Kennen wir uns? Forscher entdecken im Hirn direkte Verbindung zwischen Stimm- und Gesichtserkennung
Matthias Weidemann
11.09.2011
Die aktivierten Areale im Gehirn.
Quelle: MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften
Irgendwie haben wir es ja schon immer gewusst. Es gibt da einen Winkel in unserem Gehirn, der uns hilft, andere Menschen an der Stimme und am Gesicht wiederzuerkennen. Forscher am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben das Ganze nun quasi amtlich gemacht.
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Sie wiesen nach, dass zwischen den Gehirnarealen, die für das Erkennen von Stimmen und Gesichtern zuständig sind, eine direkte strukturelle Verbindung aus Nervenfaserbahnen besteht. Der Informationsaustausch, der so vermutlich zwischen den Arealen stattfindet, könnte uns im Alltag dabei helfen, vertraute Personen schnell und unter widrigen Bedingungen zu identifizieren. Darüber, was im Hirn passiert, wenn wir eine bekannte Person wiedererkennen, gibt es verschiedene Theorien. Lange ging man davon aus, dass Stimm- und Gesichtserkennung zunächst getrennt voneinander ablaufen und erst später auf einer höheren Verarbeitungsebene zusammengeführt werden.
Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass Stimm- und Gesichtserkennung viel direkter miteinander zusammenhängen. Katharina von Kriegstein, Leiterin der Max-Planck-Forschungsgruppe "Neuronale Mechanismen zwischenmenschlicher Kommunikation", konnte zeigen, dass schon beim bloßen Hören einer bekannten Stimme Gebiete des Gehirns aktiv werden, die eigentlich für die Identifikation von Gesichtern zuständig sind. Diese Aktivierungen gingen mit besseren Ergebnissen beim Erkennen der Stimmen einher.
Verbindung zwischen Stimm- und Gesichtserkennung im Gehirn.
Quelle: MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften
„Wir gehen inzwischen davon aus, dass Areale im Gehirn, die in Stimm- und Gesichtserkennung involviert sind, direkt miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen“, sagt Helen Blank. In einer aktuellen Studie gelang es der Mitarbeiterin in von Kriegsteins Forschungsgruppe nun, auch auf anatomischer Ebene eine Verbindung zwischen Stimm- und Gesichtserkennungsarealen nachzuweisen.
Dafür nutzte sie die sogenannte „diffusionsgewichtete Magnetresonanztomografie“. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, mit dem sich, wenn es mit der mathematischen Modellierungstechnik kombiniert wird, der Verlauf von Nervenfaserverbindungen im Hirn rekonstruieren lassen. Traktografie (Als Traktografie werden Verfahren bezeichnet, die den Verlauf größerer Nervenfaserbündel rekonstruieren, d. Red.).
Verbindung zwischen Stimm- und Gesichtserkennung im Gehirn.
Quelle: MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften
Die für Stimm- und Gesichtsidentifikation zuständigen Areale hatte Blank zuvor bei ihren Probanden lokalisiert, indem sie die Reaktionen des Gehirns auf verschiedene Stimmen und Gesichter mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie gemessen hatte.
Zwischen den Arealen für Stimmerkennung und dem Gesichtserkennungsareal entdeckte Blank eine direkte Verbindungen aus Nervenfaserbahnen. „Besonders interessant ist, dass das Gesichtserkennungsareal stärker mit den Arealen für Stimmerkennung verbunden zu sein scheint, die Stimmen identifizieren können. Und das, obwohl diese weiter entfernt liegen als Areale, die akustische Information von Stimmen auf einer eher allgemeineren Ebene verarbeiten“, sagt die Forscherin.
Im Alltag könnte diese direkte Verbindung in unserem Gehirn genutzt werden, um das Gesicht unseres Gesprächspartners zu simulieren, wenn wir zum Beispiel am Telefon mit einer bekannten Person sprechen. Noch ist allerdings offen, welche Informationen es genau sind, die zwischen den Hirnarealen ausgetauscht werden. Diese Frage soll in einer kommenden Studie geklärt werden, die Blank derzeit vorbereitet.
Originalpublikation: Blank H, Anwander A, von Kriegstein K: Direct structural connections between voice- and face-recognition areas. The Journal of Neuroscience, 31(36): 12906-12915.
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