Freiwillige Schulklassen werden Teilnehmer in Deutschlands größter Kinder-und Jugendstudie LIFE-Child
Matthias Weidemann
26.08.2011
Prof. Dr. Wieland Kiess, Leiter LIFE Child
Foto: Matthias Weidemann
LIFE, das ist Deutschlands größtes Forschungsprojekt zur Erforschung von Zivilisationserkrankungen und deren Ursachen. Aber die Studie der Uni Leipzig ist noch mehr. Sie hat einen ganzheitlichen Anspruch, indem sie davon ausgeht, dass alles mit allem zusammenhängt. Deshalb wird das Forscherteam mit Beginn des Schuljahres im Rahmen des LIFE-Child-Projekts ganze Schulklassen zu umfangreichen Untersuchungen einladen.
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Der Raum in der Philipp-Rosenthalstraße 27, wo das LIFE-Forschungszentrum untergebracht ist, war für die anwesende Presseschar viel zu klein. Prof. Dr. Wieland Kiess, wissenschaftlicher Leiter der Studienprojekte LIFE-Child und LIFE-Child-Obesity (übergewichtige Kinder d. Red.) war freudig überrascht über das rege Medieninteresse an dem Forschungsvorhaben: „Das zeigt aber auch, dass wir mit der Auswahl unserer Themen offenbar am Puls der Zeit sind und erkannt haben, welche Probleme der Gesellschaft auf den Nägeln brennen.“
Ganze Schulklassen zu erforschen stellt eine besondere Herausforderung dar, wie der Andreas Hiemisch zu berichten weiß. Der Psychologe ist Leiter der LIFE-Child Studienambulanz: „Unser Team erhofft sich dadurch ein Reihe von Informationen zu bisher noch unbekannten Mechanismen bei der Entstehung von Zivilisationskrankheiten, die im Zusammenhang mit der sozialen Interaktion stehen. Die Ursache für körperliche oder psychische Auseinandersetzungen (sogenanntes Bullying) entsteht meist aus den sozialen Strukturen heraus, die sich innerhalb einer Schulklasse herausbilden.
Prof. Dr. Wieland Kiess war freudig überrascht über das rege Medieninteresse.
Foto: Matthias Weidemann
Psychische Gewalt, das Mobbing, Hänseleien und körperliche Auseinandersetzungen gelten als wichtige Faktoren bei der Entstehung zum Beispiel von krankhaftem Übergewicht, Depressionen oder psychischen Störungen. Umgekehrt wirken gefestigte soziale Positionen eines Schülers im Klassenverband beschützend und stützend bei der psychischen und körperlichen Entwicklung eines Kindes.“
Ein weiteres Forschungsthema in diesem Zusammenhang stellt für das LIFE-Team die Zunahme der Nutzung von virtuellen Welten zulasten der realen Beziehungen dar. Kinder und Jugendliche leben in dieser Virtualität andere Persönlichkeiten, meist im Sinne von Ideal-Figuren und verlassen zunehmend die „normale“ Sozialisation, sprich, den Boden der Realität. Auch die Beziehung zu Sexualität, so die Forscher, werde unter diesen Bedingungen anders wahrgenommen und ausgelebt. Im Klassenverband wird dies oft durch Ausgrenzung und sonderliches Verhalten sichtbar. Zu welchen Auswüchsen solche Entwicklungen führen können zeigen so furchtbare Beispiele wie Erfurt oder Winnenden.
Prof. Dr. Wieland Kiess: „Ziel unserer Schulklassenforschung wird neben den medizinischen Parametern die Abbildung sozialer Gefüge innerhalb einer Klasse sein, aber auch die Interaktion nach außen sowie die Rolle von Werten und Idealen, beziehungsweise Idolen.“ Dafür sollen ab September die Schüler verschiedener Leipziger Schulen eingeladen werden. Andreas Hiemisch: „So können Sie zum Beispiel im Rahmen eines Projekttages den Untersuchungsparcours absolvieren. Gleichzeitig erleben die Schüler vor Ort, wie Hightech-Forschung funktioniert und können ihre Fragen stellen.“
Andreas Hiemisch und Wieland Kiess stellen ihr Forschungsvorhaben vor.
Foto: Matthias Weidemann
Das LIFE-Child-Projekt der Universität Leipzig ist ein Teilprojekt des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen – LIFE und in der Tat sehr ehrgeizig. Die Forscher möchten herausfinden, wie Umwelt, soziales Umfeld und Lebensgewohnheiten die Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen beeinflussen, beziehungsweise beeinträchtigen. Ihr Hauptaugenmerk richten die Forscher auf Volkskrankheiten wie Allergien, Adipositas (krankhaftes Übergewicht), Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen sowie Störungen der psychischen und körperlichen Entwicklung. Dabei sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren rund 10.000 gesunde Kinder und Jugendliche von 0 bis 18 Jahren sowie etwa 5.000 bereits von Übergewicht und 1.200 von psychischen Störungen betroffene Mädchen und Jungen im Alter sowie deren Eltern umfassend medizinisch untersucht werden.
Die Forscher wollen so den modernen Volkskrankheiten auf den Grund gehen, deren Ursachen oft schon im Kindes- und Jugendalter liegen. Vor allem wollen sie ergründen, warum manche Kinder trotz bestehender Risikofaktoren in ihren Erbanlagen oder in ihrem Lebensbereich gesund bleiben, während andere ohne erkennbare Ursache erkranken. Und hier kommt die Sozialisation ins Spiel. Denn das besondere Interesse der Forscher gilt den persönlichen Entwicklungen der Individuen, weil bisher, entgegen der landläufigen Meinung, über das genaue Zusammenspiel von Erbanlagen, Stoffwechsel, Umweltbedingungen und individuellem Lebensstil noch zu wenig bekannt ist.
Probanden der LIFE Studie.
Foto: Matthias Weidemann
Die gleiche Unkenntnis, herrscht laut Wieland Kiess übrigens auch auf dem Gebiet der körperlichen Fitness von Kindern und Jugendlichen vor: „Das klingt im ersten Moment erstmal fast unglaublich, aber es gibt kaum harte Fakten dazu. Auch diesen Bereich können wir im Rahmen von LIFE-Child abdecken.“ Deshalb sollen alle Teilnehmer des einzigartigen LIFE-Child-Programms über einen Zeitraum von zehn Jahren begleitet werden. Wieland Kiess: „Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Natürlich werden wir nicht alle Probanden über die ganze Zeit hinweg begleiten können. Hauptursache ist ein Wegzug im Laufe der Jahre. Aber wir gehen von einer Quote von 60 Prozent derer aus, die an dem Projekt über die ganze lange Zeit dran bleiben.“
Andreas Hiemisch: „Nach der ersten Untersuchung werden sie einmal jährlich zu Folgeuntersuchungen eingeladen. Und weil so manche Weiche schon kurz vor oder nach der Geburt gestellt wird, beziehen wir in unser Projekt auch 2.000 schwangere Frauen ein.“ Übrigens haben sich bei den ersten Untersuchungen Zufallsbefunde ergeben.
Andreas Hiemisch: „Das reichte vom Tumorverdacht, über Asthmadiagnosen bis hin zum Leukämieverdacht. Über alle auffälligen Untersuchungsergebnisse werden die Eltern informiert und darauf hingewiesen, den behandelnden Kinderarzt zur weiterem Abklärung oder Behandlung aufzusuchen. Die Kinderärzte sind von unserer Forschungsarbeit übrigens sehr angetan und kooperieren ausgezeichnet mit uns.“
Angetan von dem Projekt ist auch Prof. Dr. Thomas Fabian, Beigeordneter für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule. Er erhofft sich von der LIFE-Studie wichtige Erkenntnisse, die er in sein Dezernat einfließen lassen will, um sie im Sinne der Jugendlichen in praktische Hilfe umzusetzen: „Die enge Kooperation zwischen LIFE und der Stadt ist großartig und ich beglückwünsche die Universität zu diesem einmaligen und sehr wichtigen Projekt. Ein strategisch erfolgreiche Sozialplanung braucht empirische Daten, wie sie diese Studie liefern wird, dringend. Durch die Fülle an sozioökonomischen Daten können wir zielgerichtet helfen. Was mich persönlich sehr bewegt, sind die Zusammenhänge zwischen sozialräumlichen Bedingungen und dem Gesundheitszustand von Kindern beziehungsweise Jugendlichen. Es ist schon erstaunlich, wie eng zum Beispiel Bildungserfolg und sozioökonomische Rahmenbedingungen zusammenhängen.“
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