Streit um ein "Klimaseminar" an der Uni Leipzig: Alles nur heiße Luft oder doch wieder nur eine böse Verschwörung?
Matthias Weidemann / Ralf Julke
14.09.2011
Die Wolkenfront vom 11. September rollt über Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Universitäten zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie sich die Freiheit der Lehre, Forschung und Meinung auf die Fahnen geschrieben haben. Aber was ist da am letzten Wochenende eigentlich an der Leipziger Fakultät für Physik und Geowissenschaften geschehen?
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Ein Vorgeplänkel um ein Klimaseminar gab es am letzten Wochenende, an dem der Dekan der Leipziger Fakultät, Professor Jürgen Haase, zumindest versucht hatte, selbiges durch die Uni-Leitung untersagen zu lassen. In besagtem Seminar standen so genannte Klimaskeptiker auf der Referentenliste, die beim Streit um den viel zitierten Treibhauseffekt jeglichen menschlichen Einfluss bestreiten und das auch noch zu belegen versuchen.
Um es vorweg zu nehmen, das Seminar fand mit allen angekündigten, umstrittenen Referenten statt. Ein fader Nachgeschmack bleibt aber allemal. Aber der Reihe nach.
Anlässlich der Emeritierung von Uni-Professor Werner Kirstein sollte das Klimaseminar in der Leipziger Uni stattfinden. Kirstein selber sowie das in Berlin beheimatete Europäische Institut für Klima und Energie (Eike) hatten unter dem Seminar-Motto „Klimawandel in der nichtöffentlichen Wahrnehmung“ eingeladen. Von Seiten der „Eike“ moniert man nun, dass Haase - dem Vernehmen nach - seine ablehnende Haltung mit der Dissertation des Seminarteilnehmers und Eike-Vizepräsidenten Michael Limburg begründete, der als Schluss-Redner nun also doch auftrat.
Besagte Dissertation hatte Limburg im März an der Fakultät eingereicht. Zwei Gutachter hätten die Dissertation als ungenügend abgelehnt, unter anderem deswegen sei Limburg, so der Kanzler in einem weiteren Schreiben, als Redner unerwünscht. Dass dieselbe Dissertation von vier weiteren renommierten Hochschullehrern zur Annahme empfohlen worden war, ließ Haase, wie man hört, unerwähnt. Limburg hatte dieser Ablehnung auch sofort verwaltungsrechtlich relevant widersprochen.
Dazu muss man wissen, dass Limburg unter der fachlichen Betreuung des Leipziger Forschers Prof. Dr. Werner Kirstein eine Dissertation verfasst hatte, die die Qualität der historischen globalen Temperatur- und Meeresspiegeldaten überprüft. Darin kam er zu dem Ergebnis, dass die Qualität der betreffenden Messungen bei weitem nicht ausreicht, um nach den anerkannten Regeln der Wissenschaft und Messtechnik Änderungen der beiden Größen in globalem Maßstab über die letzten 120 bis 150 Jahre innerhalb weniger Zehntel Grad Celsius beziehungsweise im Bereich von Millimetern zu bestimmen. Das unvermeidbare Unsicherheitsband sei deutlich größer als die gesamte vom IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change - Weltklimarat) angegebene Änderung der globalen Mittel-Temperatur beziehungsweise des globalen mittleren Meeresspiegels.
Jede Zuordnung von möglichen Ursachen dieser Änderungen seien damit wissenschaftlich fragwürdig, so Limburg.
Doch gerade das Europäische Institut für Klima und Energie e. V. (Eike) ist in dieser Debatte Partei. Und das auch nicht ganz unabhängig. Es bezeichnet sich selbst als einen „Zusammenschluss einer wachsenden Zahl von Natur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftlern, Ingenieuren, Publizisten und Politikern, die die Behauptung eines 'menschengemachten Klimawandels' als naturwissenschaftlich nicht begründbar und daher als Schwindel gegenüber der Bevölkerung ansehen. Eike lehnt folglich jegliche 'Klimapolitik' als einen Vorwand ab, Wirtschaft und Bevölkerung zu bevormunden und das Volk durch Abgaben zu belasten."
Am 31. März 2010 schrieb die "Süddeutsche" über den Verein: "Über Eike hat die weit verzweigte und eng vernetzte US-Szene der Klimaskeptiker in Deutschland Fuß gefasst. Denn Eike-Präsident Thuss ist zugleich Gründer von CFACT Europe, dem Ableger des amerikanischen 'Committee for a constructive tomorrow', das 2008 mit fast 600.000 Dollar zu den größten Spendenempfängern des Ölkonzerns ExxonMobil gehörte. Eike selbst erhält Lüdecke zufolge kein Geld von Konzernen. Nachprüfen lässt sich das nicht, denn in Deutschland müssen sogenannte Think-Tanks ihre Geldgeber nicht offenlegen.(...)"
So erscheint der Versuch der Leipziger Fakultät, einen Redner zu verhindern, der durchaus in der wissenschaftlichen Kritik steht, in etwas anderem Licht.
Eike-Pressesprecher Prof. Dr. Ing. Horst-Joachim Lüdecke meinte auf Anfrage der L-IZ: „Das war eine Riesendummheit von Seiten der Leipziger Fakultät. Es ist mir ein Rätsel, wie ein Ordinarius so etwas verbreiten kann. Und zu der Ablehnung der Dissertation von Herrn Limburg möchte ich mich aus naheliegenden Gründen nicht äußern. Nur so viel: das hat auch politische Gründe.“
Wetterkapriolen: Die Wolkenfront vom 11. September rollt über Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Nun hat das Seminar mit allen angekündigten Rednern doch stattgefunden.
Wird es die wissenschaftliche Diskussion verändern? Wohl kaum. Fast parallel fand in Leipzig am 8. September eine mit 120 Teilnehmern wesentlich profunder besetzte Tagung unter dem Titel "2. REKLIM Jahrestagung 'Klimawandel in Regionen'" statt, die 2. Jahrestagung des Helmholtz-Verbundes "Regionale Klimaänderungen" (REKLIM) im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, die sich mit dem beschäftigt hat, was die betroffenen Menschen tatsächlich in Folge des Klimawandels erleben und erleben werden.
"Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Eis, Ozean und Landoberflächen bestimmen das Klimageschehen der Erde", heißt es dazu in der UFZ-Information. "Globale Klimamodelle haben in den vergangenen Jahren erfolgreich geholfen, ein erstes Verständnis großskaliger natürlicher Klimaschwankungen und des menschlichen Einflusses auf das Klima aufzubauen. Allerdings sind viele Prozesse, die das Klima auf verschiedenen Skalen beeinflussen, noch nicht gut erforscht. Aktuell existiert in der Wissenschaft ein breiter Konsens, dass die gegenwärtige Erwärmung der Erde mit hoher Wahrscheinlichkeit überwiegend auf erhöhte Konzentrationen von Treibhausgasen, insbesondere Kohlendioxid, und auf veränderte Landnutzung zurückzuführen ist. Die konkreten Auswirkungen auf einzelne Regionen sind jedoch bisher nicht vollständig verstanden."
Was die Diskussion über konkrete Veränderungen logischerweise recht komplex und kompliziert macht. Nur bezweifeln die Fachwissenschaftler in ihrer Mehrheit längst nicht mehr, dass der Klimawandel in den beschriebenen Größenverhältnissen tatsächlich im Gang ist und zu großen Teilen menschengemacht ist.
Eine recht ausführliche Analyse, wie die Klimaskeptiker mit den Fakten und Daten der Forschung mehr als wählerisch und phantasievoll umgehen, findet man auf www.esowatch.de.
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