gilt eben nicht, dass Familien von Arbeitslosen mehr Kinder bekommen", sagt Yve Stöbel-Richter.
Und unübersehbar die Botschaft in den Aussagen der befragten jungen Sachsen: prekäre Lebensverhältnisse beeinflussen massiv die Familiengründung. Der Kinderwunsch wird immer wieder auf "sicherere" Zeiten aufgeschoben - und wenn die nicht kommen, eben meist unerfüllt gelassen. Was natürlich auch bedeutet, dass wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die junge Menschen in unsichere Lebenssituationen bringen, ideal dazu geeignet sind, ein ganzes Land in ein demographisches Problem zu stürzen.
So gesehen war der deutsche Osten eben ab 1990 auch ein großes Experimentierfeld. In den letzten Jahren haben sich die Geburtenraten West und Ost genau da wieder angenähert, wo sie in den alten Bundesländern schon seit 1975 lagen - bei etwa 1,4 Kindern pro Frau. Viel zu wenig, um auch nur die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Weder im Osten noch im Westen. Wobei der Westen von den jungen Familiengründern aus dem Osten noch profitiert: Jede und jeder Vierte, die oder der an der Sächsischen Längsschnittstudie teilnahm, lebt heute im Westen.
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