Neuzugang für Leipziger Forschung: International anerkannte Medizinerin befasst sich mit Essstörungen
Matthias Weidemann
24.09.2011
Prof. Anja Hilbert.
Foto: IFB
Fresssucht galt vor gar nicht allzu langer Zeit als ein gesellschaftliches Tabuthema, wurde tot geschwiegen, gar ignoriert. In Zeiten zunehmender medizinischer Aufklärung, hat sich das mittlerweile geändert. Dies verdanken wir Wissenschaftlern wie Prof. Anja Hilbert, die seit dem 1. September den Lehrstuhl für Verhaltensmedizin und Ernährungspsychologie am IFB (Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositas Erkrankungen) inne hat.
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Es ist inzwischen erwiesen, dass Verschiedene psychosoziale Belastungen dazu beitragen können, dass Essprobleme wie unkontrolliertes Überessen und schließlich sogar eine Adipositas entstehen. Essanfälle, wie z.B. die sogenannte Binge-Eating-Störung, und ihre Behandlung sind Forschungsschwerpunkte der 44-jährigen Medizinerin.
„Besonders die Kooperation mit anderen Disziplinen wie Innerer Medizin, Chirurgie oder den Neurowissenschaften reizen mich am IFB. Dieser interdisziplinäre Ansatz bereichert die Forschung. Bisher arbeitete ich stärker mit Fachleuten aus Psychotherapie und Psychiatrie zusammen“, erklärt Prof. Hilbert.
Von der Universität Fribourg (Schweiz), der Philipps-Universität Marburg und ihrer Arbeit im Ausland bringt Hilbert umfangreiche Erfahrung aus Forschung, Lehre und Therapie mit. Die gebürtige Cellerin arbeitete von 2003-2004 im Weight Management Center der Washington University in St. Louis (USA) und leitete von 2005 bis 2009 eine Marburger Nachwuchsforschergruppe zum Thema Adipositas. Als assoziierte Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie leitete sie von Anfang 2010 bis August 2011 die Akademie für Verhaltenstherapie im Kindes- und Jugendalter und das Beratungs- und Therapiezentrum des Instituts für Familienforschung und -beratung in Fribourg.
Ihre neue Aufgabe beschreibt Hilbert so: „In der Krankheitsgeschichte von Menschen mit Essanfällen zeigen sich gehäuft psychosoziale Risikofaktoren wie zum Beispiel Vernachlässigung, Überforderung, Missbrauch oder ein gestörtes Essverhalten in der Familie wie regelmäßiges Überessen. In Leipzig möchten wir herausfinden, ob die sogenannte kognitiv-behaviorale Therapie erwachsenen und jugendlichen Patienten mit der Binge-Eating-Störung helfen kann, ihr Essverhalten und ihre Gefühle besser zu regulieren und somit ihr Körpergewicht zu normalisieren.“
Prof. Anja Hilbert.
Foto: IFB / Montage: L-IZ
Prof. Michael Stumvoll, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums unterstreicht: „Eine so erfahrene Therapeutin und international bekannte Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Essstörungen wie Frau Professor Hilbert gewonnen zu haben, ist ein echter Coup für das IFB.“
Er erläutert weiter, dass „psychische Störungen in der Entstehung krankhaften Übergewichts eine überaus große Rolle spielen. Mit dieser nunmehr vierten IFB-Professur ist es uns gelungen, die verhaltensmedizinischen Projekte stärker zu verankern. Außerdem ist Frau Professor Hilbert in der IFB-AdipositasAmbulanz als verantwortliche Psychologin direkt in die Patientenbehandlung eingebunden.“
Das IFB unterhält mehrere Forschungsprojekte im psychologisch-psychiatrischen Bereich an der Universitätsmedizin Leipzig, zwischen denen sich zukünftig verstärkt Möglichkeiten der Zusammenarbeit anbieten. Hilbert studierte Psychologie an den Universitäten Freiburg i. Br., Marburg und Nancy (Frankreich), sie promovierte und habilitierte an der Philipps-Universität Marburg.
Zahlreiche deutsche und englische Fachpublikationen zeichnen Hilbert als Expertin für Ess- und Gewichtsstörungen aus. Studien zu psychosozialen Essproblemen lassen nur Schätzungen zu. Klar ist: Jeder fünfte Jugendliche ist gefährdet. Und: Magersucht und Bulimie gehören zu den häufigsten chronischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter.
Prof. Anja Hilbert.
Foto: IFB
Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts zeigte: Bei etwa einem Fünftel aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland liegt ein Verdacht auf eine Essstörung vor. Bei den jüngsten Befragten ist der Anteil von auffälligen Jungen und Mädchen etwa gleich hoch. Mit zunehmendem Alter nimmt jedoch der Anteil der auffälligen Mädchen zu, der der Jungen ab. Bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren gibt es Hinweise auf eine Essstörung, bei den Jungen sind 13,5 Prozent auffällig.
Bundesweite repräsentative Daten zur Häufigkeit von Anorexie, Bulimie und Binge-Eating-Störung gibt es bisher nicht. Stichprobenuntersuchungen lassen vorsichtige Schätzungen zu. Doch geht man von hohen Dunkelziffern aus, denn die Betroffenen suchen aus Scham häufig keine Beratung oder Therapie auf. Magersucht (Anorexia nervosa): International geht man von einer Prävalenz (Krankheitshäufigkeit, d. Red.) von 0,5 bis 1 Prozent aus. Eine deutsche Untersuchung von 1998 stellt eine Häufigkeit von 0,3 % bei Frauen von 14 bis 24 Jahren fest.
In der Altersgruppe von 14 bis 18 Jahren kommt Magersucht am häufigsten vor, und wesentlich mehr Mädchen als Jungen sind davon betroffen. Die Anorexia nervosa zählt bei Mädchen und jungen Frauen zu den häufigsten Todesursachen.
Bulimie: International sind schätzungsweise 2 bis 4 Prozent an dieser Essstörung erkrankt. Im Rahmen von Untersuchungen an Stichproben in Deutschland wurden Häufigkeiten von 0,7 bis 1,3 % ermittelt. Auch diese Essstörung wird bei Männern seltener als bei Frauen festgestellt.
Binge-Eating-Störung: Schätzungen gehen von 1 bis 3 Prozent Betroffener aus. Eine große amerikanische Untersuchung stellte fest, dass 1,6 % der Frauen und 0,8 % der Männer über 18 Jahre im Laufe eines Jahres an dieser Essstörung erkrankt sind. Das IFB Adipositas-Erkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist eine gemeinsame Einrichtung der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig (AöR).
Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung adipöser Patienten integriert werden können. Am IFB Adipositas Erkrankungen gibt es derzeit über 40 Forschungsprojekte. Das IFB wird das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.
Quellen: Wissenschaftliches Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V.: Suchtmedizinische Reihe. Band 3 Essstörungen, Hamm 2004, Herpertz S. de Zwaan M.Zipfel S (Hrsg.): Handbuch Essstörungen und Adipositas. Heidelberg 2008, S. 40 www.dgess.de und Herpertz S. et al. (s. o.) Herpertz, S., Munsch, S.: Die Binge-Eating-Störung im Kindes- und Erwachsenenalter. Adipositas 3/2008.
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